Sachsen-Anhalt: Könnte Schulze einfach weiterregieren?

Faktencheck

Wenn keine Koalition zustande kommt:Sachsen-Anhalt: Könnte Schulze einfach weiterregieren?

Autorenfoto Nils Metzger

von Nils Metzger

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Falls sich nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt keine Koalition findet, kann Ministerpräsident Sven Schulze kommissarisch weiterregieren? Davor warnt die AfD. Was sagt die Verfassung?

Ein Redner wirft einen Schatten auf die Bühnenrückwand mit AfD-Schriftzug auf einer Veranstaltung. (Archivbild)

Viel Zuspruch, kaum Kritik: Immer mehr Menschen wählen die AfD, obwohl diese vom Verfassungsschutz als in Teilen gesichert rechtsextremistisch eingestuft worden ist.

30.08.2026 | 4:06 min

Was passiert mit Sachsen-Anhalts Regierung, wenn das Wahlergebnis am Sonntag der AfD keine absolute Mehrheit beschert, sich die restlichen Parteien im Anschluss aber nicht auf eine Koalition einigen können?

Ein Szenario, vor dem führende AfD-Politiker nun warnen, ist, dass Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) dann kommissarisch im Amt bleiben könnte. Thüringens AfD-Chef Björn Höcke schrieb etwa am Dienstag auf Facebook:

Die CDU ist fest entschlossen, den Wählerwillen zu ignorieren. Wenn Schulze in Sachsen-Anhalt abgewählt wird, kann er 'den Ramelow' machen und einfach kommissarisch weiterregieren.

Björn Höcke, AfD

Wäre das tatsächlich möglich? Was sagt die Landesverfassung Sachsen-Anhalts zum Wahlverfahren und wie ordnen Experten das ein?

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, spricht von einem Brunnen auf dem Marktplatz in Sangerhausen zu den Besuchern eines AfD Wahlkampfstandes.

In Sachsen-Anhalt versuchen die Parteien in den letzten Zügen des Wahlkampfs noch Wähler von sich zu überzeugen. Die Strategien der AfD unterscheiden sich deutlich von den der anderen Parteien.

28.08.2026 | 2:07 min

Bis wann muss der Ministerpräsident gewählt werden?

Die Landesverfassung in Sachsen-Anhalt sieht aktuell keine Frist vor, bis wann der neue Landtag einen Ministerpräsidenten wählen muss. Bis 2020 war noch der Fall, dass der erste Wahlgang binnen vierzehn Tagen nach der konstituierenden Landtagssitzung stattfinden muss. Seitdem gibt es diese Regelung nicht mehr. Vorgeschrieben ist lediglich, dass der Landtag spätestens 30 Tage nach der Wahl seine erste Sitzung haben muss.

"In Sachsen-Anhalt brauchten Koalitionsverhandlungen schon in der Vergangenheit länger und auch die Regierungsbildung gestaltete sich häufig schwieriger", sagt Nicolas Spohn, der an der Universität Magdeburg zu Wahlen forscht. Das sei auch ein Grund für das Aussetzen der 14-Tage-Frist 2020 gewesen. Er verweist etwa auf das sogenannte Magdeburger Modell von SPD-geführten Minderheitsregierungen zwischen 1994 und 2002. Die Bildung lagerübergreifender Koalitionen brauche durchschnittlich ein Drittel mehr Zeit, so Spohn.

Diese Ausgangslage spricht dafür, dass die aktuelle Landesregierung über mehrere Wochen kommissarisch im Amt bleiben wird.

Nicolas Spohn, Universität Magdeburg

Eine kommissarische Regierung ist durch die Landesverfassung vorgesehen. Das soll eine Zeit ganz ohne Regierung verhindern. Das ist auch in anderen Ländern und im Bund so geregelt. Selbst neue Gesetzesinitiativen oder ein Haushalt wären für sie möglich, praktisch aber schwer umzusetzen.

Dass der Landtag eine Neuwahl des Parlaments durch Selbstauflösung erzwingt, ist laut Artikel 60 der Landesverfassung erst nach mindestens sechs Monaten möglich; dafür benötigt es eine Zweidrittelmehrheit. Dass Schulze zeitweise weiterregiert, wäre also prinzipiell erlaubt und im Sinne der Verfassung.

