Ex-Ministerpräsidentin Finnlands:Marin bei "Lanz": Warum die Finnen so wehrhaft sind
von Felix Rappsilber
Sanna Marin, Ex-Ministerpräsidentin Finnlands, betont bei "Lanz", die Europäer seien bei der Verteidigung voneinander abhängig. Sie wirbt dafür, von der Ukraine zu lernen.
Zur Sicherheitsarchitektur in Europa, zur Bedrohung durch Russland, über die Zukunft des Verteidigungsbündnisses sowie über die Rolle von Drohnen im Gefecht an der ukrainisch-russischen Front.
30.04.2026 | 74:16 min300.000 Soldaten, fast eine Million Reservisten, bei einer Gesamtbevölkerung von 5,5 Millionen - Finnland ist stark militarisiert. Sanna Marin sprach am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" über die Motivation der Finnen, sich an der Wehrhaftigkeit ihres Landes zu beteiligen.
Marin: Europäer brauchen sich gegenseitig
Die ehemalige Ministerpräsidentin Finnlands erinnerte an die "Härten, die wir aufgrund der Kriege gegen die Sowjetunion durchgemacht haben: Wir haben Land und Leben verloren und es gibt sehr viele traurige Geschichten in jeder finnischen Familie."
Wir haben diese kollektive Erinnerung und deswegen ist die Bereitschaft, dem Land zu dienen und das Land zu verteidigen, sehr groß.
Sanna Marin, frühere finnische Ministerpräsidentin
Finnland habe die Wehrpflicht nie aufgegeben, während sie im westlichen Europa zurückgegangen sei. 186.000 deutsche Soldaten, etwa 60.000 Reservisten, bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen - der Unterschied ist immens.
... war bis 2023 Ministerpräsidentin Finnlands. Bei ihrem Amtsantritt 2019 war sie mit 34 Jahren die jüngste Regierungschefin der Welt. Seit September 2023 ist sie strategische Beraterin am Tony Blair Institute for Global Change und berät Länder, Regierungen sowie Staats- und Regierungschefs zu politischen Themen wie guter Regierungsführung, Technologie, Klima und Gleichstellung der Geschlechter. (Stand: 30.4.2026)
Marin warb für einen gemeinsamen europäischen Kraftakt: "Der Rest von Europa muss verstehen, dass wir in Finnland nicht sicher sind ohne den Rest von Europa, dass wir uns gegenseitig brauchen."
Die Stärke Europas kommt aus der Einigkeit.
Sanna Marin, Ex-Ministerpräsidentin Finnlands
Finnland sei der Nato beigetreten, "weil wir gemeinsam in diesem Bündnis sein wollten und wir möchten, dass die Nato gestärkt wird". Wie Deutschland in sein Militär investiere, habe direkte Auswirkungen auf Finnland. Marin betonte:
Wir können Europa nicht alleine verteidigen, wir brauchen uns gegenseitig.
Sanna Marin, Ex-Ministerpräsidentin Finnlands
Expertin Major: Lern-Tourismus nach Finnland
So berichtete Sicherheitsexpertin Claudia Major von einem "Lern-Tourismus Richtung Finnland". Fast alle europäischen Länder würden dorthin pilgern und versuchen, Resilienz zu erlernen. Beispielsweise gebe es in Finnland das 72-Stunden-Programm, wonach "jeder wissen soll, was er in den ersten Stunden nach einer Krise macht".
Major weiter: "Es geht nicht nur darum: Wo finde ich Strom? Sondern auch: Wie bleibe ich psychisch stabil? Wie kümmere ich mich um Ältere? Wo kriege ich verlässliche Informationen her?"
Dieses Programm werde regelmäßig geübt:
Man ist kein Opfer in einer Krisensituation, sondern ein Akteur.
Claudia Major, Sicherheits-Expertin
Aus dieser Vorbereitung ergebe sich in Finnland ein "ganz anderes Mindset als bei uns: Wir kriegen das gemeinsam hin. Wir sind gut aufgestellt. Jeder weiß, wo sein Platz ist."
"Wir sollten uns darauf fokussieren, die eigene Verteidigungsfähigkeit in Europa aufzubauen" und es sollte weniger auf die USA als Partner gesetzt werden, sagt Sicherheitsexpertin Claudia Major.
30.04.2026 | 5:43 minFinnland teile sich über 1.300 Kilometer Grenze mit Russland. Major erklärte:
Finnland hat so ein Gesamtverteidigungskonzept entwickelt, das einerseits auf militärischer Stärke aufbaut und andererseits auf die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft.
Claudia Major, Sicherheitsexpertin
Wenn neue Gebäude gebaut würden, müssten darin ab einer bestimmten Größe Bunker eingerichtet werden. Brücken und Unterführungen hätten Vorrichtungen, um sie im Falle eines Angriffs sprengen zu können.
Marin: Internationales Gewicht der Ukraine hat zugenommen
Inzwischen findet auch Wissenstransfer aus der Ukraine statt. Ex-Politikerin Sanna Marin sagte: "Wir sehen, dass die Ukraine jetzt auch im Westen eine große Rolle spielen kann und uns hilft, unsere militärischen Fähigkeiten auszubauen und uns anzuleiten (...)."
Die Ukraine unterstütze einige Länder des Nahen Ostens mit Technologien. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges hätten die Ukrainer "sehr viel Wissen angehäuft", so Marin.
Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte von einer starken Nachfrage nach ukrainischem Know-How und Technologien zur Drohnenabwehr berichtet. Ukrainische Expertenteams seien bereits nach Saudi-Arabien, Katar und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) entsendet worden, so der ukrainische Präsident.
Ukrainische Grenztruppen patrouillieren auf dem Fluss Dnipro. Präsident Selenskyj warnt davor, dass Russland Belarus erneut als Aufmarschgebiet nutzen könnte.
30.04.2026 | 2:36 minMarin betonte:
Das internationale Gewicht der Ukraine hat so zugenommen, wie wir es nicht haben erahnen können.
Sanna Marin, frühere finnische Ministerpräsidentin
Major: Lernen von der Ukraine
Sicherheitsexpertin Major erklärte, dass die Kooperation zwischen der Ukraine und den Golfstaaten immer enger werde. Bis zu 200 ukrainische Ausbilder würden in der Golfregion helfen:
Das Spannende ist, dass die Ukraine nicht als Bittsteller auftritt, sondern sie sagt: 'Wir haben was, was ihr nicht habt. Und im Gegenzug helft ihr uns vielleicht mit der Finanzierung, helft ihr uns vielleicht mit Patriots.'
Claudia Major, Sicherheitsexpertin
Mittlerweile würden ukrainische Ausbilder auch im deutschen Heer arbeiten: "Die Ukraine bringt den Amerikanern, den Golfstaaten und auch uns Westeuropäern ihre Erfahrungen bei. Wir haben gerade eine Umkehr, dass wir ganz bewusst von der Ukraine lernen."
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit der ZDFheute als hinterlegte Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Reibereien um Iran-Krieg:Trump geht Merz scharf an - Kanzler bleibt bei Kritik
mit Video2:52- Faktencheck
"Es gibt keinen Ort namens Feta!":US-Handelsbeauftragter mit schrägen Vorwürfen gegen Europa
von Nils Metzger Gebühren für Wasserstraßen:Straße von Hormus: Diskussion um Maut belastet Schifffahrt
von Helge Hoffmeistermit Video2:41US-Präsident als Ziel von Angriffen:Donald Trump im Visier: Überblick über Sicherheitsvorfälle
mit Video1:28