Grünen-Chefin Brantner beim Parteitag:"Keine Debatte über irgendwelche blöden Schnitzel"
Grünen-Chefin Franziska Brantner will weg vom Image der Verbotspartei, das nach Heizungsgesetz und Ampel-Aus ramponiert ist. Die Grünen suchen ihre neue Rolle in der Opposition.
Grünen-Chefin Franziska Brantner im Interview
30.11.2025 | 4:03 minZDFheute: Wie war das für Sie, ein Parteitag ohne Robert Habeck? Haben Sie ihn vermisst?
Franziska Brantner: Wir haben jetzt ein neues Kapitel aufgeschlagen als Grüne, und es war eine kraftvolle Energie in dem Raum, die gesagt hat: ein Update für den Klimaschutz, sozial- und innovationsgetrieben. Und dann hatten wir eine respektvolle Debatte zu Nahost. Zur Wehrpflicht, was auch nicht einfach war.
ZDFheute: Was ist Ihr Ziel als Grüne? Möglichst zügig in eine Regierung zurückzukehren oder Neusortierung in der Opposition?
Brantner: Wir machen jetzt eine kraftvolle Opposition, die aber nicht nur meckert und schimpft, sondern auch eigene Vorschläge hat. Wir haben das bei der Rente so vor, wir machen das genauso bei der Wehrpflicht.
Wir gehen nicht nur rein und sagen: Die anderen sind blöd - sondern wir machen eigene Vorschläge.
Franziska Brantner
Die Grünen sind auf der Suche nach einem klaren Kurs. Beim Parteitag konzentrieren sie sich vor allem auf den Klimaschutz.
29.11.2025 | 2:07 minZDFheute: Trotzdem - die Schwarz-rote Koalition macht Fehler, ist zerstritten und so unbeliebt wie die Ampel am Ende. Fragen Sie sich manchmal: Was machen wir falsch?
Brantner: Es ist erst mal katastrophal, dass diese Regierung so zerstritten ist. Und ich finde auch, dass Herr Merz sich jetzt endlich mal wirklich zusammenreißen muss. Sie müssen das jetzt einfach mal gebacken bekommen.
Und ja, leider ist die Erinnerung an die Ampel, die ja auch im Streit auseinandergegangen ist, noch nicht so lange her.
Franziska Brantner
Und profitieren von den Enttäuschungen tun gerade leider die AfD als Partei - und das ist auch für uns schmerzhaft zu sehen. Aber umso wichtiger ist es, einen guten Gegenentwurf zu geben, der klar sagt, was unsere Alternative ist.
Bundesvorsitzende Franziska Brantner (B'90/Grüne) zum Auftakt der 51. Bundesdelegiertenversammlung von Bündnis 90/Die Grünen
28.11.2025 | 26:00 minZDFheute: Liegt es vielleicht auch daran, dass viele Wählerinnen und Wähler noch immer das Gefühl haben: Die Grünen bevormunden uns, wissen alles besser. Wie wollen Sie weg von diesem Image?
Brantner: Wir sind nicht diejenigen, die irgendwelchen Veggie-Schnitzel-Mist machen wie die Konservativen im Europaparlament.
Keine Debatten über irgendwelche blöden Schnitzel.
Franziska Brantner
Wir gehen mit allen ins Gespräch. Wir sind die Kraft, die vor Ort zuhört, die die Politik des Gehörtwerdens Winfried Kretschmanns in die nächste Generation führt.
Die Grünen haben sich auf ihrem Bundesparteitag in Hannover für eine verpflichtende Musterung für junge Männer ausgesprochen.
30.11.2025 | 0:29 minZDFheute: Morgen wollen Sie wieder die Regierung stellen. Mit welchem Thema? Dass homöopathische Mittel nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt werden?
Brantner: Mit der Rente. Es ist doch absolut klar, dass wir eine Regierung haben, die einen Dreck gibt auf die jungen Leute, die beim Klimaschutz nichts macht; die das Sondervermögen verballert, in dem fast jeder zweite Euro wirklich in irgendwelche Wahlgeschenke geht: die eine Rentenreform macht, die hauptsächlich zulasten der nächsten Generation ist, ohne diese zu entlasten.
Wir stehen dafür, dass wir für die jungen Menschen einen neuen Generationenvertrag entwickeln wollen - über alle Generationen hinweg -, gegen diese Regierung, die offensichtlich diese Generation aus dem Blick verloren hat.
Das Interview führte Ralph Schumacher, Leiter der ZDF-Redaktion Deutschland.
Nach dreieinhalb Jahren in der Ampel-Regierung und dem anschließenden Wechsel in die Opposition wollen die Grünen ihr Profil schärfen. Vor allem zur Klima- und Energiepolitik fassten die Delegierten des Bundesparteitags in Hannover entsprechende Beschlüsse. Es gab aber auch Entscheidungen zur Außenpolitik und weiteren Themen. Eine Übersicht:
Die Grünen wollen Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit besser miteinander verbinden. Beschlossen wurde deshalb die Forderung, 2027 ein sozial gestaffeltes Klimageld einzuführen. Das Deutschlandticket soll wieder zum Neun-Euro-Ticket werden, um klimafreundliche Mobilität für alle bezahlbar zu machen. Flüge mit Privatjets wollen die Grünen hingegen mit Sonderabgaben belegen, Flüge in der Business- und First-Class höher besteuern. Mieterinnen und Mieter sollen für CO2-Abgaben nur zahlen müssen, wenn zuvor eine ambitionierte Sanierung der Wohnung erfolgt ist.
