Belastung in der häuslichen Pflege:Psychische Gesundheit von pflegenden Angehörigen
von Silke Uebelstädt
Millionen Menschen in Deutschland pflegen Familienmitglieder. Ohne sie würde das System kollabieren. Doch auch pflegende Angehörige kommen an ihre Grenzen, nicht nur körperlich.
Ständige Sorgen und Verantwortung belasten pflegende Angehörige - auch seelisch. Was Betroffene tun können, um psychisch stabil zu bleiben.
06.10.2026 | 5:26 minIn Europa leisten Angehörige 80 Prozent der Langzeitpflege. Allein in Deutschland kümmern sich geschätzt sieben Millionen Menschen um Pflegebedürftige in ihrer Familie. Oft übernehmen sie damit einen Vollzeitjob - ohne Wochenende, Bezahlung oder gesellschaftliche Anerkennung.
Studien belegen, dass pflegende Angehörige psychisch erheblich stärker belastet sind als die Allgemeinbevölkerung. Sie sorgen und pflegen mit Aufopferung und Hingabe. Abschalten können sie so gut wie nie.
In Finnland leben ältere Menschen in Pflegefamilien statt in Heimen. Das Modell bietet persönliche Betreuung, mehr Alltagsteilhabe und gilt als günstige Alternative zur klassischen Pflege.
21.07.2026 | 2:15 minGefährlicher Dauerstress in der Pflege
Häusliche Pflege erhöht stetig den Druck auf diejenigen, die sich kümmern. Oft schultern pflegende Angehörige über Jahre hinweg immer mehr Aufgaben und Verantwortung. Doch das Gehirn gewöhne sich an die chronische Überlastung. Betroffene gingen deshalb immer mehr an ihr Limit, sagt die Berliner Psychologin Jana Toppe. Der Pflegebedürftige stünde für viele immer an erster Stelle.
Man pflegt einen Menschen, den man lieb hat. Das heißt, man tut auch sehr viel, teilweise zu viel.
Dr. Jana Toppe, Psychologin und Systemische Therapeutin
Wer stets das Beste für den Pflegebedürftigen rausholen möchte, würde seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen und ignoriere Unwohlsein und erste Beschwerden, so Toppe.
Professor Dietrich Grönemeyer begleitet ein innovatives Pflegeprojekt im Westerwald. Statt starrer Vorgaben stehen Lebensqualität, Aktivierung und Selbstständigkeit bis ins hohe Alter im Mittelpunkt.
17.08.2026 | 5:26 minDas ist gefährlich. Schüttet der Körper dauerhaft zu viel des Stresshormons Cortisol aus, schwächt dies die Immunabwehr und die innere Ausgeglichenheit. Die ersten Warnsignale des Körpers sind diffus und werden daher häufig übersehen.
Pflegende Angehörige sollten auf körperliche und psychische Anzeichen einer Überlastung achten. Dazu gehören dauerhafte Verspannungen, Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Schlafstörungen, aber auch eine erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen oder Antriebslosigkeit.
Zudem können Gefühle wie Einsamkeit, Angst, Trauer oder Wut auftreten sowie das Gefühl, wertlos zu sein. Betroffene sollten unbedingt in der Hausarztpraxis abklären lassen, ob ihre Beschwerden eine körperliche Ursache haben oder ob sie auf die Belastungen des Pflegealltags zurückzuführen sind.
Psychische Folgen von hohem Pflegestress
Je länger der Dauerstress in der häuslichen Pflege anhält, desto größer können die Beschwerden werden. Dies gilt vor allem, wenn zusätzliche Belastungen hinzukommen, etwa finanzielle Sorgen, Kommunikationsprobleme oder alte familiäre Konflikte, die in der Pflegesituation wieder aufbrechen. Auch Pflege und Beruf miteinander in Einklang zu bringen, ist für Pflegende schwierig.
Jedes Jahr erkranken in Deutschland fünf bis sechs Millionen Erwachsene an Depressionen. Warnzeichen werden häufig übersehen. So erging es auch Simone, die sich nun in den Alltag zurückkämpft.
02.10.2026 | 5:19 minPflegende Angehörige haben daher ein hohes Risiko, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch zu erkranken, zum Beispiel an Depressionen oder Angststörungen. Im schlimmsten Fall drohe das Ausbrennen, so Toppe.
Es gibt eine sehr große Burnout-Gefahr, einfach weil man sich als pflegender Angehöriger sehr aufreiben kann. Gleichzeitig bekommt man sehr wenig Anerkennung.
