Gefahr durch Multimedikation:Wechselwirkungen bei Medikamenten erkennen und vermeiden
von Natascha Nieberg
Wer mehrere Medikamente gleichzeitig einnimmt, sollte wissen, dass sich die Wirkstoffe gegenseitig beeinflussen können. Und das kann gefährliche Folgen für die Gesundheit haben.
Täglich mehrere Medikamente einnehmen, kann Risiken bergen - zum Beispiel weil sich einige Wirkstoffe nicht mit anderen vertragen. Wie erkennt man das und welche Rolle spielen Arzt und Apotheke?
23.03.2026 | 4:55 minPlötzlicher Schwindel, Übelkeit oder Erbrechen? Ursache könnte die Einnahme mehrerer Medikamente sein. Von einer sogenannten Multimedikation oder Polypharmazie spricht man, wenn Patienten dauerhaft mehr als drei Medikamente einnehmen. Zur Einnahme zählen auch nicht-verschreibungspflichtige Medikamente.
Vor allem ältere Menschen sind von Multimedikation betroffen
Laut Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände e. V. nehmen 7,6 Millionen Bundesbürger ab 65 Jahren täglich fünf oder mehr Arzneimittel ein. Bei den 75- bis 80-Jährigen braucht jeder Dritte sogar mehr als acht Medikamente. Das könne zu unerwünschten Effekten führen, erklärt Olaf Rose, Apotheker aus Burgsteinfurt im Münsterland.
Vor allem ältere Menschen mit mehreren Erkrankungen geraten in eine Spirale von immer mehr Tabletteneinnahmen.
Dr. Olaf Rose, Apotheker
Gründe dafür können chronische Krankheiten, zunehmende Krankheiten im Alter und verschiedene Medikamentenverordnungen aufgrund vieler Facharztbesuche sein. Aber auch zu hoch dosierte Medikamente und Selbstmedikation führen häufig zu problematischen Wechselwirkungen.
Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto größer ist die Gefahr, dass es zu Wechselwirkungen der Wirkstoffe untereinander kommt. Im schlimmsten Fall führen diese zu neuen Beschwerden. Manchmal verschreibt der Arzt gegen die neuen Beschwerden dann weitere Präparate, statt die bisherigen Verschreibungen kritisch zu überprüfen.
Immerhin fünf bis zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen in Deutschland sind auf Beschwerden durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen. Einige Patienten versterben sogar an den Folgen einer Polypharmazie, da die Wechselwirkungen unvorhergesehene Funktionsstörungen an Organen hervorrufen können.
Nach Ansicht der Techniker Krankenkasse sind Medikamente in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zu teuer. Sie sieht hier ein großes Einsparpotenzial.
14.01.2026 | 0:23 minMedikamente interagieren im Körper
Nebenwirkungen können in der Regel bei jedem einzelnen Medikament auftreten. Werden zwei oder drei Arzneimittel parallel eingenommen, kommen Interaktionen zwischen den verschiedenen Wirkstoffen hinzu - die Wechselwirkungen.
So kann es zu Magen-Darm-Problemen wie Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall kommen, da die meisten Medikamente geschluckt und die Wirkstoffe über den Verdauungstrakt in die Blutbahn aufgenommen werden. Auch Schläfrigkeit, Schwindel oder Hautreaktionen sind mögliche Wechselwirkungen.
Bei Cholesterinsenkern mit dem Wirkstoff Statin beispielsweise kann es zu einer Muskelschwäche kommen. Dies sei zum einen eine Frage der Dosis, aber in Kombination mit einem weiteren Cholesterinsenker auch eine Frage der Medikamentenauswahl, erläutert Rose.
Es gibt Medikamente derselben Wirkstoffgruppe, jedoch mit anderen Nebenwirkungen.
Dr. Olaf Rose, Apotheker
Multimedikation als Krankheitsursache oft unentdeckt
Häufig sind "gängige" Medikamente wie Schmerzmittel, Magentabletten oder Blutverdünner die Verursacher von Wechselwirkungen. Jedes von ihnen behandelt voneinander unabhängige Leiden. Dass hier eine Multimedikation Ursache neuer Gesundheitsprobleme sein kann, ist vielen Patienten nicht klar.
Gründe dafür sind eine unsachgemäße Selbstmedikation, Zeitmangel beim Arztbesuch, der unkoordinierte Besuch verschiedener Fachärzte nacheinander oder eine oberflächliche Beratung in der Apotheke.
CDU-Politiker Hendrik Streeck hat mit seinem Vorstoß zur Behandlung älterer Menschen eine Debatte ausgelöst. Palliativmediziner Martin Neukirchen vom Universitätsklinikum Düsseldorf ordnet die Debatte bei ZDFheute live ein.
16.11.2025 | 7:28 minRecht auf Medikationsplan
Abhilfe kann ein stets aktueller, schriftlich verankerter Medikationsplan schaffen. Privatpatienten und gesetzlich Versicherte mit dauerhaft mindestens drei Medikamenten zulasten der Krankenversicherung haben gesetzlich einen Anspruch darauf.
Auf dem Plan werden der Wirkstoff und der Handelsname des Medikaments vermerkt sowie die Stärke des Wirkstoffs, die Form, die Menge und der Einnahmezeitpunkt. Ein solcher Medikationsplan kann die Arzneimitteltherapiesicherheit um ein Vielfaches erhöhen.
Der Medikationsplan wird von Ärzten oder Apotheken ausgestellt. Hausärzte haben den besten Überblick über alle Erkrankungen. Apotheker kennen aufgrund ihrer pharmazeutischen Ausbildung biologische und chemische Interaktionen von Medikamenten. Sie können deren Wirkung und den Einfluss auf Prozesse im Körper einordnen.
Lieferengpässe, Produktionsprobleme, Preisdruck: Warum fehlen in Deutschland und Europa immer wieder wichtige Medikamente? Arzt und Medizinjournalist Christoph Specht erklärt.
24.09.2025 | 7:14 minWorauf Patienten selbst achten sollten
Wechselwirkungen sind immer individuell: Was der eine verträgt, führt bei dem anderen womöglich zu Nebenwirkungen. "Deshalb ist ein gutes Netzwerk aus Arzt und Apotheke sowie das kritische Hinterfragen dessen, was man schluckt, unbedingt notwendig", resümiert Apotheker Olaf Rose.
Patienten sollten aktiv auf den Hausarzt zugehen, den Medikationsplan einfordern und ihn regelmäßig beim Arzt oder Apotheker überprüfen lassen. Den Medikationsplan sollte man außerdem immer mit sich tragen.
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