Mikrobiom und Darmkrebs: Bakterien in der Therapie und Prävention

Darmbakterien als Schutz und Therapie:Welchen Einfluss hat das Mikrobiom auf Darmkrebs?

von Andreas Kürten

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Das Mikrobiom steht immer mehr im Fokus der Forschung. Entzündungen, Krankheiten und sogar die Entstehung von Krebs werden mit einer gestörten Darmflora in Verbindung gebracht.

Auf einem Tisch liegen verschiedene Tabletten. Daneben steht ein Glas Wasser mit einem kleinen Löffel drin.

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Etwa 55.000 Menschen in Deutschland erhalten jährlich die Diagnose Darmkrebs. Experten mahnen, dass Betroffene immer häufiger bereits vor dem fünfzigsten Lebensjahr erkranken. In diesem Zusammenhang rückt die Bedeutung einer gesunden und intakten Darmflora immer stärker in den Mittelpunkt.

Experten gehen der Frage nach, welchen Einfluss das Mikrobiom auf Darmkrebs hat und welche Rolle es bei der Therapie von Darmkrebspatienten spielt. In der Stärkung der Darmflora sehen sie eine Chance, die Lebensqualität von Betroffenen zu verbessern.

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Was ist das Mikrobiom?

Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen im menschlichen Körper, die sich überwiegend im Darm befinden und dort die Darmflora bilden. Es umfasst Bakterien, Viren, Pilze und andere Mikroorganismen. Ihre Zahl wird auf bis zu 100 Billionen Erreger geschätzt, die Einfluss auf Verdauung, Stoffwechsel und Immunsystem haben.

Das Mikrobiom nimmt von Geburt an Einfluss auf unsere Gesundheit, erklärt Lena Biehl, Infektiologin an der Uniklinik Köln.

Erreger des Mikrobioms interagieren zum Beispiel mit dem Immunsystem in Bezug auf die Entstehung von Krankheiten.

PD Dr. Lena Biehl, Infektiologin

Eine intakte Darmflora, also das Gleichgewicht zwischen guten und schlechten Darmbakterien, ist ein entscheidender Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden. Die Zusammensetzung ist bei jedem Menschen individuell und wird von äußeren Faktoren wie Ernährung, Bewegung und Stress beeinflusst.

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Wie eine Darmkrebstherapie das Mikrobiom beeinflusst

Bei der Therapie von Darmkrebs steht die operative Entfernung des Tumors im Vordergrund. Patienten erhalten im Anschluss häufig Antibiotika, um Entzündungen im Darm vorzubeugen. Bei anderen ist vor oder nach der Operation oft eine Chemotherapie oder Bestrahlung erforderlich.

All diese Therapien belasten das Mikrobiom im Darm erheblich. Dadurch wird das Immunsystem geschwächt, was die Anfälligkeit für Infektionen erhöht. Die Betroffenen leiden zudem an Verdauungsproblemen wie chronischem Durchfall, Verstopfung und Blähungen sowie Schmerzen und Lebensmittelunverträglichkeiten.

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Einige Untersuchungen beschäftigen sich damit, wie sich diese Nebenwirkungen reduzieren lassen und die Lebensqualität von Darmkrebspatienten verbessert werden kann. Ein aktuelles Forschungsprojekt ist die LEONORA-Studie, die die Wirkung einer dreimonatigen Therapie mit Synbiotika auf die Darmflora untersucht.

An der LEONORA-Studie der Uniklinik Köln und des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg nehmen 206 Patienten mit Darmkrebs aus zehn deutschen Kliniken teil. Die Wissenschaftler setzen sogenannte Synbiotika ein. Sie bestehen aus einer Mischung von lebenden Mikroorganismen und Stoffen, von denen sich diese ernähren.

Per Zufall erhält die eine Hälfte der Studienteilnehmer nach ihrer Darmkrebsoperation über zwölf Wochen täglich eine Kapsel mit zwölf Bakterienstämmen sowie ab der fünften Woche ein Pulver zur Ernährung der Bakterien, das in einem Glas Wasser aufgelöst getrunken wird. Die andere Hälfte bekommt ein Scheinpräparat ohne Bakterien.

Die Studie läuft seit knapp einem Jahr. Der Vergleich der beiden Gruppen soll zeigen, wie stark sich die Lebensqualität durch eine Stärkung der Darmflora verbessern lässt. Bis Anfang 2029 wird die Auswertung der Studienergebnisse erwartet.


Was sollen Darmbakterien bewirken?

Mit den Synbiotika soll die Darmflora und damit das Immunsystem der Patienten gestärkt werden. Ziel ist es, Nebenwirkungen der Krebstherapie zu reduzieren und eine gezielte Behandlung nach der Akuttherapie zu verbessern. Blut- und Stuhlproben der Teilnehmer werden untersucht, um Hinweise auf die Wirkung der verabreichten Darmbakterien zu erhalten.

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Zudem gehen Experten davon aus, dass ein vielfältiges Mikrobiom die Wahrscheinlichkeit für das erneute Auftreten von Darmkrebs verringern kann. Allerdings:

Es gibt noch nicht genug Erkenntnisse, um zu sagen: 'Schlucken Sie diese Probiotika und Sie haben keinen Darmkrebs.'

PD Dr. Lena Biehl, Co-Leiterin der LEONORA-Studie

Eine darmgesunde Ernährung bleibt daher ein zentraler Faktor bei der Therapie und der Vorbeugung von Darmkrebs.

Alkohol- oder Nikotinkonsum erhöhen das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Auch eine ungesunde, unausgewogene Ernährung mit viel rotem Fleisch, Zucker und hochverarbeiteten Lebensmitteln ist laut Studien Risikofaktor für die Entstehung von Darmkrebs.

Zur Stärkung der Darmgesundheit und des Mikrobioms werden Vollkornprodukte empfohlen. Außerdem wichtig: Viele Ballaststoffe, die in verschiedenen Gemüse- und Obstsorten enthalten sind. Gut für den Darm sind auch fermentierte Nahrungsmittel und fermentierte Milchprodukte wie Kefir oder Joghurt. Zudem ist eine möglichst große Vielfalt und Abwechslung bei der Auswahl gesunder Lebensmittel wichtig.


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Schützt ein intaktes Mikrobiom vor Darmkrebs?

Forscher gehen davon aus, dass ein gesundes, vielfältiges Mikrobiom vor Darmkrebs schützen kann. Zwar steht die Auswertung der Ergebnisse der LEONORA-Studie noch aus, insbesondere die Bedeutung einer intakten Darmflora auf das Immunsystem erscheint jedoch groß.

Wir gehen davon aus, dass wir das Immunsystem über die Darmbakterien beeinflussen können.

PD Dr. Lena Biehl, Infektiologin

Wissenschaftler glauben, in Zukunft nicht nur die Behandlung von Darmkrebspatienten verbessern, sondern auch der Entstehung von Darmkrebs vorbeugen zu können.

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Quelle: dpa

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Über dieses Thema berichtete das ZDF in der Sendung "Volle Kanne" am 04.03.2026, ab 09:05 Uhr.

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