WISO - Wirtschaft erklärt:Die große Pleitewelle: So schlimm ist es in Deutschland
von Florian Neuhann
2026 gehen so viele Firmen pleite wie seit vielen Jahren nicht mehr. Woran das liegt - und warum in den Insolvenzen vielleicht auch eine Chance liegt.
Der Pleitegeier kreist über Deutschland. Warum sterben gerade so viele Firmen? Was kann die Politik tun? Eröffnet die Krise sogar eine Chance? WISO - Wirtschaft erklärt mit Florian Neuhann.
03.07.2026 | 10:33 min"Himmlisch, mollig, angenehm" - das sollten die Möbel sein. Daher zumindest der Name: "himolla", 1948 gegründet, ein Traditionsunternehmen im bayerischen Taufkirchen. Und ein Riese in der Welt der Möbel - mit insgesamt rund 2.000 Beschäftigten.
Fragt sich nur, wie himmlisch deren Jobaussichten gerade noch sind. Vor wenigen Tagen musste das Unternehmen wegen schwacher Nachfrage und billiger Konkurrenz die Reißleine ziehen und ein Schutzschirmverfahren - eine Sonderform der Insolvenz - beantragen.
2025 war ein hartes Jahr für die deutsche Wirtschaft: Alle 20 Minuten meldeten Unternehmen Insolvenz an. Besonders stark betroffen waren Verkehr, Logistik, Gastgewerbe und Bau.
13.03.2026 | 1:28 minUnd so wird "himolla" ein weiterer Fall in der langen Liste an Firmen, die 2026 vor der möglichen Pleite stehen. Im ersten Halbjahr sind es nach einer Auswertung von "Creditreform" bereits 12.900 Unternehmen, die Insolvenz angemeldet haben: der höchste Stand seit 2013.
Der Pleitegeier kreist: Wie schlimm ist es wirklich?
Statistisch gesehen geht in Deutschland alle 20 Minuten eine Firma pleite. Am stärksten betroffen ist die Dienstleistungsbranche, dicht gefolgt vom Handel. Auf Platz drei rangiert das Baugewerbe. Die Industrie liegt zwar nach reinen Firmenzahlen dahinter, allerdings hängen hier oft Hunderte Arbeitsplätze an einem einzigen Verfahren - weshalb diese Insolvenzen besonders wehtun.
In Baden-Württemberg machen derzeit so viele Firmen dicht, wie schon seit über zehn Jahren nicht. Insolvenzberater warnen, dass eine Deindustrialisierung das Bundesland zurückwerfen könnte.
28.02.2026 | 4:31 minDie Ursachen: Von "Zombies" und Dauerkrisen
Für den aktuellen Anstieg gibt es im Wesentlichen drei Gründe:
1. Der Corona-Nachholeffekt
Während der Pandemie hat der Staat Firmen mit rund 130 Milliarden Euro gestützt. Das verhinderte eine größere Entlassungswelle, hielt aber auch "Zombie-Unternehmen" künstlich am Leben, deren Geschäftsmodell eigentlich schon nicht mehr tragfähig war. Nach dem Auslaufen der Hilfen folgte der verzögerte Kollaps.
Im Jahr 2025 sind die Insolvenzen von Gastrobetrieben zum vierten Mal in Folge gestiegen. Mehr als 2.900 Betriebe waren im letzten Jahr betroffen, berichtet die Wirtschaftsauskunft Creditreform.
19.03.2026 | 0:48 min2. Strukturelle Probleme
Seit 2019 durchlebt Deutschland die längste Phase ohne Wirtschaftswachstum seit Gründung der Bundesrepublik. Gestiegene Kosten für Rohstoffe, Energie und Löhne belasten viele Betriebe. Zudem schwächelt der Export - etwa in Schlüsselbranchen wie der Autoindustrie.
Wirtschaftsexperte Florian Neuhann erklärt, warum die Wirtschaftskrise mehr als eine konjunkturelle Schwächephase ist, welche Probleme dahinterstecken und ob es Hoffnung gibt.
09.01.2026 | 8:50 min3. Der Iran-Krieg
Und schließlich kam im Frühjahr ein Energiepreisschock hinzu, bei dem der Ölpreis zeitweise um über 50 Prozent nach oben schnellte - was vielen angeschlagenen Firmen den endgültigen K.-o.-Schlag versetzte.
Seit Beginn des Iran-Kriegs ist der Ölpreis kräftig angestiegen. Was bedeutet das für die Inflation? WISO - Wirtschaft erklärt mit ZDF-Wirtschaftsexpertin Valerie Haller.
13.03.2026 | 8:51 minSchöpferische Zerstörung: Liegt im Kollaps eine Chance?
So dramatisch jede einzelne Pleite für die Betroffenen ist: Für eine Volkswirtschaft als Ganzes sind Insolvenzen evolutionär notwendig. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter (1883-1950) prägte hierfür den Begriff der "schöpferischen Zerstörung". Seine Theorie: Altes muss weichen, damit Neues entstehen kann. Nur so entstehe Fortschritt.
Doch während die Zerstörung bei uns real zu besichtigen ist, fehlt womöglich der zweite Teil: die Schöpfung. Zwar werden immer mehr neue Unternehmen gegründet, doch zu viele junge Start-ups scheitern im sogenannten Valley of Death (Tal des Todes).
Der Begriff bezeichnet die besondere finanzielle Durststrecke zwischen der ersten Finanzierung und dem Punkt, an dem sich ein Unternehmen selbst finanzieren kann. Genau an diesem Tiefpunkt geht vielen Start-ups in Deutschland das Geld aus. Entweder sterben sie - oder sie wandern ins Ausland ab. Etwa in die USA, wo junge Firmen mit viel Wagniskapital unterstützt werden.
In Deutschland ist die Zahl der Start-up-Gründungen auf einen neuen Rekord gestiegen. Im vergangenen Jahr entstanden 3.568 neue Wachstumsfirmen, 29 Prozent mehr als 2024.
08.01.2026 | 1:16 minWie die Regierung gegensteuern will
Immerhin: Die Regierung hat das Problem erkannt. Seit Anfang des Jahres soll ein neuer "Deutschlandfonds" auch Start-ups fördern. Der Bund stellt dafür Garantien in Höhe von 30 Milliarden Euro zur Verfügung. Mit den Garantien soll privates Geld in Höhe von 130 Milliarden Euro mobilisiert werden. Ein Anfang - doch Marktbeobachter zweifeln am großen Wurf. Dafür seien die Ziele des Fonds zu breit gestreut: von Mittelstandsförderung bis zum Rohstoffabbau.
Ein schnelles Ende der Pleitewelle ist derweil nicht in Sicht: Ökonomen rechnen erst mit einer Trendwende, wenn die Wirtschaft wieder spürbar wächst - frühestens 2027.
Florian Neuhann leitet das ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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