Mehr Beteiligung gegen Politik-Frust?:"Man hat nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera"
von Deetje Kräft
Vor den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern fühlen sich viele Menschen von der Politik übersehen. Können neue Formate der Bürgerbeteiligung gegen den Frust helfen?
Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. CDU, Linke, AfD und Grüne liegen in Umfragen eng beieinander.
12.09.2026 | 2:23 minPatrick kann sich an diesem Morgen nicht für die Grünen erwärmen. "Im Leben nicht", sagt der 43-Jährige, als die Grünen-Abgeordnete Antje Kapek ihm einen Flyer mit ihrem Wahlprogramm in die Hand drücken will. Patrick, der für die Berliner Verkehrsbetriebe arbeitet, sagt:
Man hat nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Das gilt für alle Parteien.
Patrick, 43 Jahre alt
Auch Brigitte, 73 Jahre alt, will von den Grünen nichts wissen. Sie sagt, sie fühle sich von der Politik nicht gesehen. Es brauche neue Parteien im Abgeordnetenhaus.
An diesem Sonntag wählt Berlin ein neues Landesparlament. Kurz vor der Wahl werben die Parteien um Zustimmung. So wie die Grünen an diesem Morgen an der Petersburger Straße, im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.
Im Wahlkampf in Berlin sind Wohnungsnot und steigende Mieten zentrale Themen.
15.09.2026 | 1:56 minPolitikwissenschaftler sieht "Wir-gegen-die-Denken"
Frust in der Bevölkerung? Keine Lust auf Politik? Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte beobachtet das Phänomen bereits seit Längerem:
Politikverdrossenheit ist nichts Neues. Aber sie hat sich verstärkt zu einer Politikverachtung.
Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler
Im Juli trauten laut einer Forsa-Umfrage nur 17 Prozent der Deutschen dem Staat zu, seine Aufgaben angemessen zu erfüllen. Historischer Tiefststand.
Korte beschreibt ein "Wir-gegen-die-Denken". Das führe dazu, dass auch diejenigen, die sich selbst in der Mitte verorten, Parteien der politischen Ränder wählen. Das zeige das Ergebnis der Sachsen-Anhalt-Wahl: Fast 44 Prozent für die AfD.
- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: AfD-Rekordergebnis bei maximaler Polarisierung im Land
Inflation, Wirtschaft und Bildung bestimmen den Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern.
18.09.2026 | 2:13 minEnde der Fünf-Prozent-Hürde gefordert
Eine zunehmende Unzufriedenheit beobachtet auch Ralf-Uwe Beck vom Verein "Mehr Demokratie e.V.".
Es hat sich offenbar ein Frustberg angehäuft.
Ralf-Uwe Beck, Mehr Demokratie e.V.
Um diesen abzutragen, müsse man die Menschen mehr in politische Prozesse einbeziehen. Beck fordert eine Wahlrechtsreform. Die Fünf-Prozent-Hürde müsse auf drei Prozent gesenkt werden.
Es fallen immer Stimmen unter den Tisch. Das sind Stimmen, die an der Fünf-Prozent-Hürde hängen bleiben. Das sorgt für Frust.
Ralf-Uwe Beck, Mehr Demokratie e.V.
Zusätzlich müsse es bei Wahlen die Möglichkeit einer Proteststimme geben, also ein Kreuz in einem Enthaltungs-Feld. So könne man zeigen, dass man keine der zur Wahl stehenden Parteien unterstützen möchte und Unzufriedenheit kundtun, ohne politische Randparteien zu wählen.
Kurz vor den nächsten Landtagswahlen machen Gerüchte von Kanzlertausch bis Kanzlersturz die Runde. Was steckt dahinter? Was sind mögliche Szenarien?
17.09.2026 | 31:07 minHilft mehr Bürgerbeteiligung?
Politikwissenschaftler Korte ist anderer Meinung. Das Absenken der Fünf-Prozent-Hürde würde vor allem die Regierungsbildung erschweren. Stattdessen brauche es neue Formen der Bürgerbeteiligung - beispielsweise durch Volksentscheide.
Volksentscheide stärker in den Mittelpunkt zu rücken, dient wie ein Frustventil zwischen den Wahlen.
Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler
Dass das funktioniere, erkenne man in Bayern. Dort spielen Bürgerentscheide auf Landesebene eine große Rolle. Gleichzeitig ist die CSU seit Jahrzehnten stärkste Kraft im Landtag.
Kurz vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern liefern sich SPD und AfD ein enges Rennen.
17.09.2026 | 2:37 minBürgerräte: Mehr Meinungen hören?
Korte und Beck betonen zudem die Relevanz von Bürgerräten, also einem Gremium aus zufällig ausgelosten Bürgern, die repräsentativ für den Querschnitt der Gesellschaft stehen. Bürgerräte könnten vor politischen Entscheidungen Bürgermeinungen zusammentragen.
SPD, Grüne und Linke signalisieren auf ZDFheute-Anfrage Unterstützung für dieses Format. Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, macht allerdings deutlich, dass Bürgerräte nur funktionieren, wenn sie von der Politik ernstgenommen werden.
Wer die Menschen nach ihrer Meinung fragt und anschließend einfach darüber hinwegsieht, stärkt nicht die Demokratie, sondern den Frust.
Janis Ehling
CDU und AfD haben sich auf Anfrage nicht geäußert.
Vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: Neue Zahlen vom ZDF-Politbarometer zeigen die politische Stimmung im Land.
17.09.2026 | 1:04 minKorte: Politik braucht Empathie
Solche Maßnahmen umzusetzen, braucht Zeit. Die Parteien müssen aber auch kurzfristig das Repräsentationsgefühl verbessern. Politikwissenschaftler Korte sagt:
Niedrigschwellige Partizipation beginnt mit gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit: wie man spricht, wie man sich der Lebenswirklichkeit zuwendet.
Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler
Man müsse den Sorgen der Menschen empathisch begegnen - selbst wenn man ihre Ansichten nicht teilt.
Deetje Kräft berichtet aus dem ZDF-Hauptstadtstudio.
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