Dr. Jana Toppe, Psychologin und Systemische Therapeutin
Doch selbst einen drohenden Zusammenbruch wollen manche nicht wahrhaben, sagt die Psychologin, die eine Onlineberatung für pflegende Angehörige leitet. Die Angst bei Pflegenden sei groß, dass ihr Familienmitglied nicht richtig betreut werde, wenn sie krank sind und ausfallen. Wer sich stark belastet fühlt, sollte sich professionelle Hilfe suchen.
Hausärzte können am besten einschätzen, ob Betroffene konkrete Hilfe, zum Beispiel eine Psychotherapie, benötigen. Bei der Suche nach einem Therapeuten kann zum Beispiel die Webseite "Wege in die Psychotherapie" der Bundespsychotherapeutenkammer unterstützen. Im Krisenfall kann die Telefonseelsorge eine erste Anlaufstelle sein.
Pflegende Angehörige können bei ihrer Krankenkasse auch Kuren oder eine Reha beantragen. Wer regelmäßige Entlastung bei Tätigkeiten im Haushalt oder der Körperpflege braucht - oder Kurzzeitbetreuungs-Angebote sucht, um Auszeiten für sich selbst im Pflegealltag zu schaffen - kann sich an die zuständigen Pflegestützpunkte vor Ort wenden. Sie bieten individuelle Beratungen an.
Pflegen geht nicht ohne Selbstfürsorge
Pflegende Angehörige sollten frühzeitig ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden in den Blick nehmen. Nur Menschen, die selbst stabil sind, können langfristig für andere da sein.
Was die eigene Lebensenergie wieder auffüllt, ist individuell unterschiedlich: Singen, malen, Yoga oder Tagebuch schreiben können beim Entspannen helfen. Psychologin Toppe rät auch zu Bewegung.
Es gibt Belege dafür, dass Spazierengehen sehr hilfreich ist. Einfach mal raus, das tut richtig gut.
Dr. Jana Toppe, Psychologin und Systemische Therapeutin
Besonders wichtig seien regelmäßige Pausen und Auszeiten im Alltag, so Toppe. Ein Mindestmaß an Selbstfürsorge sollte jeder Pflegende immer beibehalten. Dazu gehöre etwa ausreichend Zeit, um selbst in Ruhe zu essen und zu trinken oder um die Muskeln zu dehnen, wenn Verspannungen schmerzen
Die psychische Gesundheit kann unter der Pflege eines Familienmitglieds mit der Zeit leiden. Verena Querling von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen erklärt, wo Betroffene Hilfe finden.
06.10.2026 | 4:54 minPflegende Angehörige benötigen Netzwerke
Damit entsprechende Auszeiten und Selbstfürsorge im Alltag möglich werden, sollten Betroffene gezielt bei Familie, Freunden und Nachbarn um Hilfe bei der Betreuung bitten und Möglichkeiten der Tagespflege in Anspruch nehmen.
Auch Gespräche mit anderen Betroffenen im Rahmen von Selbsthilfe- oder Angehörigengruppen entlasten. Reden und ein empathisches Miteinander helfen. Es gibt zudem digitale Angebote, um sich zu vernetzen und auszutauschen. Auch wenn der Anspruch an sich selbst hoch ist: Es lohnt sich, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen - ohne schlechtes Gewissen.
Häusliche Pflege neu gedacht: Das niederländische Buurtzorg-Modell setzt erfolgreich auf selbstorganisierte Teams, flexible Zeiteinteilung und Nachbarschaft. Lässt sich das auch bei uns umsetzen?
08.06.2026 | 16:59 minLassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Thema Pflege
Pflegereform: Was Angehörige befürchten:"Ich habe mit 40 Grad Fieber gepflegt"
von Benedikt Karlmit Video6:04Altwerden in Deutschland:Neue Lebensformen und Wege in der Pflege
von Christina-Maria Pfersdorfmit Video5:14Pflegende Angehörige am Limit:"Ich kann ja meinen Vater hier nicht alleine lassen"
von Susanne Seidlmit Video4:00Tag der Kinderhospizarbeit:Begleitung schwerstkranker Kinder und ihrer Familien
von Katja Schekatzmit Video5:14
Weitere Gesundheits-Themen
Europäischer Depressionstag:Mehr als nur traurig: Leben mit Depressionen
von Anne Waltermannmit Video5:19Altwerden in Deutschland:Warum Einsamkeit im Alter krank macht und was dagegen hilft
von Christina-Maria Pfersdorfmit Video5:47Patientenverfügung und Vollmachten:Zentrales Vorsorgeregister: Dokumente für den Notfall
von Thilo Hopertmit Video0:41