Die Energiewende wollen die Grünen entschlossen vorantreiben mit dem Ziel von 100 Prozent erneuerbaren Energien. Die Stromsteuer soll für alle sinken. Mit einem "Solarbonus" sollen alle Verbraucherinnen und Verbraucher zudem im Sommer 600 Stunden lang kostenlosen Strom erhalten. Die umstrittenen Gasförderungen vor Borkum wollen die Grünen im Bundesrat stoppen. Ein begrenzter Ausbau von Gaskraftwerken mit einer Leistung von zunächst fünf Gigawatt wird aber befürwortet.
Die Grünen sprechen sich für einen schärferen Kurs gegenüber der israelischen Regierung aus. Gefordert werden Sanktionen gegen gewalttätige Siedler und als rechtsextrem eingestufte israelische Minister; eine Teil-Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel hält die Partei ebenfalls für möglich. Die Anerkennung eines eigenständigen Staates Palästina erachten die Grünen als "prioritären Schritt" im Friedensprozess. Gleichzeitig betont die Partei erneut ausdrücklich das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels.
Die Grünen fordern eine stärkere militärische Unterstützung der Ukraine - auch in Form von Taurus-Marschflugkörpern. Die Partei spricht sich zudem dafür aus, eingefrorene russische Vermögen für die Ukraine zu nutzen und die Sanktionen gegen Russland "massiv" zu verschärfen. Den kürzlich von der US-Regierung vorgelegten Ukraine-Plan verurteilten die Grünen scharf: Dies sei "ein offensichtlicher Versuch, die Ukraine zu unterwerfen".
Eine verpflichtende Musterung, wie von der Bundesregierung geplant, begrüßen die Grünen. Sie betonen aber zugleich: "Darüber hinaus setzen wir klar auf Freiwilligkeit." Einen Pflichtdienst lehnt die Partei damit erst einmal ab. Sie will aber eine Diskussion darüber anstoßen, "welche militärischen und zivilen Dienstformen - freiwillig, hybride und verpflichtende" - zur Gesamtverteidigung beitragen können. Wehrdienst und Zivilschutz sollen zudem attraktiver werden.
"Kommunen sind das Herz und Rückgrat unseres Landes", betonen die Grünen. Verlangt wird für sie eine verlässliche finanzielle Ausstattung, damit sie ihre Aufgaben für Bildung, soziale Einrichtungen, öffentlichen Nahverkehr Sport und Kultur erfüllen können. Die Kommunen sollen dazu stärker an Einnahmen aus der Mehrwertsteuer beteiligt werden und zudem von Einkünften aus erneuerbaren Energien profitieren.
Hier vollziehen die Grünen eine Kehrtwende: Die Partei fordert nun, dass Krankenkassen homöopathische Mittel nicht mehr erstatten sollen. "Die Solidargemeinschaft soll nicht für Therapien aufkommen, deren Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus wissenschaftlich nicht belegt ist", heißt es im Beschluss. Bislang galt bei den Grünen der Konsens, dass die gesetzlichen Kassen homöopathische Mittel und Behandlungen über Extratarife erstatten sollen, deren Kosten nicht auf alle Beitragszahlerinnen umgelegt werden.
Die Grünen fordern mehr Fairness im Steuersystem und das Schließen von Steuerschlupflöchern. Ausnahmen für das Vererben großer Vermögen oder Immobilienbesitze wollen die Grünen einschränken. Sonderregeln für Betriebsvermögen soll es zwar weiterhin geben, aber nur innerhalb bestimmter Grenzen.
Die Grünen fordern einen besseren Schutz vor der Übermacht großer Tech-Konzerne mit ihrem wachsenden Einfluss auch auf die Meinungsbildung. Deutschland und Europa sollen hierfür mehr eigene technologische Kapazitäten aufbauen. Dabei sollen besonders Open-Source-Angebote gestärkt werden. Vorschriften zum Schutz von Demokratie, Grund- und Menschenrechten wollen die Grünen effektiver machen.
Gefordert wird, ein Grundrecht auf Verschlüsselung von Chats für alle Beteiligten in die Grundrechtscharta der EU aufzunehmen. Pauschale Verschlüsselungsverbote zur Erleichterung der Arbeit von Sicherheitsbehörden sollen damit ausgeschlossen werden.
Die Grünen befürworten eine Reform der Rentenversicherung sowie der weiteren Sozialversicherungen. Als ein wichtiger Punkt wird die Verbreiterung der Einzahlerbasis genannt. Ein eigenes Konzept zur Zukunft der Alterssicherung soll im kommenden Jahr diskutiert und beschlossen werden.
Strukturschwache Landesverbände, vor allem in Ostdeutschland, sollen einen größeren Anteil an finanziellen Mitteln der Grünen erhalten, um ihre Arbeit auch jenseits von Wahlkampfzeiten finanziell abzusichern. Belastet werden die Parteifinanzen durch zuletzt eher schwache Wahlergebnisse und damit weniger staatliche Mittel. Positiv wirkt sich hingegen der deutliche Mitgliederzuwachs aus.
Die Grünen fordern eine systematische Auseinandersetzung mit Rassismus und Strukturen, die Diskriminierung fördern, in der Polizei und den Sicherheitsbehörden. Betont wird dabei, dass die übergroße Mehrheit der Beschäftigten in Sicherheitsbehörden und der Polizei gewissenhaft und auf dem Boden des Rechtsstaats handele.
Quelle: AFP
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