Fraktionsklausur in Berlin: Grüne auf Selbst-Suche

Fraktionsklausur in Berlin :Die Grünen weiter auf der Selbst-Suche

Bernd Benthin

von Bernd Benthin

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Heute treffen sich die Grünen zur Fraktionsklausur in Berlin. Um Sicherheit und Bezahlbarkeit soll es gehen. Eigentlich aber geht es um die Frage: Was und wohin wollen die Grünen?

Fahnen mit dem Logo der Grünen

Passend zur Weltlage soll in der zweitägigen Grünen-Fraktionsklausur die innere und äußere Sicherheit thematisiert werden.

19.01.2026 | 0:27 min

Heute vor einem Jahr war für die Grünen noch alles anders. Regierungspartei, geeicht auf Robert Habeck, mitten im Wahlkampf und getragen vom Anspruch, weiter zu regieren - vielleicht sogar direkt im Kanzleramt. Die Umfragen gaben das zwar damals nicht her, die Grünen lagen bei 15 Prozent. Aber Robert Habeck wurde nicht müde zu betonen, dass alles im Fluss sei und die Verhältnisse noch "ins Tanzen" kämen.

Jetzt, ein Jahr später, tanzen andere. Und die Grünen schauen zu. Schlechtes Wahlergebnis, Habeck-Abgang, Baerbock-Abgang, harte Oppositionsbank. Und die monatelang gewälzte Frage: Was und wohin wollen die Grünen jetzt?

Franziska Brantner bei der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover

Grünen-Chefin Franziska Brantner will weg vom Image der Verbotspartei, das nach Heizungsgesetz und Ampel-Aus ramponiert ist. Die Grünen müssen ihre neue Rolle in der Opposition finden.

01.12.2025 | 4:03 min

Monatelange Suche nach Profil

Viele Funktionsträger der Partei reagieren inzwischen mit Augenrollen auf die Frage, ob die Grünen nun linker, sozialer, kämpferischer oder mittiger, bündnisbereiter, staatstragender sein wollen. Das mag zum einen daran liegen, dass die Frage tatsächlich nicht so einfach zu beantworten ist. Zum anderen aber wirkt die Partei so, als ob sie selbst am meisten nach Antworten auf die Frage sucht. Zwischen den Polen, auf der Suche nach Profil.

Die Grüne Jugend erklärt in jede Kamera, der Habeck-Kurs sei gescheitert und fordert den Linksschwenk. Gegenüber ZDFheute sagt die Bundessprecherin Henriette Held:

Die Grünen wollen nah an den Alltagssorgen der Menschen sein. Was es dafür aber braucht, ist eine Umverteilungsoffensive. Das bedeutet konkret: Verteilungsfragen in jedes politische Feld hineinzutragen.

Henriette Held, Bundessprecherin Grüne Jugend

Delegierte beim Bundesparteitag der Grünen in Hannover

Mit Neun-Euro-Ticket und Klimaschutz für alle wollen die Grünen aus dem Elf-Prozent-Tal. Doch der Vertrauensverlust nach dem Ampel-Aus wirkt nach und die großen Streitthemen packen sie nicht an.

01.12.2025 | 3:25 min

Timo Dzienus, früher mal Sprecher der Grünen Jugend und jetzt Bundestagsabgeordneter assistiert und erklärt gegenüber ZDFheute:

Wir Grüne helfen den Menschen, die in den Wohnungen leben und nicht den Großkonzernen, die mit Wuchermieten Gewinne machen. Grün heißt, klar auf einer Seite zu stehen.

Timo Dzienus, Bundestagsabgeordneter

Grüne Wahlkämpfer wie Cem Özdemir dürften jedes Mal zusammenzucken, wenn sie solche Statements lesen. Oder auch, wenn die Grüne Jugend den CSU-Chef Markus Söder beleidigt, wie am Wochenende geschehen.

In Baden-Württemberg punktet man nur an wenigen Orten mit Umverteilungsoffensiven und Bekenntnissen für eine Seite - eher mit Verständnis und Konzepten für Wirtschaft und Mittelstand. Folgerichtig spricht Özdemir über die Grünen im Bund als "einzige bürgerliche Oppositionspartei." Links sein, gleichzeitig aber auch bürgerlich - das klingt wie ein ziemlicher Spagat.

Franziska Brantner und Felix Banaszak auf dem Parteitag der Grünen in Hannvover

Baerbock und Habeck – auf und davon, die Umfragewerte schwach. Mit neuen Losungen und Gesichtern suchen die Grünen ihre Rolle in der Opposition. Ihr Anspruch: „emotionale Heimat“ für alle sein.

01.12.2025 | 3:16 min

Sicherheit und Bezahlbarkeit als Thema

Heute nun trifft sich die Bundestagsfraktion der Grünen zur zweitägigen Klausur. Nächste Woche dann haben die Parteivorsitzenden zur Klausur der Bundespartei geladen. Zwei weitere Etappen auf der Suche nach sich selbst. Passend zur Weltlage soll es heute schwerpunktmäßig um innere und äußere Sicherheit gehen.