Urlich Siegmund bei einer Wahlkampf-Veranstaltung der AfD.

Ulrich Siegmund präsentiert sich als freundliches und bürgernahes Gesicht der AfD. Gleichzeitig sind in Partei und Fraktion auch Personen mit rechtsextremer Vergangenheit tätig.

02.09.2026 | 10:34 min

Kann die AfD eine Wahl im Landtag erzwingen?

Auch wenn es keine gesetzliche Pflicht zur Ministerpräsidenten-Wahl gibt, könnte die AfD auch ohne absolute Mehrheit eine Abstimmung im Landtag wohl erzwingen. Dafür müsste zunächst das Parlament einberufen werden, wofür es laut Geschäftsordnung lediglich ein Viertel der Abgeordneten benötigt.

Die Wahl eines Ministerpräsidenten könnten die AfD-Abgeordneten auf die Tagesordnung setzen lassen. Dafür ist gegebenenfalls der Gang über den Ältestenrat des Landtags nötig, in dem die AfD entsprechend ihrer Fraktionsstärke vertreten wäre. Ein Landtagspräsident allein könnte diesen Tagesordnungspunkt also kaum verhindern, auch wenn es hier Potenzial für hitzige Diskussionen und komplexe Auslegungen der parlamentarischen Gepflogenheiten gibt.

Dass Landesregierungen auch über längere Zeit geschäftsführend im Amt sind, gab es schon mehrfach in Deutschland.

Von Ende November 2019 bis Anfang Februar 2020 war das Kabinett unter Bodo Ramelow (Linke) in Thüringen nur geschäftsführend. In Folge der anschließenden kontroversen Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten führten die von Ramelow ernannten Staatssekretäre ihre Geschäfte noch einen Monat kommissarisch weiter, bis eine neue Regierung gebildet werden konnte.

Nochmals länger dauerte die geschäftsführende Arbeit des Kabinetts von Roland Koch (CDU) von April 2008 bis Februar 2009. Nach den hessischen Landtagswahlen 2008 konnte keine Koalition gefunden werden, erst vorgezogene Neuwahlen 2009 schafften Abhilfe.


Diese Mehrheiten sind in den Wahlgängen nötig

Welche Mehrheiten in den Wahlgängen wahrscheinlich sind, hängt stark davon ab, welche Parteien es ins Parlament schaffen - SPD und Grüne würden es laut aktuellem ZDF-Politbarometer knapp schaffen, FDP und BSW liegen bei drei Prozent. "Mit dem Einzug dieser Parteien wird die absolute Mehrheit der AfD im Parlament unwahrscheinlicher und eine Minderheitsregierung erscheint gegenwärtig als das wahrscheinlichste Szenario", erklärt Spohn.

 Projektion Sachsen-Anhalt: Wenn am nächsten Sonntag wirklich Landtagswahl wäre ...: CDU 23 % ; AfD 40 % ; Linke 13 % ; SPD 9 % ; FDP 3 % ; Grüne 6 % ; BSW 3 % ; Andere 3 %

Knapp zehn Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bleibt die AfD klar stärkste Partei, so die neusten Zahlen des ZDF-Politbarometers.

28.08.2026 | 1:21 min

In den ersten beiden Wahlgängen müsste ein Kandidat eine absolute Mehrheit, also mehr als 50 Prozent der Stimmen, erreichen. Entscheidet sich eine absolute Mehrheit danach für einen dritten Wahlgang, reicht dort bereits eine relative Mehrheit aus - also lediglich die meisten Stimmen aller Kandidaten.

Darauf könnte eine AfD ohne absolute Mehrheit spekulieren, etwa, um durch eine Enthaltung von möglichen BSW-Abgeordneten eine Minderheitsregierung mit Ulrich Siegmund als Ministerpräsidenten stellen zu können. Umgekehrt könnte so ein Wahlgang aber auch einem anderen Kandidaten zu einer relativen Mehrheit verhelfen. Dieser Vorgang ist also für alle Parteien mit einem taktischen Risiko behaftet.

