Ermittlung gegen Spieler Demiral:Wolfsgruß bei EM: Was es damit auf sich hat
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Der türkische Spieler Merih Demiral hat seinen zweiten Treffer gegen Österreich mit dem rechtsextremen Wolfsgruß gefeiert. Die UEFA leitet Ermittlungen ein. Die Hintergründe.
Der türkische Torschütze Demiral zeigte beim Torjubel den sogenannten Wolfsgruß. Die UEFA ermittelt nun. Demiral verteidigt die Geste als Ausdruck seiner Freude.
03.07.2024 | 2:03 minWirbel um den türkischen Fußballspieler Merih Demiral: Der 26-Jährige formte nach seinem zweiten Treffer am Dienstagabend im EM-Achtelfinale gegen Österreich (2:1) mit beiden Händen den sogenannten Wolfsgruß. Die Europäische Fußball-Union UEFA hat nun ein Untersuchungsverfahren gegen Demiral eingeleitet.
Es gehe dabei um ein angebliches unangemessenes Verhalten des 26-Jährigen, teilte die UEFA am Mittwochvormittag mit. Sollte Demiral bestraft werden, könnten ihm Folgen für das anstehende Viertelfinale gegen die Niederlande drohen.
Doch was hat es mit der Geste, die zwei Finger als Ohren abgespreizt und die anderen drei zur Schnauze geformt - auf sich?
Zeichen der rechtsextremen "Grauen Wölfe"
Was zunächst putzig erscheinen mag, weil es einen Wolfskopf visualisiert, ist das Erkennungszeichen der "Grauen Wölfe". Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht von mehr als 12.000 "Grauen Wölfen" in Deutschland. Davon sei der überwiegende Teil - etwa 10.500 Anhänger - in Vereinen organisiert, die wiederum unter dem Dach größerer Verbände zusammengeschlossen sind. Damit handelt es sich bei ihnen um eine der größten rechtsextremen Gruppe in Deutschland. In Frankreich sind die "Grauen Wölfe" verboten, in Österreich ihre Symbole - in Deutschland hingegen sind weder die Organisation noch ihr Gruß verboten.
Als "Graue Wölfe" werden die Anhänger der rechtsextremistischen "Ülkücü-Bewegung" bezeichnet, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In der Türkei ist die ultranationalistische MHP ihre politische Vertretung und Bündnispartnerin der islamisch-konservativen AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan.
Die "Grauen Wölfe" vertreten einen "ethnischen Nationalismus" und Panturkismus, der eine Vereinigung aller Turkvölker von Anatolien bis Zentralasien anstrebt. Ihr großes Ideal ist der "Turan", ein großtürkisches Reich und die Eliminierung der politischen Gegner. Zu den Feindbildern dieser panturkistischen Ideologie gehören Linke und Nichtmuslime, wie Christen und Juden - und Menschen armenischer, kurdischer und alevitischer Herkunft.
Menschenrechtler fordern Verbot des Wolfsgrußes im Stadion
Der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli erklärt im ZDFheute-Gespräch, dass der Wolfsgruß aus einem alttürkischen Mythos stammt und Stärke der Bewegung symbolisieren soll.
Wer den Wolfsgruß zeigt, bekennt sich offen zur Ideologie der "Grauen Wölfe".
Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler
Das Symbol gilt laut Küpeli auch als "provozierend gegenüber politisch nicht-gleichgesinnten Menschen und wird vor allem auf Demonstrationen skandiert."
Doch die Geste wird seit dem Beginn der Fußball-EM von Türkei-Fans immer wieder offen gebraucht. "Dies geschah wiederholt und wurde live im Fernsehen übertragen", kritisierte der Nahost-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido - und fordert den europäischen Fußballverband UEFA auf, das Zeigen des Wolfsgrußes mit einem Stadionverbot zu belegen. Dass ein türkischer Fußballspieler den Gruß offen zeigt, löst breites Entsetzen aus und hat die Diskussion um die Geste neu entflammt.
