Kampf um Ressourcen:Arktis: Kanada rüstet auf, Deutschland will profitieren
von Frank Bethmann
Kanada investiert Milliarden in die Arktisverteidigung. Es geht um strategische Kontrolle, Rohstoffe und kürzere Seewege. Auch Deutschland könnte einen großen Auftrag ergattern.
Die Arktis wird als Wirtschaftsraum immer interessanter, berichtet ZDF-Korrespondent Frank Bethmann.
04.04.2026 | 1:13 minDer kanadische Premierminister Mark Carney hat den Ton gesetzt: "Wir werden uns nicht länger von einer einzigen Nation abhängig machen." Gemeint sind die USA. Dabei geht es auch um die Arktis. Mit einem Investitionspaket von 35 Milliarden kanadischen Dollar will Ottawa seine militärische Präsenz im hohen Norden massiv ausbauen: Flugplätze, Logistikzentren, Überwachungssysteme.
Es ist die teuerste Neuausrichtung kanadischer Verteidigungspolitik seit Jahrzehnten. Doch hinter den Zahlen steckt mehr als nur ein Haushaltsposten. Es ist ein Wettlauf um Ressourcen, Seewege, strategische Kontrolle.
Europa versucht, unabhängiger von den USA zu werden und gleichzeitig die NATO intakt zu halten. Die europäischen Verteidigungsminister setzen Hoffnung in die neue Arktis-Mission.
11.02.2026 | 2:40 minWettlauf: Russland rückt vor, China zieht nach
Der Auslöser für Kanada ist nicht allein das gespannte Verhältnis zu Washington. Die Bedrohungen entwickeln sich von klimatischen Veränderungen über wirtschaftliche Risiken bis hin zu strategischen und militärischen Gefahren, darunter die immer weiter nördlich vorrückende russische Infrastruktur im Bereich des Polarkreises.
Russland hat in den vergangenen Jahren systematisch Militärstützpunkte, Radaranlagen und Eisbrecher-Flotten ausgebaut. "Russland hat militärisch ein deutliches Übergewicht in der Arktis", warnt Michael Paul, Arktis-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Hinzu kommt China: Peking bezeichnet sich selbst als "arktisnahen Staat", investiert in Forschungsstationen auf Spitzbergen und treibt die Idee einer "Polaren Seidenstraße" voran. Der chinesisch-russische Schulterschluss im Norden bereitet längst nicht mehr nur westlichen Strategen Kopfschmerzen. Spätestens seit US-Präsident Donald Trump nach Grönland griff, ist die militärische Bedeutung der Arktis auch in der Bevölkerung angekommen.
Kanadas Aufrüstung in der Arktis: U-Boote, Satelliten, Drohnen
Nicht zuletzt sind es Kanadas immense Militäranstrengungen, die auch für Deutschland von Bedeutung sind. Die Regierung in Ottawa investiert Milliarden in neue U-Boote, Fregatten und Cyberabwehr. "Volkswirtschaftlich ist das hochinteressant", so Paul. Das Canadian Patrol Submarine Project sieht die Beschaffung von bis zu zwölf neuen U-Booten vor, die gleichzeitige Patrouillen im Atlantik, Pazifik und in der Arktis ermöglichen sollen.
Das Programmvolumen liegt bei rund 60 Milliarden kanadischen Dollar. In der engeren Auswahl: auch ein deutsches Unternehmen - ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) mit dem U-Boot-Typ 212CD. Damit könnte Kanada dem bisher noch bilateralen U-Boot-Projekt von Norwegen und Deutschland beitreten, etwas, wofür sich der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bereits im vergangenen Herbst stark gemacht hatte. Neben Deutschland konkurriert noch die südkoreanische Firma Hanwha Ocean um den Auftrag. Eine Entscheidung darüber, wer den Zuschlag bekommt, ist für 2027 geplant.
Es gehe hier "nicht um eine Antwort auf Donald Trump", sagt Verteidigungsminister Pistorius zur Nato-Mission "Arctic Sentry". Es gehe "darum, in der Arktis Präsenz zu zeigen.“
11.02.2026 | 5:05 minNeue Schiffsrouten in der Arktis: Enorme Chance für Handel und Industrie
Im Kern des Konflikts liegt eine der wichtigsten Fragen arktischer Geopolitik: Wem gehört die Nordwestpassage? Kanada betrachtet diese Gewässer als innere Hoheitsgewässer. Die USA hingegen bestehen auf internationalem Transitrecht.
Auch für Deutschland als Handelsnation spielen die neuen Schifffahrtsrouten eine große Rolle. Eine um rund 40 Prozent verkürzte Strecke durch die Arktis wäre insbesondere für den Transport in die Pazifikregion von wirtschaftlichem Vorteil, zum Beispiel für Maschinenbauteile, die mit engem Terminplan nach Asien geliefert werden müssen. Doch Arktis-Fachmann Paul ist zurückhaltend, was Handelsschiffe auf den neuen Routen angeht:
Die Gefahr, dass sie doch auf Eis treffen, führt dazu, dass die Schiffe sehr langsam fahren müssen. Die ganze Zeitersparnis, von der die Rede ist, die können sie dann vergessen.
Dr. Michael Paul, Arktis-Experte, Stiftung Wissenschaft und Politik
Darüber hinaus, ergänzt Paul, bräuchten die Schiffe Eisbrecherbegleitung. Zudem seien die Versicherungsprämien für die nördliche Seeroute noch sehr hoch. Und so wundert es nicht, dass sich auch die großen Schifffahrtskonzerne bisher eher zögerlich äußern. Bislang sei die Passage zu unwirtschaftlich. Aber das kann sich ändern.
Die Arktis ist für den Kreml eine strategische Region. Nicht nur reich an Bodenschätzen, sondern von Bedeutung für die Gewährleistung der Sicherheit Russlands.
14.01.2026 | 2:31 minRohstoffe in der Arktis wecken Begehrlichkeiten
Eisfreie Seewege bieten noch einen anderen strategischen Vorteil. Sie erleichtern den Zugang zu bislang unzugänglichen Lagerstätten von Öl, Gas, Kohle, Industrie- und Edelmetallen sowie Seltenen Erden.
Schätzungen zufolge lagern rund 30 Prozent der weltweiten unentdeckten Erdgasreserven und bis zu 13 Prozent der Ölreserven in der Arktis. Das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven prognostiziert, dass noch vor 2050 weite Teile der Arktis zumindest in manchen Sommern eisfrei sein werden.
Grönland rückt in den Fokus
Bei Kangerlussuaq in Grönland sollen ab 2027 Seltene Erden gefördert werden. Die EU hat bereits eine Rohstoffpartnerschaft mit Grönland geschlossen. Für Deutschland als Industrienation wichtig, denn an diesen Rohstoffen hängen viele Arbeitsplätze. Außerdem könnte Deutschland dadurch auch unabhängiger vom Rohstofflieferanten China werden.
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Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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