"Europe 2031" warnt vor KI-Abhängigkeit:Kann Europa im KI-Rennen noch aufholen?
von Florian Neuhann
Mit einem düsteren Szenario wollte eine Gruppe von KI-Vordenkern wachrütteln. Dann wurde Anthropics neuestes KI-Modell gestoppt und die Fiktion von der Realität überholt.
US-Konzerne wie Google hätten "einen großen Vorsprung", sagt ZDF-Wirtschaftsexperte Neuhann. Es sei aber wichtig, dass die EU das Thema der digitalen Abhängigkeit angeht.
03.06.2026 | 3:19 minIn der Nacht auf den 12. Juni, sagt Judith Dada, wurde sie mehrfach wach - durch ihre kleine Tochter. Und las auf dem Handy Eilmeldungen, die sie nicht mehr einschlafen ließen. Die US-Regierung, hieß es da, habe das neueste KI-Modell der US-Firma Anthropic für Nicht-US-Bürger blockiert - also auch für die Europäische Union. Woraufhin Anthropic erstmal die Notbremse zog - und das Modell weltweit sperrte.
"Europe 2031": Abgehängt von der US-KI?
Es war genau die Entwicklung, vor der die Investorin Judith Dada gemeinsam mit einer Gruppe aus bekannten Vordenkern für Künstliche Intelligenz und Investoren nur wenige Tage vorher gewarnt hatte - in einer düsteren Vision unter dem Titel "Europe 2031".
US-Unternehmen dominieren die Infrastruktur für KI, Hardware kommt größtenteils aus Fernost. Brüssel will die technologische Abhängigkeit reduzieren. Ein umfangreiches Gesetzespaket soll helfen.
03.06.2026 | 2:14 minKern dieses Szenarios ist die Prophezeiung einer Welt, wie sie in fünf Jahren sein könnte: Weil Rechenleistung weltweit extreme Mangelware wird, teilen die USA Spitzen-KI-Modelle nur noch über ein gestaffeltes System zu. Den europäischen Staaten gewähren die USA kurzerhand nur noch die Hälfte der bisherigen Rechenleistung. Ergebnis: Europa wird quasi abgeschnitten.
Trump könnte KI als Druckmittel nutzen
Was die Gruppe für die Jahre 2030/31 prophezeite - sollte es also jetzt schon deutlich früher passieren? "Mir ist die Kinnlade runtergefallen", beschreibt Tech-Investorin Dada den Moment, in dem sie die Nachrichten las.
Es ist, als ob einem plötzlich das Wasser abgedreht wird. Man möchte morgens duschen, macht den Hahn auf und es kommt nichts raus.
Judith Dada, Investorin und Mit-Autorin des Papiers "Europe 2031"
Wie gut lässt sich auf Produkte großer US-Digitalkonzerne in der Praxis verzichten? Dafür testet WISO im Alltag für eine Woche Alternativen bei Software, Cloud, Zahlung und Kommunikation.
08.06.2026 | 8:07 minDer Zugang zu KI - so wichtig wie der Zugang zu Wasser? Das ist nur auf den ersten Blick übertrieben. Künstliche Intelligenz revolutioniert gerade Volkswirtschaften weltweit. Für das Überleben der Wirtschaft dürfte ihre Verfügbarkeit künftig tatsächlich so wichtig werden wie Strom oder eben Wasser. Wer hier komplett von Drittstaaten abhängig ist, hat ein massives Problem.
- Die führenden KI-Modelle kommen fast ausnahmslos aus den USA - von OpenAI bis Google - gefolgt von der chinesischen Konkurrenz Deepseek. Das französische Modell Mistral, oft als europäische Hoffnung gefeiert, kann nach Ansicht von Experten mit der absoluten Weltspitze nicht mithalten.
- Von den weltweiten KI-Supercomputern stehen nach einer Studie aus dem Jahr 2025 gut 75 Prozent in den USA, 15 Prozent in China. Der Anteil der EU liegt bei unter fünf Prozent.
Und US-Präsident Donald Trump macht kein Geheimnis daraus, dass er diese Dominanz als geopolitisches Druckmittel versteht. "Wir sind weltweit führend in Sachen KI und wir wollen, dass das so bleibt", stellte er Anfang Juni klar.
Die USA dominieren die KI-Landschaft und haben mit ihren Technologieriesen einen großen Einfluss. "Mächtig sind die Konzerne geworden, weil wir in Deutschland geschlafen haben", so Daniel Abbou.
17.06.2026 | 5:25 minEuropa muss schnell aufholen
Als Reaktion fordert die Chefin des Startup-Verbandes, Verena Pausder, im Gespräch mit ZDFheute "die größte Aufholjagd der Geschichte". "Generell bin ich total optimistisch, dass, wenn wir es jetzt machen, wir es noch hinkriegen können. Aber das 'Jetzt machen' ist entscheidend", meint Pausder.
Doch dass von Aufholjagd gerade keine Rede sein kann, zeigen Zahlen ihres eigenen Verbandes. Während in den USA die Investitionen in Startups (vor allem aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz) in den vergangenen drei Jahren um 74 Prozent stiegen, stagnierten sie in der EU im selben Zeitraum.
Beim Thema KI dominieren US-Player den Markt. Doch Europa will unabhängiger werden. Wie das gelingen könnte, zeigen seltene Einblicke bei Frankreichs Militär und beim KI-Riesen Mistral.
25.03.2026 | 6:32 minHat Europa das Rennen schon verloren?
KI-Forscher Sebastian Thrun gibt Europa aber noch nicht auf. Thrun ist vom Fach, lebt seit Jahren im Silicon Valley, arbeitete lange bei Google und ist seit Jahren Professor für Künstliche Intelligenz an der renommierten Stanford University. Die USA hätten zwar den ersten Schritt gemacht und die großen Sprachmodelle erfunden. Doch nun folge die entscheidende zweite Phase.
Der nächste Schritt ist, das Ganze umzusetzen in konkrete Industrie, Maschinenbau, Robotik, Medizintechnik, Energietechnik. Da ist Deutschland außerordentlich stark.
Prof. Sebastian Thrun, Professor für Künstliche Intelligenz an der Stanford University
Das Warnpapier "Europe 2031" hat jedenfalls einen Nerv getroffen. Es schaffte es in die "New York Times", den "Economist" - und mittlerweile auf die Schreibtische der europäischen Spitzenpolitik. Noch, sagt auch Mit-Autorin Judith Dada im Gespräch mit ZDFheute, habe sie Hoffnung: "Es ist nie vorbei, bis es wirklich vorbei ist."
Florian Neuhann leitet das ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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