Die Grünen fordern die Regierung auf, einen schärferen Ton gegenüber Donald Trump anzuschlagen, etwa das Vorgehen in Venezuela deutlich zu verurteilen und auf die Einhaltung der Grund- und Menschenrechte in den USA zu pochen. Eine Forderung, die viele teilen mögen, die sich aber von der Oppositionsbank aus deutlich leichter aussprechen lässt.

Außerdem haben die Grünen "Bezahlbarkeit" als Gewinnerthema für sich ausgemacht. Vor Weihnachten etwa forderte die Co-Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge eine Pflicht-App für Supermärkte, die Preisschwankungen transparent machen soll. Kassenkampf statt Klassenkampf.

Bundesdelegiertenkonferenz Bündnis 90/Die Grünen

Die Grünen sind auf der Suche nach einem klaren Kurs. Beim Parteitag konzentrierten sie sich vor allem auf den Klimaschutz. Doch bei vielen anderen Themen herrschte noch Uneinigkeit.

29.11.2025 | 2:07 min

Gegenüber ZDFheute sagt Britta Haßelmann, ebenfalls Co-Vorsitzende der Fraktion:

Die Alltagsthemen und Probleme der Menschen, die marode Infrastruktur, das kaputte Schulklo, bezahlbares Wohnen sind genauso wichtig wie die Weltlage. Fragen der Bezahlbarkeit des täglichen Lebens, Investitionen in unser Land gehören ebenfalls ins Zentrum der Debatte.

Britta Haßelmann, Co-Vorsitzende Bundestagsfraktion

Cem Özdemir, Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026, und Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg auf dem Landesparteitag in der ersten Reihe.

Nach fast 15 Jahren in der Regierung liegen die Grünen in den Umfragen für die Landtagswahl in Baden-Württemberg im kommenden Jahr deutlich hinter CDU-Herausforderer Manuel Hagel.

13.12.2025 | 1:45 min

Verschiedene grüne Nöte

Was die eigene Profilierung angeht, stecken die Grünen in verschiedenen Nöten. Nach dem Abgang der Führungsfiguren Habeck/Baerbock tritt der Meinungsstreit zwischen Realos und Fundis wieder deutlicher zutage. Im Bundestag versucht die Partei zwar harte Oppositionsarbeit, etwa wenn sie Wirtschaftsministerin Reiche angreift. Gleichzeitig kann sich Friedrich Merz darauf verlassen: Wenn es richtig eng wird, helfen die Grünen.

Und über allem: Das eigentliche Kernthema Klima wird trotz immer neuer Extremzahlen seit langem von anderen Problemen überlagert. Das Thema, das die Grünen einst vom Kanzleramt träumen ließ, rangiert laut ZDF-Politbarometer mittlerweile nur noch auf Rang 4 der größten Sorgen der Deutschen. Davor: Wirtschaft, Migration, Rente.

Und auch die Landtagswahlen in diesem Jahr lasten auf der Partei. In Baden-Württemberg sieht es nach aktuellen Umfragen so aus, als ginge den Grünen ein Symbol des Aufstiegs - der erste Ministerpräsidenten-Posten der Partei - verloren. Und in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht trotz immenser Anstrengungen der fortgesetzte Bedeutungsverlust im Osten.

Baden-Württemberg, Ludwigsburg: Cem Özdemir, (Bündnis 90/Die Grünen), Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026, spricht beim Landesparteitag seiner Partei.

Beim Parteitag der baden-württembergischen Grünen hat Spitzenkandidat Özdemir seine Ambitionen auf das Amt des Ministerpräsidenten bekräftigt. Die Landtagswahl findet am 8. März statt.

13.12.2025 | 0:23 min

Betonierte Umfragezahlen

Überhaupt: Die Umfragezahlen. Seit der Wahl stecken die Grünen im Bund wie betoniert fest bei 11 bis 12 Prozent. Auch in den Monaten, in denen die Regierung über Bürgergeld und Rente streitet. Es scheint das Grundreservoir der Partei zu sein, aus dem man sich eigentlich schon herausgewachsen sah.

Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen, aber liefert gegenüber ZDFheute eine weitergehende Einordnung der Zahlen. Die Werte für die Grünen sähen vor allem in Relation zu den kurzzeitigen Umfrage-Hypes im Klima-Kontext bescheiden aus. Aber:

Berücksichtigt man die Tatsache, dass sich der Gesamtanteil für die Parteien in der Mitte jenseits von Linke und AfD inzwischen deutlich verringert hat, dann liegen die Grünen immer noch sehr nahe an ihren längerfristigen Durchschnittswerten, während Union, SPD und FDP deutlich schlechter abschneiden als früher.

Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen

Der Gedanke hat etwas Tröstliches und etwas Trostloses für die Partei. In die Nische zurückgeschrumpft, aber stabil. Eine übergeordnete Frage wird die Grünen in dieser Fraktionsklausur beschäftigen und wohl auch noch in der nächsten und übernächsten. Eine Frage, die von Habeck und Baerbock schon beantwortet schien: Wie gelingt der Weg zurück auf die Tanzfläche. Und welchen Tanz will man überhaupt tanzen?

Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress im Beitrag "Fraktionsklausur der Grünen" am 19.01.2026 um 08:31 Uhr.
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