Ruderin startet als Para-Langläuferin:Deutscher Paralympics-Star Marchand schreibt Sportgeschichte
von Lars Becker
Bei Olympia startete sie im Ruderboot, bei den Winter-Paralympics steht sie auf schneebedeckten Ski: Kathrin Marchand liefert eine unglaubliche Geschichte - und plant noch mehr.
Kathrin Marchand will das Olympia- und Paralympics-Quartett komplett machen. (Archivbild)
Quelle: dpaKathrin Marchand entfesselt in diesen Tagen so viel Medieninteresse wie selten zuvor für den Para-Sport in Deutschland.
Kein Wunder, schließlich ist die Geschichte der 35 Jahre alten Athletin aus Köln weltweit einzigartig.
Paralympics 2026: Holt eine Ruderin die Medaille auf Skiern?
Nach zwei Olympia-Starts als Ruderin erlitt Marchand 2021 einen Schlaganfall ("Seitdem genieße ich jeden einzelnen Tag meines Lebens"). 2024 kehrte sie als Para-Ruderin bei den Sommer-Paralympics in Paris zurück, wurde Europa- und Weltmeisterin im Para-Mixed-Zweier und will nun am Dienstag bei den Winter-Paralympics in Lago di Tesero im Schnee eine Medaille im Para-Skilanglauf-Sprint gewinnen.
Im Kopf hat diese außergewöhnliche Frau schon den nächsten verrückten Plan, um das Olympia- und Paralympics-Quartett komplett zu machen: Sie träumt von einem Start bei Winter-Olympia. "Es ist krass, wie viel Aufmerksamkeit jetzt schon da ist", sagt Kathrin Marchand im italienischen Sonnenschein: "Das ist wichtig für den Para-Sport, in dem so unglaubliche Leistungen vollbracht werden."
Ihre Geschichte ist das beste Beispiel. Silvester 2024 startete die 1,82 Meter große Ruderin in Notschrei im Schwarzwald mit dem ersten ernsthaften Training auf Langlauf-Ski. 14 Monate später ist sie bei diesen Winter-Paralympics eine ernsthafte Anwärterin auf eine Sprint-Medaille.
Markus Rehm sorgt im Weitsprung für eine historische Marke, Valentin Luz und Kathrin Marchand rudern zum ersten WM-Gold und Schwimmer Josia Topf schafft Herausragendes.
18.12.2025 | 1:46 minIch bin am Anfang keinen Zentimeter auf Ski vorwärtsgekommen. Es ist krass, wie viel besser ich geworden bin.
Kathrin Marchand
Die verrückte Idee eines Starts bei den Winter-Paralympics entstand zwei Tage nach dem Finale der Sommerspiele der Menschen mit Behinderung in Paris. Das Einzige, was am Anfang dafür sprach, war ihre Ausdauer-Fähigkeit und fast 30 Jahre Leistungssport-Erfahrung.
Kathrin Marchand: Stürze und ein unbändiger Wille
Sie erlebte besonders in den Abfahrten auf den schmalen Brettern viele schmerzhafte Stürze: Nach ihrem Schlaganfall hat Marchand Probleme mit der Taubheit auf der linken Körperseite und sieht auch nicht mehr so gut ("Ich darf nicht mal mehr Auto fahren"). Aber sie gab nicht auf und schaffte selbst zur Überraschung des anfangs skeptischen Bundestrainers Ralf Rombach die Quali für die Winter-Paralympics.
Kathrin hat in diesem Projekt bewiesen, was im Sport möglich ist. Sie hat die Kondition, Kraft und einen unbändigen Willen mitgebracht, wir mussten ihr das Skifahrerische beibringen.
Bundestrainer Ralf Rombach
Schon jetzt hat Kathrin Marchand mit ihrem Start bei Sommer-Olympia, Sommer-Paralympics und nun Winter-Paralympics weltweit Sport-Geschichte geschrieben. Bei drei verschiedenen dieser Megasport-Events war bisher nur der Niederländer Jeroen Straathof dabei: Er startete 1994 bei den Olympischen Winterspielen im Eisschnelllauf, bei den Paralympics in Sydney 2000 als Guide eines sehbehinderten Radsportlers und 2004 bei Sommer-Olympia in der Bahn-Mannschaftsverfolgung im Radsport.
Nach ihrem Winter-Paralympics-Auftritt als Skilangläuferin steht schon am 7. April der erste Leistungstest im Para-Rudern an. Am 13. Mai folgt die erste Ausscheidung für die Weltmeisterschaft.
Marchand mag diesen Wechsel zwischen zwei völlig unterschiedlichen Sportarten: "Das Winter-Training im Rudern macht genauso wenig Spaß wie das Sommertraining im Skilanglauf. Wenn ich beide Sportarten mache, steht eigentlich immer der nächste Wettkampf bevor."
Winter-Olympia als Curlerin?
Kathrin Marchand träumt davon, als erster Mensch auch beim vierten Megasport-Event teilzunehmen: Winter-Olympia. Ihre verrückte Idee: Sie könnte es bis zu den Winterspielen 2034 in acht Jahren in das deutsche Curling-Nationalteam schaffen. Bei Instagram folgt sie schon dem deutschen Curler Sixten Totzek, der dieses Winter-Olympia knapp verpasst hat.
Schon jetzt hat ihre einmalige Geschichte und der Europa- und Weltmeistertitel im Para-Rudern einige Türen in der Business-Welt geöffnet. Neben Sponsoren finanziert Kathrin Marchand den Sport durch eine Berufsunfähigkeitsrente und Unterstützung von der Sporthilfe. Das reicht aber bislang nicht, um Vollsport-Profi zu sein:
Deshalb arbeitet die Ärztin momentan noch fünf bis sechs Tage im Monat auf Honorarbasis in einer Privatklinik. Künftig würde sie sich ganz auf ihr anspruchsvolles Duett aus Sommer- und Wintersport konzentrieren.
"Das mit dem Curling wäre doch eine unglaubliche Geschichte", sagt Marchand: "Dafür bräuchte ich aber einen Sponsor, der mich langfristig bei diesem Plan unterstützt." Unmöglich? Mit dem Paralympics-Start im Skilanglauf hat Kathrin Marchand schon einmal bewiesen, welche Hindernisse sie überwinden kann.