Antrittsbesuch von Kanzler Merz:Chinas Wirtschaftspolitik: Europäer müssen "wirklich agieren"
Chinas Stärke ist eine Chance für europäische Reformen, sagt China-Kenner Jörg Wuttke. Er rät dazu, Deutschland unabhängiger zu machen und europäische Ressourcen besser zu bündeln.
Sehen Sie hier das Interview mit Jörg Wuttke, Experte für chinesische Wirtschaft, in voller Länge.
25.02.2026 | 6:53 minIn Begleitung einer großen Wirtschaftsdelegation ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) für einen zweitätigen Antrittsbesuch nach China gereist. Ziel seiner Reise ist der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zum Reich der Mitte.
Am Mittwoch sagte der Kanzler in Peking, dass das Land ein "umfassender strategischer Partner" Deutschlands sei. Auch der chinesische Präsident Xi Jinping sagte, er habe "den chinesisch-deutschen Beziehungen immer große Bedeutung zugesprochen". Er sei bereit, gemeinsam mit dem Bundeskanzler daran zu arbeiten, die "umfassende strategische Partnerschaft zwischen China und Deutschland" auf ein "neues Niveau" zu heben.
Kanzler Merz in Peking: Seit US-Präsident Trump die Welt mit Zöllen traktiert, sucht Deutschland mehr Nähe zum schwierigen Handelspartner China.
25.02.2026 | 2:55 minJörg Wuttke war jahrzehntelang deutscher Industrievertreter in China, unter anderem als Präsident der europäisch-chinesischen Handelskammer. Im Interview mit dem ZDF heute journal spricht er über ...
... den "Export-Tsunami nach Europa"
Deutschland ist für China die wichtigste Handelsnation Europas, erklärte Wuttke. Zwar schätze Peking Deutschland als wichtigen Innovationspartner, doch den warmen Worten der chinesischen Regierung müssten Taten folgen. Wuttke lobt den Kanzler dafür, das Problem der chinesischen Überkapazitäten in Peking offen angesprochen zu haben.
Diese bedrohen den hiesigen Standort massiv, da Deutschland monatlich zehntausend Jobs im herstellenden Gewerbe verliere. Merz müsse den Chinesen klarmachen, dass Europa auf diesen "Export-Tsunami nach Europa" reagieren muss. Der Kanzler sei gut beraten, hier eine klare Position zu beziehen.
...war 27 Jahre lang Repräsentant von BASF in China und mehrfacher Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking. Heute arbeitet er für die US-Politikberatung DGA in Washington. Als renommierter China-Experte beriet er Kanzler Merz vor dessen Antrittsbesuch in Peking.
Quelle: DGA Allbright Stonebridge Group
Bundeskanzler Friedrich Merz reist zum Antrittsbesuch nach China. Was erwarten deutsche Unternehmen von den Gesprächen? ZDF-Börsenexperte Frank Bethmann berichtet.
24.02.2026 | 1:11 min... europäische Antworten auf Chinas Wirtschaftspolitik
Der chinesische Markt sei sehr komplex, erklärt Wuttke. Er empfiehlt, die Zölle Chinas im europäischen Zusammenhang zu betrachten. Europa müsse entscheiden: "Welche Industrien wollen wir schützen? Wie schaffen wir das, ohne protektionistisch zu werden?"
Da müssen die Europäer jetzt langsam wirklich agieren. Sie dürfen sich nicht von den Chinesen raushalten lassen.
Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der Europäischen Handelskammer in China
Preisvorgaben für chinesische Produkte in Europa seien eine Option. Kanada habe beispielsweise Höchstmengen für Produkte eingeführt, die dort aus China angeboten werden dürfen.
China hat sich zum Hightech-Land entwickelt. Es stellt viele Produkte her, die Deutschland einst zum Exportweltmeister gemacht haben. Wie gefährlich ist Chinas Export-Flut für uns?
24.02.2026 | 8:46 minAuch der an den US-Dollar geknüpfte Wechselkurs sei ein großes Problem für ausländische Firmen, so Wuttke. In den vergangenen Jahren habe das die chinesische Volkswährung stark abgewertet. "Das bedeutet, dass für Europäer der Wettbewerb in China schwer ist - aber wir auch gleichzeitig global gegen die Chinesen kaum noch ankommen", erklärt der Experte.
An der Währung muss gedreht werden, der Renminbi kann nicht bei 7:1 zum Dollar bleiben.
Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der Europäischen Handelskammer in China
Korrekturen seien nötig, auch das habe der Kanzler angebracht.
ZDFheute Infografik
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... eine Abkopplung von China
Sogenanntes De-Coupling, also sich wirtschaftlich komplett von China zu trennen, hält Wuttke genau wie Merz für schwierig: "Wenn wir uns von China trennen würden, hätten wir keine Pharma-Vorprodukte mehr, wir hätten keine Magnete. In vielerlei Hinsicht hätten wir auch keine Spielzeuge oder Möbel mehr." Das müsse genau kalibriert werden.
China nutzt seine Rohstoffe und industriellen Verarbeitungsmöglichkeiten zunehmend strategisch. Machen sich deutsche Unternehmen unabhängiger davon? Bislang ist das die Ausnahme.
17.12.2025 | 2:50 minDass die Vereinigten Staaten sich von chinesischen Chips getrennt hätten, habe beispielsweise dazu geführt, dass die Chinesen in der Chip-Entwicklung selbst stark aufholten. Der Experte für chinesische Wirtschaft warnt: "Man muss aufpassen, dass man nicht die Chinesen noch anregt, in einigen Bereichen besonders kreativ zu werden."
Man muss im Gespräch bleiben und China gleichzeitig als Sputnik-Moment wahrnehmen, als Schreckensmoment.
Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der Europäischen Handelskammer in China
Sehr offen habe der Kanzler die wirtschaftlichen Probleme in den Handelsbeziehungen mit China angesprochen, sagt Diana Zimmermann in Peking.
25.02.2026 | 2:53 minDas Ziel für Europa solle sein, in zehn Jahren eigene Fabriken für kritische Rohstoffe wie Seltene Erden zu besitzen, so Wuttke. Europa solle seine Ressourcen bündeln.
Europa hat eine goldene Möglichkeit, sich endlich mal um seine eigenen Reformen zu kümmern und vielleicht kann China der Ansatz sein.
Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der Europäischen Handelskammer in China
China könne so der entscheidende Ansatzpunkt für eine europäische Erneuerung sein.
Das Interview führte Christian Sievers, zusammengefasst hat es Anne Sophie Feil.
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