KI-Experte zum Fall Anthropic:Wie leicht Trump uns die Ampeln abschalten könnte
Am Wochenende musste die KI-Firma Anthropic einige ihrer Modelle für alle Nicht-US-Bürger sperren. KI-Experte Daniel Abbou pocht deshalb im Interview auf europäische Alternativen.
Wie groß die Abhängigkeit von amerikanischen KI-Unternehmen ist, zeigt sich am Beispiel von Anthropic.
16.06.2026 | 3:18 minEuropa darf sich im Rennen der KI-Modelle nicht geschlagen geben, sagt Daniel Abbou, Geschäftsführer der Lobbyorganisation "KI-Bundesverband". Warum die deutsche Wirtschaft gefährdet ist und wie die Politik aus seiner Sicht jetzt handeln sollte, sagt er im Interview mit ZDFheute.
ZDFheute: Anthropic sagt, sie wissen selbst nicht ganz genau, warum die US-Regierung sie dazu gezwungen hat, ihr Modell "Fable" abzuschalten. Was ist Ihre Vermutung?
Abbou: Es geht um den Machtkampf zwischen der amerikanischen Regierung und Anthropic im Bereich der militärischen Zulässigkeit ihrer Modelle. Hier hat sich Anthropic ja sehr zurückgehalten.
Was es aber zeigt, ist, dass große KI-Modelle in den USA zum Spielball der Politik geworden sind. Abschaltungen, Zurückhaltung, wer kriegt überhaupt Zugang dazu - das ist heute ein machtpolitisches und kein technisches Thema mehr.
Anthropic hat den Zugang zu den KI-Modellen Fable 5 und Mythos 5 blockiert - auf Anweisung der USA. Betroffen sollten nur Ausländer sein, doch die Firma sperrt den Zugang für alle.
13.06.2026 | 3:13 minZDFheute: Sehen Sie die Abschaltung des Anthropic-Modells erst als ersten Schritt? Kann noch sehr viel mehr passieren?
Abbou: Es wird noch sehr viel mehr passieren.
Jeder, der glaubt, dass das jetzt eine Ausnahmeerscheinung war oder sowas, ist immer noch im Tiefschlaf.
Es geht natürlich darum, dass KI als Machtmittel eingesetzt werden muss. Wir sind so abhängig von nicht-europäischen Playern in Deutschland und in Europa, dass diese Player dieses Mittel auch als Machtfunktion wie Energie oder Öl einsetzen werden.
ZDFheute: Also, es war durchaus schon abzusehen, dass so etwas passiert?
Abbou: Wir haben vor fünf Jahren exakt dieses Szenario als KI-Bundesverband prognostiziert. Wir haben Präsentationen gemacht und wir haben die damalige Bundesregierung darüber informiert.
Wir sind zu den Wirtschaftsverbänden gegangen und haben exakt dieses Szenario beschrieben, aber die Leute waren einfach zu bequem.
Sie wollten einfach keinen Ärger mit den USA oder haben gedacht, es ist halt bequem, dann amerikanische Produkte einzukaufen, anstatt dieses wirklich relevante Thema zu priorisieren.
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11.06.2026 | 0:30 minZDFheute: Angenommen, die US-Regierung würde diesen Hebel jetzt noch öfter benutzen, welche Folgen hätte das denn für die deutsche Wirtschaft?
Abbou: Also wenn man sich jetzt mal rein fiktiv überlegen würde, dass Trump sagt, Amazon muss AWS, also die Cloud-Plattform von Amazon, abschalten. Da würde hier keine Ampel mehr laufen, da würden Dienste nicht mehr erreichbar sein. Das wäre eine Riesengeschichte.
Das muss man sich schon klar machen, dass unsere Abhängigkeit von nicht-europäischen Playern so groß ist, dass sie existenzbedrohend für die Wirtschaft, für die Sicherheit und für das gesellschaftliche Leben ist.
Wir müssen jetzt anfangen, wirklich europäische Lösungen zu präferieren und zu etablieren, damit wir über eine gewisse Zeitschiene hinweg diese Abhängigkeit reduzieren können.
ZDFheute: Sie sprechen eigene Modelle an. Mistral probiert das ja zum Beispiel, aber das ist mit enormen Kosten verbunden, mit riesigen Rechenzentren. Ist es denn realistisch, dass Europa das noch aufholt?
Abbou: Morgen ist es nicht aufholbar, aber diese Technologie ist noch nicht so alt. Und nach wenigen Jahren zu sagen, okay, wir geben auf und stellen weiter Autos her - das kann doch nicht der Anspruch einer deutschen und europäischen Gesellschaft sein.
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09.06.2026 | 1:37 minZDFheute: Welchen Hebel hätte da jetzt die deutsche Politik, um das zu fördern?
Abbou: Ganz klar priorisieren. Im Augenblick läuft die Geldverteilung nach dem Gießkannenprinzip. Es werden alle möglichen kleinen Arten von Projekten gemacht. Und man muss diese Sachen zusammenfassen. Auf nationaler Ebene in Deutschland, aber auch auf europäischer Ebene, sodass dann in unterschiedlichen Mitgliedstaaten unterschiedliche Komponenten gemacht werden und die führt man dann zusammen.
Ich glaube, das ist eine realistische Möglichkeit, wie wir in einem Bereich von fünf bis zehn Jahren aufholen können.
Das Interview führte Johannes Lieber, Redakteur im ZDF-Hauptstadtstudio
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