Onkologische Kardiologie:Wenn Krebsmedikamente das Herz schädigen
Immer mehr Krebspatienten überleben den Krebs, sterben aber an den Folgen der Therapie. Wie Ärzte versuchen, schädliche Nebenwirkungen für das Herz zu erkennen und zu verhindern.
Neue effektive Medikamente gegen Krebs lösen oft schwere Komplikationen aus. Meist sind Herz und Gefäßsystem davon betroffen. Was man dagegen tun kann.
31.03.2025 | 5:09 minOb Strahlen-, Chemo- oder Immuntherapie: Moderne Krebsbehandlungen sind hochwirksam und immer mehr Patienten können dadurch geheilt werden. Die Kehrseite sind teils schwere Nebenwirkungen, die viele Substanzen auf das Herz-Kreislauf-System haben können. Laut Experten ist die Zahl der Krebspatienten, die an einer Herzerkrankung sterben, so hoch wie noch nie.
Immer mehr neue Krebsmedikamente
Jedes Jahr werden rund 30 neue Medikamente gegen Krebs zugelassen. Doch gerade bei neuen Medikamenten sind noch nicht alle Nebenwirkungen bekannt, erklärt Stephan Baldus von der Uniklinik Köln, der zu dem Thema forscht.
Wir verstehen die gesamte Bandbreite der Nebenwirkungen bei vielen neuen Krebsmedikamenten bisher nur in Teilen.
Prof. Dr. Stephan Baldus, Internist und Kardiologe
Im Herz-Kreislauf-Bereich sei noch sehr viel mehr Forschung notwendig, so Baldus. Besonders häufig treten Komplikationen auf, wenn Patienten mit einer Immuntherapie behandelt werden.
Immuntherapien haben die Krebsbehandlung revolutioniert. Sie ermöglichen in vielen Fällen eine langfristige Kontrolle oder sogar Heilung der Krankheit und kommen vor allem bei Krebspatienten mit fortgeschrittener Erkrankung zum Einsatz.
Im Bereich der Immuntherapie gibt es verschiedene Methoden und Medikamente. Sie sollen das körpereigene Abwehrsystem dabei unterstützen, Krebszellen gezielt zu erkennen und zu bekämpfen. Gleichzeitig initialisieren die Medikamente aber auch komplexe Reaktionen im gesamten Immunsystem, die zu Nebenwirkungen führen können.
Was Krebsmedikamente am Herz auslösen
Zu den durch Krebstherapien ausgelösten Komplikationen gehören unter anderem erhöhte Blutdruckwerte, Herzrhythmusstörungen und Thrombosen. Häufigste Folge ist eine Herzschwäche, die vorübergehend auftreten oder chronisch verlaufen kann.
Verantwortlich dafür sind vor allem Anthrazykline, die bei einer Chemotherapie am meisten eingesetzt werden. Untersuchungen zeigen: Bis zu 30 Prozent der damit behandelten Patienten, leiden später an Herzerkrankungen. Die Medikamente hemmen die Teilung von Krebszellen, greifen aber auch gesunde Körperzellen an. Sie können zu schweren Zellstörungen führen, von denen vor allem das Herz betroffen ist.
Neue Fachdisziplin: Onkologische Kardiologie
Weil Nebenwirkungen von Krebsmedikamenten sich am Herzen oft erst Jahre später bemerkbar machen, werden sie meist auch erst spät diagnostiziert, etwa wenn es schon zu dauerhaften Schäden am Herzmuskel gekommen ist. Daher suchen Forscher nach Indikatoren, mit denen sie Komplikationen, die sich abzeichnen, möglichst früh erkennen können.
Vor allem die schweren Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System sind für Patienten lebensgefährlich. Für Onkologen ist es aufgrund der Vielzahl neuer Medikamente und ihrer verschiedenen Nebenwirkungen jedoch schwierig, alle gesundheitlichen Folgen zu überblicken.
Mit diesem Problem beschäftigt sich eine neue Fachrichtung: die onkologische Kardiologie. Hier arbeiten Onkologen und Kardiologen eng zusammen. Das Ziel: Komplikationen, die durch Krebstherapien entstehen, rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Daniela Tennie ist Onkolotsin. Sie begleitet Patienten und ihre Angehörigen durch die Erkrankung von Krebs - von der Diagnose bis zur Nachsorge und palliativ.
04.02.2025 | 5:25 minWie Onkologen und Kardiologen zusammenarbeiten
In der onkologischen Kardiologie wird jeder Patient individuell betrachtet. Onkologen und Kardiologen besprechen die Fälle und arbeiten Hand in Hand. In einigen spezialisierten Kliniken gibt es zudem gemeinsame Sprechstunden. Die Spezialisten entscheiden auch gemeinsam, wie sie bei auftretenden Komplikationen reagieren, so Internist Stephan Baldus.
Ärzte können dann mit einer Reduktion, einem Absetzen oder einem Wechsel der Therapie reagieren.
Prof. Dr. Stephan Baldus, Herzzentrum der Uniklinik Köln
Die Empfehlungen erfolgen immer in der Abwägung das Herz zu schonen, aber dennoch den Krebs zu bekämpfen.
In der ENTRANCE-Studie wird die Wirksamkeit eines betreuten intensiven Ausdauertrainings auf die Gesundheit und Fitness des Herz-Kreislauf-Systems bei einer Behandlung mit kardiotoxen Chemotherapien bei Patientinnen mit Brustkrebs überprüft.
Die Probandinnen absolvieren Belastungstests auf dem Ergometer, bei denen ein ganz bestimmter Wert gemessen wird: Die Fähigkeit des Körpers, Sauerstoff unter körperlicher Belastung in die Zellen zu transportieren und zu verwerten.
Die Forscher hoffen, dass dieser Wert ihnen in Zukunft hilft, Veränderungen und sich entwickelnde Komplikationen des Herz-Kreislauf-Systems früher als bisher erkennen und behandeln zu können.
Zukunft der onkologischen Kardiologe
Mithilfe von Studien wollen Mediziner erforschen, welche Krebspatienten durch die Therapie ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben und wie man sie schützen kann.
Dieses Wissen müsse dann auch an Ärzte weitergegeben werden, die nicht alle Auswirkungen der verschiedenen Therapien kennen können, sagt Stephan Baldus.
Es kommt darauf an, die Nebenwirkungen so gut zu erforschen und zu charakterisieren, dass auch niedergelassene Onkologen Risikopatienten frühzeitig erkennen können.
Prof. Dr. Stephan Baldus, Internist und Kardiologe
Krebspatienten können zudem selbst etwas für ihr Herz tun. Dazu gehört vor allem Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht und hohe Blutfettwerte zu reduzieren.
Diagnose Brustkrebs:Wie Brustschwestern bei der Therapie helfen
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