Fast 15 Jahre grüne Landesregierung:Die Methode Kretschmann: Der schwarze Grüne
von Anna-Maria Schuck, Stuttgart
So lang wie er hat keiner regiert im Ländle. Jetzt ist Schluss: Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann tritt bei der Landtagswahl nicht wieder an. Zeit für eine Bilanz.
Wie grün war Kretschmanns Politik und wie hat sich der Südwesten dadurch verändert?
29.11.2025 | 3:53 minWinfried Kretschmann ist in vielerlei Hinsicht ein Unikum. Er ist der erste Grüne an der Spitze einer Landesregierung. Und der bis heute einzige. Auch regierte kein anderer Ministerpräsident vor ihm länger im Ländle als er - nicht einmal Erwin Teufel. Das müssen ihm seine möglichen Nachfolger Cem Özdemir (B90/Die Grünen) und Manuel Hagel (CDU) erst mal nachmachen.
Im März 2026 wird ein neuer Landtag gewählt. Was bleibt von bald 15 Jahren grüner Landespolitik?
Ende 2026 sollte Stuttgart 21 endlich fertig sein - doch der Tiefbahnhof lässt Berichten zufolge weiter auf sich warten.
19.11.2025 | 0:16 minKretschmann, ein Zufall der Geschichte
Der Streit um die Großbaustelle Stuttgart 21, die Reaktorkatastrophe von Fukushima und ein unbeliebter CDU-Regierungschef: Es war wohl eher ein Zufall der Geschichte, der Kretschmann im Frühjahr 2011 an die Macht verhalf. Dass er danach zweimal wiedergewählt wurde, habe aber schon etwas mit ihm zu tun, betont Kretschmann in Interviews schmunzelnd.
Wenn der 77-Jährige im nächsten Jahr aus dem Amt scheidet, geht der laut aktuellen Umfragen bekannteste und beliebteste Politiker Baden-Württembergs in Rente. Für viele endet eine Ära.
"Wir werden in diesem Land einen Politikwechsel einleiten", verkündete er damals unter Jubel der Grünen. Politikwechsel - das hieß für Kretschmann, die Bürger stärker an Entscheidungen zu beteiligen. So wie bei Stuttgart 21, als erst ein Volksentscheid die Lösung brachte: Der Bahnhof wird gebaut (und wird es noch immer). Auch gegen den Willen des Ministerpräsidenten, der gerne durchblicken lässt, dass er insgeheim ganz froh ist, die Eröffnungsrede nicht halten zu müssen.
Bei Markus Lanz spricht Baden-Würtembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann über Lohn und Leistung.
02.05.2025 | 1:03 minKeine Energiewende "Made in Baden-Württemberg"
Politikwechsel - das hieß für die Grünen natürlich mehr Umwelt- und Klimaschutz. Mit Kretschmann bekam der Südwesten seinen ersten, nicht unumstrittenen Nationalpark im Schwarzwald. Doch wer 2011 auf die große Energiewende hoffte, wurde enttäuscht. Auch heute noch rangiert Baden-Württemberg im Ländervergleich der Umweltorganisation WWF nur im Mittelfeld.
Stark im Bereich Solarenergie, bei der Windkraft haben viele mehr erwartet - gerade von den Grünen: "Wir könnten bei einem wesentlich größeren Stromanteil aus Erneuerbaren Energien sein. Und wir müssen wirklich dankbar sein, dass der Impuls aus Berlin kam, um die Verfahren zu vereinfachen - und dass es jetzt endlich anfängt zu laufen", erzählt uns etwa Florian Klebs von der Initiative Pro Windkraft Neckar-Alb.
Chipmangel, Zollstreit, Elektromobilität: Die Probleme der Autoindustrie treffen auch Zulieferer wie Bosch in Stuttgart hart.
06.11.2025 | 6:15 minKretschmann: Gerade so grün, wie sein Land es verträgt?
Politikwechsel - das hieß für Kretschmann auch, "weniger Autos sind besser als mehr". Tatsächlich aber waren laut Kraftfahrt-Bundesamt Anfang des Jahres in Baden-Württemberg sogar rund 1,25 Millionen Autos mehr zugelassen als noch 2010. Bei der Debatte ums Verbrenner-Aus zeigten sich die Grünen im Südwesten immer wieder offen. E-Mobilität als Ziel, aber Flexibilität in der Frage des Zeitpunkts.
Es ist dieser Pragmatismus, der Kretschmann über Jahre im eigentlich schwarzen Baden-Württemberg für konservative Milieus wählbar gemacht hat. Er sei immer so grün gewesen, wie es Baden-Württemberg eben noch vertrage, erzählte mir neulich ein Passant am Stuttgarter Hauptbahnhof. So eine Art schwarzer Grüner.
Cem Özdemir ist zurück im Ländle: Mit 97 Prozent der Stimmen wählen ihn die Grünen in Baden-Württemberg zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl.
24.05.2025 | 2:08 minCem Özdemir versucht sich an Kretschmanns Fußstapfen
Das, was ihn im Südwesten wählbar machte, sorgte an anderer Stelle für Probleme. "Das Verhältnis von mir zu meiner Bundespartei war immer sehr gespannt", gibt Kretschmann zu, der für viele Grüne in Berlin wohl wie ein Hardcore-Realo wirken muss. Und so verwundert auch nicht, dass Kretschmann beim Bundesparteitag in Hannover keine große Rolle spielt, nicht mal verabschiedet wird.
Ein anderer betritt dort die Bühne: Cem Özdemir. Er will bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 8. März 2026 Kretschmanns Nachfolger werden. Und versucht mit Kontinuität im Südwesten zu punkten, gibt sich ähnlich pragmatisch, mitunter erstaunlich konservativ. Bislang will die Methode Kretschmann aber nicht so recht funktionieren, liegen die Grünen doch mit 20 Prozent auf Platz drei in den aktuellen Umfragen, knapp hinter der AfD (21 Prozent) und deutlich hinter der CDU (29 Prozent).
Anna-Maria Schuck ist Leiterin des ZDF-Landesstudios Baden-Württemberg.
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