Demiral: "Keine versteckte Botschaft" hinter der Geste
"Wie ich gefeiert habe, hat etwas mit meiner türkischen Identität zu tun", sagte Demiral nach Mitternacht im Leipziger EM-Stadion. "Deswegen habe ich diese Geste gemacht. Ich habe Leute im Stadion gesehen, die diese Geste auch gemacht haben." Es stecke "keine versteckte Botschaft" dahinter.
Wir sind alle Türken, ich bin sehr stolz darauf, Türke zu sein und das ist der Sinn dieser Geste.
Merih Demiral, türkischer Nationalspieler
"Ich wollte einfach nur demonstrieren, wie sehr ich mich freue und wie stolz ich bin." Es werde hoffentlich noch mehr Gelegenheiten geben, die Geste zu zeigen.
"Keine Sympathiebekundung für die Türkei"
Der türkische Fußballstar verwendet laut eigenen Angaben die Symbolik des Wolfsgrußes, um zu demonstrieren, dass er stolzer Türke sei - und hat angekündigt es weiterhin zu benutzen. Der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli entgegnet:
Jeder Erwachsene kennt dieses Zeichen. Es ist keine Sympathiebekundung für die Türkei, sondern ein klares Bekenntnis zu den "Grauen Wölfen".
Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler
Kritik von vielen Seiten
In der Bundespolitik zeigt man sich empört über die Geste. "Die Symbole türkischer Rechtsextremisten haben in unseren Stadien nichts zu suchen", teilte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) auf X mit. Es sei inakzeptabel, die Fußball-Europameisterschaft als Plattform für Rassismus zu nutzen.
Auch für Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) ist die Botschaft "rechtsextrem, steht für Terror, Faschismus." Sevim Dagdelen, außenpolitische Sprecherin vom Bündnis Sahra Wagenknecht, sagte:
Es ist skandalös, dass die Bundesregierung ein Verbot der islamistisch-türkischen Organisation und ihrer faschistischen Symbolik seit Jahren verschleppt.
Sevim Dagdelen, außenpolitische Sprecherin, BSW
Kritik aus der alevitischen Community: Geste "klare Provokation"
Das wünscht sich auch die kurdische Gemeinde in Deutschland. "Fans übernehmen solche Zeichen, unter türkischen Jugendlichen auch in Deutschland gilt es als cool, rechtsextrem zu sein", erklärte der Bundesvorsitzende Ali Toprak. "Man stelle sich vor, ein österreichischer Spieler hätte nach einem Torschuss einen Hitlergruß gezeigt."
Die Haltung von Demiral stößt besonders auch in der alevitischen Community auf Empörung: "Dass der Wolfsgruß zum Jahrestag des Pogroms in Sivas gezeigt wurde, ist eine klare Provokation", erklärt Küpeli. Am 2. Juli 1993 attackierte ein islamistischer Mob die Teilnehmer eines alevitischen Kulturfestivals und setzte das Madımak-Hotel in Brand, in dem viele der Festivalbesucher untergebracht waren. 35 Menschen verloren ihr Leben.
Das Alevitentum ist ein Glaube, der seinen Ursprung in Anatolien hat und sich von den traditionellen monotheistischen Religionen unterscheidet. Es handelt sich um einen pantheistischen Glauben, der das Göttliche in allem sieht und den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Im Alevitentum geht es darum, "ein guter und vollkommener Mensch" zu sein.
Etwa 95 Prozent aller Aleviten stammen aus der Türkei, wo sie rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen und nach den sunnitischen Muslimen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft bilden. Trotzdem ist das Alevitentum in der Türkei bis heute nicht als eigenständige Religion anerkannt.
In Deutschland leben zwischen 500.000 und 800.000 Menschen mit alevitischen Wurzeln, wobei die genaue Zahl schwer zu bestimmen ist. Die alevitische Gemeinde in Deutschland ist jedoch als rechtlich anerkannte Religionsgemeinschaft etabliert.
Quelle: Bund der alevitischen Jugendlichen in Deutschland e.V.
Quelle: ZDF, dpa, EPD
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