Wahlplakat BSW

Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt kämpft das BSW um den Einzug in den Landtag. Parteigründerin Sahra Wagenknecht kündigt an, einzelne Vorhaben der AfD im Land unterstützen zu wollen.

21.08.2026 | 1:55 min

Wahlforscher rechnet mit neuer Regierung bis Weihnachten

Der Wahlforscher Lukas Stötzer von der Universität Witten/Herdecke rechnet damit, dass spätestens bis Weihnachten eine neue Regierung in Sachsen-Anhalt stehen wird.

Es gibt eine politische Norm, ernsthaft und möglichst zügig auf eine Wahl hinzuarbeiten, an die sich die Parteien normalerweise halten.

Lukas Stötzer, Universität Witten/Herdecke

Sollte die Regierungsbildung doch länger dauern, könnte das Vertrauen der Bevölkerung in die demokratischen Prozesse Schaden nehmen. Marcel Lewandowsky, Professor für Regierungslehre an der Universität Halle-Wittenberg, sagt ZDFheute:

Die demokratische Legitimation der Regierung speist sich aus dem jeweils konstituierten Landtag, der den Ministerpräsidenten wählt. Eine dauerhafte kommissarische Regierung würde dem widersprechen.

Marcel Lewandowsky, Universität Halle-Wittenberg

Für eine Dauerlösung hält auch Nicolas Spohn eine kommissarische Landesregierung nicht: "Der öffentliche Druck wird mit der Dauer dieser Übergangsphase zunehmen. Dies kann auch dazu beitragen, dass die Abgeordneten eine Wahl des Ministerpräsidenten vorantreiben werden."

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, l) und Daniel Peters, Spitzenkandidat der CDU bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, sprechen bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU mit Menschen.

Im September finden Landtagswahlen in drei Bundesländern statt. Bundeskanzler Merz ist für die CDU nun in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern in den Wahlkampf eingestiegen.

31.08.2026 | 1:26 min

AfD-Anhänger könnten lange Verhandlungen als undemokratisch empfinden

"Insbesondere die Wählerschaft der AfD könnte auf lange Regierungsverhandlungen unter Ausschluss der AfD sensibel reagieren und darin 'Machenschaften der politischen Eliten' wittern", so Lewandowsky.

Die Experten sehen aber keine Möglichkeiten, dass Bürger, etwa durch den Gang vor das Landesverfassungsgericht, eine kommissarische CDU-Landesregierung aus dem Amt klagen könnten. "Bürger können öffentlichen Druck aufbauen, aber einen Wahlgang nicht erzwingen", betont Lewandowsky.

Stötzer glaubt, dass AfD-Wähler mit Unmut reagieren, sollte die Partei zwar stärkste Kraft werden, aber nicht die Regierung stellen. "Dafür wäre dann aber nicht die kommissarische Landesregierung verantwortlich, sondern ein spezifisches Demokratieverständnis. Zum Regieren benötigt es Kooperation und Ausgleich zwischen verschiedenen Partnern."

Shakuntala Banerjee präsentiert die Ergebnisse des ZDF-Politbarometers

Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt führt die AfD deutlich, wie der Stimmungstest des aktuellen ZDF-Politbarometers zeigt. Shakuntala Banerjee stellt weitere Ergebnisse der Umfrage vor.

28.08.2026 | 1:53 min

Fazit: Es gibt keine Pflicht in der Landesverfassung, den Ministerpräsidenten innerhalb einer bestimmten Frist zu wählen. Dass eine kommissarische Regierung zeitweise im Amt bleibt, ist darum nicht ausgeschlossen - und ist für die Dauer von Koalitionsverhandlungen so vorgesehen. Das ist nicht per se antidemokratisch.

Die AfD müsste dem auch nicht tatenlos zuschauen, sondern könnte unter bestimmten Voraussetzungen im Landtag eine Abstimmung erzwingen und nach einem potenziellen dritten Wahlgang mit relativer Mehrheit den Ministerpräsidenten stellen. Dabei wäre sie aber auf bestimmte Mehrheitsverhältnisse im neuen Parlament angewiesen.

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