Boom zur Fußball-WM:Kicktipp: Das einfache Geschäftsmodell hinter dem Tippspiel
von Sven-Hendrik Hahn
Zur Fußball-WM tippen Millionen Menschen mit Freunden und Kollegen die Ergebnisse. Die meisten davon bei Kicktipp. Wie das Zwei-Mann-Unternehmen zum Marktführer wurde.
Zur Fußball-WM 2026 tippen Millionen Menschen über die Plattform Kicktipp. Wer hinter dem Unternehmen steckt, erklärt ZDF-Reporter Sven-Hendrik Hahn.
21.06.2026 | 0:54 minWenn Janning Vygen erklären soll, wie groß Kicktipp inzwischen geworden ist, spricht er nicht von Statistiken und Umsatzzahlen. Der Gründer der Plattform erzählt von seinem Kneipenbesuch beim WM-Spiel Frankreich gegen Senegal am vergangenen Dienstag. Nach jedem Tor hätten die Menschen um ihn herum ihre Smartphones gezückt. Nicht um in Soziale Netzwerke zu gehen - sondern um Kicktipp zu checken. "Erst dann werden die Zahlen real", sagt Vygen.
Zur Fußball-WM sind Millionen im Tippfieber
Und diese Zahlen sind beachtlich. Zur Fußball-WM 2026 zählt die Plattform nach eigenen Angaben mehr als 6,5 Millionen angemeldete Nutzerinnen und Nutzer, damit übertreffen sie ihre bisherige Bestmarke während der EM 2024 mit sechs Millionen. Zu WM-Zeiten gehört Kicktipp zu den meistbesuchten Websites Deutschlands.
Wir verzeichnen in Spitzenzeiten bis zu 100.000 Requests pro Sekunde.
Janning Vygen, Gründer von Kicktipp
Dadurch wird klar, welche Dimension die einfache Idee inzwischen erreicht hat. Die Zugriffszahlen entsprechen in WM-Momenten denen der größten digitalen Plattformen wie Google und Youtube und stellen hohe Anforderungen an die Serverinfrastruktur.
Die Fußball-WM 2026 wird die größte aller Zeiten werden. FIFA-Präsident Infantino verspricht "104 Superbowls". Einige Spieler feiern ihren Abschied.
11.06.2026 | 4:19 minDaher war Vygen vor der WM auch etwas angespannt, dass die Technik, die angemieteten Hochleistungsserver beispielsweise, funktionieren, sagt er: "Wenn bei uns was schiefgeht, geht es meistens für alle schief. Dann sind über sechs Millionen Leute betroffen".
Das steckt hinter Kicktipp: Simples Spielprinzip, kleines Team
Aus einer privaten Tipprunde unter Freunden Mitte der 1990er Jahre entwickelte der damalige Jura-Student Janning Vygen eine Plattform, die heute fester Bestandteil deutscher Fußballkultur ist.
Kicktipp ist für Tipper in der Basisversion kostenlos. Geld verdient das Unternehmen mit Werbung, Premiumfunktionen und einem Profipaket für Firmen, Vereine und Medienhäuser. Diese können eigene Tippspiele aufsetzen - werbefrei und im eigenen Design. Rund zwei Drittel der Erlöse stammen nach Angaben des Unternehmens aus Werbung. Kicktipp gibt es inzwischen in acht Sprachen, aber mit Abstand die meisten Tipper kommen laut Gründer Janning Vygen aus Deutschland.
In Büros, Behörden und Familiengruppen läuft zur Weltmeisterschaft ein zweiter Wettbewerb: Wer tippt die Spiele am besten? Die Idee dahinter klingt simpel: "Wir machen die Plattform so, wie sie uns gefällt und wir sie am liebsten selbst nutzen", erklärt der Gründer.
Hinter der Plattform steht kein großer Konzern. Kicktipp wird bis heute von Vygen und einem Entwickler betrieben, fast alle Abläufe liefen automatisiert, sagt er. Ein Zwei-Mann-Unternehmen, das zu WM-Beginn Spitzenplätze der Download-Charts in den deutschen App-Stores für Smartphones belegte.
