Regierung vor Agrarlobby eingeknickt?:Koalition verschiebt Tierhaltungs-Label erneut
von Johannes Lieber
Die Koalition aus Union und SPD hat die geplante Pflicht des Tierhaltungs-Labels wieder verschoben. Die Regierung verspricht nachzuschärfen, Kritiker befürchten das komplette Aus.
Union und SPD haben das gesetzlich verpflichtende Tierwohl-Label erneut verschoben. Woran das liegt, berichtet ZDF-Hauptstadtreporter Johannes Lieber.
15.01.2026 | 0:53 minDer Zeitpunkt, an dem der Bundestag mit Mehrheit von Union und SPD entscheidet, mag Zufall sein oder eine strategische Entscheidung. Einen Tag vor der Eröffnung der Grünen Woche, einer der wichtigsten Messen für Landwirtschaft, wird die Pflicht für ein Tierhaltungs-Label weiter verschoben.
Fleischerzeuger sollen in Zukunft kennzeichnen müssen, wie viel Platz und Auslauf ihre Tiere haben - allerdings erst ab 2027 und erstmal nur für Schweinefleisch. Unter anderem die Interessengemeinschaft der deutschen Schweinehalter hatte die Verschiebung gefordert, auch wenn sie das Gesetz auf ZDFheute-Anfrage eigentlich für "sinnvoll" hält.
Glückliche Schweine aus art- und tierwohlgerechter Haltung, damit werben zahlreiche Handelsketten mit Siegeln. Doch der Blick in Ställe zeigt: Es ist nicht immer Tierwohl drin, wo es draufsteht.
27.05.2025 | 9:54 minDas neue Label kommt zusätzlich zum schon vorhandenen "Haltungsform"-Label, das bereits heute auf vielen Fleischverpackungen zu finden ist. Dabei handelt es sich um eine freiwillige Kennzeichnung einiger großer Supermarktketten.
Gesetz zum zweiten Mal verschoben
Offiziell beschlossen wurde das Gesetz noch von der Ampel-Regierung im Sommer 2023. Zwei Jahre sollten die Unternehmen und Behörden Zeit bekommen, das Label auch umzusetzen. Vergangenes Jahr, kurz vor Ablauf dieser Frist, dann die erste Verschiebung.
Die Bundesländer hätten es nicht geschafft, die Meldestellen aufzubauen, an die die Landwirte ihre Tierhaltungs-Daten schicken sollen. Die Agrarminister baten die Bundesregierung deshalb um eine Verschiebung. Am 1. März dieses Jahres hätte die Pflicht dann greifen sollen.
Labels sollen auch in Restaurants zu sehen sein
Jetzt die weitere Verschiebung auf Januar 2027. Begründung diesmal: Man arbeite bereits an einem Entwurf für die Überarbeitung des Gesetzes, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Das Gesetz solle nochmal "grundsätzlich reformiert" werden.
Die Preise für Schweinefleisch sind aktuell zu niedrig. Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche im Januar verschärfte die Krise der Schweinehalter. Wie können die Betriebe die Schweinehaltung zukunftsfähig weiterentwickeln?
19.02.2025 | 1:33 minUnter anderem soll die Label-Pflicht in Zukunft auch für die sogenannte "Außer-Haus-Verpflegung" gelten - also beispielsweise in Restaurants und Kantinen. Außerdem soll in Zukunft auch ausländisches Schweinefleisch gekennzeichnet werden. Darauf haben sich Union und SPD vor der Abstimmung geeinigt.
Ob es das Gesetz wirklich brauche, wurde dagegen zuletzt aus den Reihen der CSU öffentlich hinterfragt. Der agrarpolitische Sprecher der Partei, Artur Auernhammer, sagt mit Blick auf das bereits bestehende freiwillige Label:
Wenn etwas privatrechtlich sehr gut funktioniert, ist die Frage: Muss ich das gesetzlich regeln?
Artur Auernhammer, CSU
Greenpeace: Minister hat "kein Interesse an Transparenz"
Dass das Gesetz zuerst noch reformiert werden soll, statt es früher zu verabschieden, stößt bei Greenpeace auf scharfe Kritik am Landwirtschaftsminister.
Die wiederholte Verschiebung macht deutlich, dass Alois Rainer kein Interesse an Transparenz für die Verbraucher hat. Eine grundsätzliche Reform braucht es nicht.
Lasse van Aken, Kampagnensprecher Agrarwende bei Greenpeace
Es sei zwar "positiv", dass die Pflicht auch auf Restaurants ausgeweitet werden soll, van Aken fordert aber gegenüber ZDFheute, dass das Gesetz "erstmal implementiert" werden müsse, um es dann später zu ergänzen.
Besonders kritisch sieht van Aken, dass auch die Kennzeichnung von Importfleisch schon im ersten Schritt eingeführt werden soll. Diese Regelung müsse erst in einem "langwierigen Verfahren" von der EU genehmigt werden und sei möglicherweise auch nicht mit EU-Recht vereinbar. Er befürchtet deshalb einen "langsamen Tod" des gesamten Gesetzes wegen dieses Zusatzes.
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer macht den Bauern Hoffnung auf Entlastungen. Umwelt- und Verbraucherschützer befürchten einen Rückschritt in der Agrarpolitik.
26.06.2025 | 2:47 minÄhnliche Kritik kommt auch von den Grünen. Bei den geplanten Neuregelungen handele es sich zwar um "relevante Themen", diese dürften aber nicht "als Vorwand genutzt werden", um die Einführung des Labels "weiter zu verzögern", so Zoe Mayer, die sich für die Grünen im Bundestag um Tierschutz kümmert.
SPD verteidigt Verschiebung
Anders sieht das Jens Behrens, der das Gesetz für die SPD verhandelt hat. Die "notwendigen Verbesserungen" seien "die Voraussetzung dafür, dass die Tierhaltungskennzeichnung funktioniert, von den Verbrauchern akzeptiert wird und dauerhaft Bestand hat", sagt Behrens ZDFheute.
"Mindestens indirekt" werde das Label auch für mehr Tierwohl sorgen. Wenn zukünftig die Haltungsbedingungen ablesbar sind, sorge das für "Vertrauen" und schaffe eine "Wiedererkennung und Vergleichbarkeit". Dann könnten die Verbraucher "auf transparenter Basis" eine Kaufentscheidung treffen", so der SPD-Politiker.
Mehr zum Thema Landwirtschaft
Mehr Schutz für Landwirtschaft:So will die EU das Mercosur-Abkommen retten
mit Video0:32Halbes Pfund Butter für unter 1 Euro:Milchbauern: Butterpreis ein "wirtschaftliches Desaster"
mit Video0:27- Faktencheck
Mittel gegen Methan-Emissionen:Wirbel um Klimaschutz-Futter für Kühe: Was steckt dahinter?
von Nils Metzger - FAQ
Tierseuche breitet sich aus:So gefährlich ist die Vogelgrippe für Menschen
mit Video1:50