Weltmeister Spanien als Vorbild:Deutschland sucht die Spielidee
von Frank Hellmann
Seine Philosophie will Jürgen Klopp auch bei der Nationalelf verankern. Es könnte dem Bundestrainer helfen, wenn Klubs wie Leipzig und Leverkusen der spanischen Lehre folgen.
Nach dem WM-Aus braucht es eine neue Spiel-Philosophie: Aleksandar Pavlovic (li.) und Joshua Kimmich.
Quelle: dpaZu den vielen Gratulanten nach dem WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien (1:0 n.V.) gehörte auch Jürgen Klopp. "Spanien ist hochverdient Weltmeister geworden", hielt der 59-Jährige bereits in New Jersey fest, als seine Ernennung zum neuen Bundestrainer sich zwar abzeichnete, aber eben noch nicht offiziell verkündet war. Diese Mannschaft habe modernen Fußball auf höchstem Niveau verkörpert.
Kürzlich bei seiner Vorstellung in Frankfurt kam ihm noch ein Stoßseufzer der Erleichterung über die Lippen, dass sich die Iberer mit einem spielerischen Ansatz durchgesetzt hatten - und nicht die raubeinige Gangart der Südamerikaner.
Jürgen Klopp ist als neuer Bundestrainer vorgestellt worden. Die Erwartungen sind riesig. Bei seiner Präsentation gibt Klopp einen Einblick, wie er sich seine Aufgabe vorstellt.
24.07.2026 | 2:47 minGerade sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler in Vertretung von Klopp auf dem Internationalen Trainerkongress in Mainz:
Ich möchte keine Mannschaft haben, die so spielt wie Argentinien. Das hatte mit Fußball nicht so viel zu tun.
Rudi Völler, DFB-Sportdirektor
Im Mittelpunkt steht die hohe Pressingschule
Aber wie könnte die Spielidee für die deutsche Nationalelf künftig aussehen? "Gegenpressing ist wichtig, eine gute Organisation, stabil zu stehen", erklärte Klopp, der eine "klare Idee erkennbar machen" möchte. Es wird eine ähnliche Identität sein, die bereits den FSV Mainz 05 in die Bundesliga, dann Borussia Dortmund und den FC Liverpool zu Titeln geführt hat.
Im Mittelpunkt steht dabei die hohe Pressingschule. Dazu braucht es Lauf- und Leistungsbereitschaft - und die "Lust aufs Gewinnen", wie Klopp oft sagte. Diese Eigenschaften dürften der Maßstab sein. Auch bei der Auswahl seiner Spieler.
Die Kabine ist kein Debattier-Klub: Das ist nur ein Punkt, der spanische Fußball-Mannschaften von der Jugend über die Frauen bis zu den Männern so erfolgreich macht.
28.07.2026 | 1:45 minSpanien darf ruhig wieder Orientierungspunkt sein
Die DFB-Elf hat im Laufe von drei WM-Turnieren unter verschiedenen Trainern ihre Philosophie verloren. Das langatmige Ballgeschiebe unter Joachim Löw 2018, 2022 die defensive Anfälligkeit unter Hansi Flick bis hin zur mangelnden Intensität unter Julian Nagelsmann 2026 sind bitter bestraft worden.
Nie wirkte die Weltspitze für den FIFA-Weltranglisten-Zwölften Deutschland weiter weg. Spanien als neuer und alter Trendsetter hat schon immer ein exzellentes Spiel mit dem Ball ausgezeichnet, jetzt kommt eine neue Qualität gegen den Ball dazu.
Spanien bildet im Weltfußball gerade die Benchmark: Das stellte auch die Technische Studiengruppe der FIFA heraus. In einer umfassenden WM-Analyse hieß es: "Die Mannschaft von Luis de la Fuente liebt es, den Ball zu dominieren, aber sie sind auch eine erdrückende Einheit ohne ihn." Spanien sei grundsätzlich "ein ballbesitzbasiertes Team mit qualitativ hochwertigen Spielern, die in komplizierten, großflächigen Passsequenzen kombinieren, bis sich eine Lücke im letzten Drittel öffnet".
Die FIFA-Analysten schrieben weiter: "Wenn die Spanier den Ball nicht haben, verteidigen sie mit Kompaktheit und Intensität in allen defensiven Phasen und priorisieren den Schutz des Zentrums." Mit überragendem Erfolg.
Den deutschen WM-Titel 2014 hätte es nicht gegeben, wenn sich Offensivliebhaber Löw nicht am damaligen spanischen Lehrmeister Vicente del Bosque orientiert hätte. Spanien hatte mit seinem "Tiki-Taka" unter Luis Aragonés die EM 2008 gewonnen und unter dessen Nachfolger del Bosque die WM 2010 sowie die EM 2012 dominiert, bis die deutsche Mannschaft den Stil nicht kopierte, sondern als Weiterentwicklung überzeugte.
Wichtig: Mit Pep Guardiola heuerte 2013 eine prägende Figur dieser Anschauung vom FC Barcelona beim FC Bayern an. Sein Einfluss strahlte auf den gesamten deutschen Fußball ab.
Blick auf Bayerns oder Dortmunds Spielweise wenig hilfreich
Die besten Nationalspieler sind weiterhin in München beschäftigt, doch die Spielweise des Branchenprimus hilft nur bedingt, wie Klopp etwas flapsig anmerkte: Die beste Mannschaft Deutschlands würde "Manndeckung" spielen. Trainer Vincent Kompany lässt bisweilen tatsächlich über den gesamten Platz in dieser Form verteidigen. Was der Bundestrainer beim Neuaufbau kaum nachahmen kann, weil zu viel Risiko mitspielen würde.
Mannschaftliche Glanzleistung triumphiert über geniale Einzelkönner: So sind Spaniens Fußballer gegen Frankreich ins WM-Finale eingezogen - und haben in der Heimat Ekstase ausgelöst.
15.07.2026 | 2:18 minUnd noch weniger findet sich Klopp im pragmatischen Ansatz von Niko Kovac bei seinem Ex-Klub Borussia Dortmund wieder. Unter dem Disziplinfanatiker wird jene Dreierabwehrkette bevorzugt, die nicht als klassisches Klopp-Merkmal gilt.
Spannende Projekte in Leipzig und Leverkusen
Viel eher könnte sich der Blick zu Rasenballsport Leipzig und Bayer Leverkusen lohnen. Bei den Sachsen musste Ole Werner auch deshalb gehen, weil er das Pressing nicht intensiv und hoch genug umsetzen ließ. Als Head of Global Soccer war Klopp in die Entscheidung eingebunden. Spannend, ob der Argentinier Martin Demichelis nun eher dessen Lehre befolgt.
Und was bewirkt der Spanier Carles Martínez Novell bei der Werkself? Leverkusen hat unter Xabi Alonso in der Doublesaison 2024 den höchsten Unterhaltungsfaktor angeboten, der Stil unter dem Bayer-Kreuz trug eine spanische Handschrift. Würden sich Leipzig und Leverkusen jetzt ähnlich aufstellen, könnte das auch Klopp bei seiner Arbeit helfen.
Mehr Fußball
20-Milliarden-Plan für Investoren:Wie die FIFA den Fußball verkaufen will
mit Video0:42Spanien ist Spitzenreiter:Deutschland stürzt in FIFA-Weltrangliste weiter ab
Kommentar zum WM-Finale gegen Argentinien:Spaniens Fußball-Könige: Man staune und applaudiere
von Nils Kaben