Mehrwertsteuer: Welche Folge hätte eine höhere Mehrwertsteuer?

Interview

Überlegungen der Bundesregierung:Welche Folgen hätte eine höhere Mehrwertsteuer?

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Die Regierung diskutiert auch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Welche wirtschaftlichen Gefahren das birgt - und unter welchen Bedingungen es den Faktor Arbeit entlasten könnte.

Ein Kassenbon mit unterschiedlichen Mehrwertsteuerangaben liegt unter Münzen.

Vizekanzler Klingbeil will eine Steuerreform vorlegen. 95 Prozent der Beschäftigten sollen entlastet werden. Für Kanzler Merz gilt: Man schließe nichts aus, um ans Ziel zu kommen.

26.03.2026 | 2:22 min

Bei seiner Regierungserklärung am 25. März schloss Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Änderungen bei der Mehrwertsteuer nicht aus: "Aber wir haben ein klares Ziel, und das klare Ziel heißt Entlastung der Arbeitnehmerhaushalte und der Betriebe." Wie sich eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auswirken würde, und wie das zu einer Entlastung der Bürger führen könnte, erklärt Steuer-Experte Tobias Hentze im Interview.

ZDFheute: Wie bewerten Sie grundsätzlich eine mögliche Erhöhung der Mehrwertsteuer in Deutschland?

Tobias Hentze: Man muss Steuerdebatten immer im Kontext betrachten, von daher gilt das auch hier. Wenn wir jetzt nur darüber reden würden, die Mehrwertsteuer einfach zu erhöhen, wäre das schon sehr kritisch.

Denn klar ist, eine höhere Mehrwertsteuer treibt Preise, treibt die Inflation.

Tobias Hentze, Steuer-Experte

Sie ist auch nicht besonders verteilungsgerecht, weil gerade Haushalte mit kleinen Einkommen relativ gesehen stärker von der Mehrwertsteuer betroffen sind, also stärker belastet werden. Von daher wäre das isoliert betrachtet erst mal keine gute Sache, die Mehrwertsteuer einfach so zu erhöhen.

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ZDFheute: Welche Vorteile hätte eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für den Staatshaushalt?

Hentze: Die Mehrwertsteuer ist eine sehr ergiebige Steuer. Mit der Einkommensteuer zusammen macht sie zwei Drittel der Steuereinnahmen aus. Das bedeutet konkret: Ein Prozentpunkt mehr, also eine Erhöhung von 19 auf 20 Punkte würde dem Staat rund 16 Milliarden Euro in die Kasse spülen - und das ist erst mal viel Geld. Wenn man zwei Punkte hochginge, hätte man entsprechend 32 Milliarden. Das ist in der Tat schon ein nennenswerter Betrag.

ZDFheute: Also könnte eine höhere Mehrwertsteuer helfen, Schulden zu reduzieren oder Investitionen zu finanzieren?

Hentze: Die wichtige Frage ist in der Tat, was man dann macht mit diesen Mehreinnahmen. Einfach nur zu sagen, wir brauchen mehr Geld, weil wir finanzierungsbedingte Haushaltsengpässe haben, ist aus meiner Sicht zu kurz gegriffen. Dann hätte man eine höhere Belastung und das ist schon schädlich für die Wirtschaft, weil die Inflation stärker anspringt, weil es teurer wird für die Menschen einzukaufen, andere Dinge zu kaufen oder auch in Urlaub zu fahren.

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Also es gibt schon negative Effekte - übrigens auch für den Einzelhandel, der aktuell alles andere als gut dasteht. Von daher gibt es einfach Risiken in einer Erhöhung - und wenn davon nur Haushaltslöcher gestopft werden würden, dann wäre unterm Strich nichts gewonnen, dann wäre es aus ökonomischer Sicht ein Schaden.

Porträt von Tobias Hentze
Quelle: IW Köln

… arbeitet am Institut der deutschen Wirtschaft und beschäftigt sich dort vor allem mit Steuern und öffentlichen Finanzen. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Uni Köln studiert, anschließend promoviert. Seit 2022 leitet er am Institut der deutschen Wirtschaft das Cluster Staat, Steuern und soziale Sicherung.


Deswegen stellt sich eher die Frage, was man mit diesen Mehreinnahmen Besseres machen kann.

Dann kommt man eben zu dem Gedanken, dass man an anderer Stelle möglicherweise die Steuern senken kann.

Tobias Hentze, Steuer-Experte

Dann hätte man ein Tauschgeschäft: eine höhere Mehrwertsteuer auf der einen Seite und auf der anderen Seite zum Beispiel eine geringere Einkommensteuer, also eine Entlastung des Faktors Arbeit. Das wäre dann mit Blick auf unsere wirtschaftliche Dynamik besser, als wenn nur Haushaltslöcher gestopft werden.

Denn wenn der Faktor Arbeit weniger belastet wird, wird es letztendlich attraktiver zu arbeiten und dadurch kommt es auch zu einer wirtschaftlichen Belebung.

Eine Getränkedose mit einem Softdrink und zahlreiche Zuckerwürfel liegen auf einem Tisch.

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ZDFheute: Ist denn die Mehrwertsteuer im Vergleich zu anderen Steuern eine "faire" Einnahmequelle?

Hentze: Die Mehrwertsteuer ist für alle gleich, z. B. wenn wir einkaufen gehen und unabhängig davon, ob man arm oder reich oder alt oder jung ist. Für eine Packung Käse zahlen alle die gleiche Mehrwertsteuer von 7 Prozent, für ein neues Auto zahlen wir alle die Mehrwertsteuer in Höhe von 19 Prozent. Das kann man als gerecht empfinden, aber grundsätzlich verteilen wir über Steuern schon um: Wir verteilen um von denen, die viel haben, zu denen, die wenig haben.

Das passiert bei der Mehrwertsteuer nur in dem Sinne, dass Menschen, die viel Geld haben auch mehr kaufen, absolut gesehen auch mehr Mehrwertsteuer bezahlen, aber eben immer den gleichen Satz. Das ist bei der Einkommensteuer anders. Wenn Sie viel verdienen, dann zahlen Sie nicht nur mehr Steuern, sondern zahlen auch einen höheren Prozentsatz, weil wir hier steigende Steuersätze im Einkommensteuertarif haben.

Von daher sorgt die Mehrwertsteuer nicht so sehr für Umverteilung wie zum Beispiel die Einkommensteuer.

Tobias Hentze, Steuer-Experte

Ein Vorteil der Mehrwertsteuer ist aber, dass sie relativ effizient ist, weil sie eben eine breite Bemessungsgrundlage hat.

Das Interview führte Thadeus Parade. Er ist Reporter im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.

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Über dieses Thema berichtete das heute journal update am 26.03.2026 ab 0:30 Uhr und ZDFheute live am 25.03.2026 ab 14:00 Uhr.

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