Folgen des Iran-Kriegs:Jüdisches Leben in Deutschland "noch gefährlicher geworden"
von Markus Gross
Unsicherheit und erhöhte Aufmerksamkeit prägen den Alltag in den jüdischen Gemeinden. Sicherheitskräfte warnen vor Vergeltungsakten wegen des Iran-Kriegs - auch in Deutschland.
Der Angriff auf den Iran sorgt auch in Deutschland für Spannungen. Sicherheitsbehörden warnen vor einem erhöhten Anschlagsrisiko gegen jüdische und israelische Einrichtungen und erhöhen den Schutz.
09.03.2026 | 1:46 minIn Berlin gilt derzeit die höchste Sicherheitsstufe vor jüdischen und israelischen Einrichtungen. Laut Polizei gibt es zwar keine konkrete Gefährdungslage. Dennoch hat sie ihre Präsenz erhöht und mehr Personal mobilisiert. Die Sicherheitsbehörden warnen vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen. Der Berliner Verfassungsschutz zählt nach eigenen Angaben etwa 630 gewaltbereite Islamisten mit Iran-Bezug. Die Berliner Polizei erklärt, man sei wachsam und vorbereitet.
Jüdisch aufzutreten ist "noch gefährlicher geworden"
Auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wächst die Sorge. Ron Dekel von der Jüdischen Studierendenunion spricht offen über die angespannte Situation:
Natürlich ist die Bedrohungslage hier vor Ort hoch, weil wir hier Ziele sein könnten.
Ron Dekel, Jüdische Studierendenunion
Bereits vor dem aktuellen Konflikt mit Iran sei es gefährlich gewesen, offen jüdisch aufzutreten, sagt Dekel. "Und es ist noch gefährlicher geworden." Gleichzeitig betont er den Zusammenhalt innerhalb der jungen jüdischen Community. "Wir haben gelernt, resilient zu sein und uns nicht einschüchtern zu lassen. Wir bleiben sichtbar auf der Straße", sagt er entschlossen.
Es besteht eine hohe Gefahr für jüdische Einrichtungen und diplomatische Vertretungen, die den USA oder Israel nahestehen. In Deutschland gingen auch heute Tausende Exil-Iraner auf die Straße.
01.03.2026 | 1:26 minSorge um Angehörige in Israel: Warn-App zeigt Luftalarm-Zonen
Neben der Sorge um die eigene Sicherheit beschäftigt viele vor allem die Lage in Israel. Iranische Angriffe haben dort bereits schwere Schäden verursacht und Menschenleben gefordert. Erik Beglarian, der sich beim Bund Jüdischer Studierender in Mannheim engagiert und derzeit in Berlin zu Besuch ist, verfolgt die Ereignisse aufmerksam. Eine Warn-App auf seinem Handy zeigt ihm in Echtzeit, wo Luftalarm ausgelöst wurde.
"Bei Tel Aviv ist alles rot, oben in der Negev-Wüste auch", erklärt er und deutet auf die Markierungen. Für ihn sei entscheidend zu wissen, ob Freunde rechtzeitig Schutz in Bunkern gefunden hätten. Die Kontakte nach Israel seien intensiver geworden:
Wir reden viel mehr miteinander und zeigen mehr Zusammenhalt. Wir wollen mehr Sicherheit, aber kein Mitleid.
Erik Beglarian
Israels Luftwaffe hat erneut Ziele im Iran angegriffen, darunter ein Öllager in Teheran. Auch Beirut und Kuwait melden Angriffe. In Israel wurde nach iranischem Beschuss Luftalarm ausgelöst.
08.03.2026 | 0:46 minHoffnung auf Ende des Mullah-Regimes
Auch für Lien Droste hat der Konflikt direkte Folgen. Sie sitzt derzeit in Berlin fest, da der Flugverkehr nach Israel unterbrochen ist. Vorerst ist sie bei Verwandten und Freunden untergekommen und verfolgt die Nachrichten aus ihrer Heimat mit großer Aufmerksamkeit. Trotz der angespannten Lage hofft sie auf eine politische Wende: "Ich hoffe, dass die iranische Bevölkerung von dem Regime befreit wird und endlich Frieden im Nahen Osten eintritt."
Der Expertenrat in Iran einigt sich wohl auf Chameneis Nachfolge. Über die Lage in Iran und an der israelisch‑libanesischen Grenze berichten Isabelle Tümena und Thomas Reichart.
08.03.2026 | 2:41 minSolidarität mit Menschen in Iran, die unter dem Mullah-Regime leiden, ist innerhalb vieler jüdischer Gemeinden verbreitet. Ron Dekel erinnert daran, dass jüdische Gemeinden nach den Angriffen vom 7. Oktober viel Unterstützung von Exil-Iranerinnen und -Iranern erfahren hätten. "Jetzt ist es schön, dass wir das auch irgendwie zurückgeben können."
Juden erleben in Deutschland immer häufiger Anfeindungen. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 hat der Antisemitismus deutlich zugenommen, zeigt eine neue Studie.
30.09.2025 | 1:34 minPurim-Feiern: Jüdische Gemeinden zwischen Absagen und Trotz
Trotz der angespannten Sicherheitslage bemühen sich viele Gemeinden, ihren Alltag aufrechtzuerhalten und religiöse sowie kulturelle Aktivitäten fortzuführen. In der orthodoxen Chabad-Gemeinde in Berlin lud Rabbiner Yehuda Teichtal in diesen Tagen zum Purim-Fest ein - eines der fröhlichsten Feste im jüdischen Kalender. Mit Musik, Kostümen und Tanz wird dabei an die Rettung des jüdischen Volkes im antiken Persien vor rund 2.400 Jahren erinnert.
"Es gibt jüdische Studierende, die sich nicht mehr an die Uni trauen und das ist ein akuter Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit", so Ron Dekel, Präsident jüdische Studierendenunion Deutschland, zu Juden in Deutschland.
17.09.2025 | 5:15 minWährend einige Gemeinden ihre Purim-Feiern aufgrund der aktuellen Lage abgesagt haben, entschied sich die Chabad-Gemeinde bewusst für die Durchführung des Festes. Purim sei eine Antwort auf die Bedrohung des jüdischen Volkes, betont Rabbiner Teichtal. Gerade in schwierigen Zeiten sei es wichtig, Hoffnung und Zuversicht zu zeigen - bei aller gebotenen Wachsamkeit.
Markus Gross berichtet aus dem ZDF-Studio Berlin.
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