Die Fußball-WM 2026 steht viel in der Kritik. Donald Trump und FIFA-Chef Gianni Infantino versuchten im Vorfeld die politischen Störfeuer klein zu halten. Denn es geht um viel Geld.
07.06.2026 | 2:44 minTippspiel mit Gewinn
Trotzdem wirkt der Gründer gelassen, als wir ihn zum Online-Interview treffen. Er spricht wie jemand, der sich über den Erfolg seiner Idee einfach freut. Übernahmeangebote habe es gegeben, erzählt er. Ernsthaft verfolgt habe er sie nie, sondern abgeblockt: "Ich mache meinen Job echt gerne, wir wollen nicht verkaufen."
Befragt zu Umsatz und Gewinn, erklärt der Gründer: "Da muss ich selbst nachsehen." Geld sei nicht der entscheidende Antrieb gewesen, aber das Modell rechnet sich: Laut Janning Vygen liegt der Umsatz im Jahresschnitt bei einer Million Euro, in WM-Jahren höher. Der Gewinn vor Steuern bewege sich um 500.000 Euro.
Der weltweite Sportwettenmarkt wird 2026 laut einer Statista-Marktanalyse voraussichtlich rund 76 Milliarden Euro umsetzen. Wachstumstreiber sind mobile Apps und Livewetten. Fußball-Weltmeisterschaften gehören zu den wichtigsten Einzelereignissen der Branche.
Tippspiel-Plattformen wie Kicktipp sind davon klar abzugrenzen: Nutzer setzen in der Regel kein Geld ein. Anbieter verdienen nicht an verlorenen Wetten, sondern an Werbung und Premiumangeboten. Ihr wirtschaftlicher Wert liegt vor allem in Reichweite und Nutzerbindung.
Große Konkurrenz, kleiner Marktführer
Medienhäuser und Fußballmagazine wie der "Kicker", Vergleichsportale wie "Check 24" und kommerzielle Wettanbieter setzen auf eigene Tippspiele. Dass sich Kicktipp trotzdem behauptet, kann sich Vygen selbst nicht so richtig erklären.
Nach Einschätzung von Michel Clement, Professor für Marketing und Medienmanagement an der Universität Hamburg, liegt es vor allem an den Netzwerkeffekten: "Tippspiele sind zunächst einmal eine Plattform, zu der sich Personen versammeln, die ein gemeinsames Interesse haben."
Auch Janning Vygen meint: "Es ist viel schöner, mit seinen Freunden zu wetten", sagt er. "Das ist eigentlich wie Biertrinken. Das macht man ja auch am besten mit Freunden - und nicht alleine zu Hause." Dass Künstliche Intelligenz daran etwas ändern könnte, glaubt er nicht. "Die KI kann ja auch nicht in die Zukunft gucken", sagt Vygen und lacht. Zumindest noch nicht.
Zur Fußball-WM steigen Umsätze bei Bier, Technik und Fanartikeln. Doch der Effekt ist meist kurzfristig. Wer in Deutschland profitiert - und warum der große Boom ausbleibt.
08.06.2026 | 4:03 minTippspiele als doppelter Wirtschaftsfaktor
Obwohl vordergründig bei Kicktipp kein Geld fließe, entstehe ein Wert: In der digitalen Werbewelt seien Verweildauer und Interaktionsrate entscheidend, erläutert Clement. Beides sei bei Tippspielen besonders hoch, weil die Nutzer über Wochen hinweg immer wieder auf die Plattform zurückkehrten.
Für Unternehmen und Behörden seien Tippspiele zudem weit mehr als Unterhaltung. Sie wirkten als "sozialer Kitt", sagt Clement, der an seiner Universität eine eigene Tipprunde veranstaltet: "Von der Praktikantin bis zur Geschäftsführung oder bei uns vom Studenten zur Dekanin können alle mitmachen und mitfiebern". All das mache Tippspiele so wertvoll.
Sven-Hendrik Hahn ist Redakteur beim ZDF-Wirtschaftsmagazin WISO.
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