Spuren führen nach Sachsen-Anhalt:Drohnenangriff: Kritik an zu wenig Schutz am Flughafen Leipzig
von Katja Belousova, Arndt Ginzel, Nils Metzger, Christian Rohde
Nach dem Drohnenangriff am Flughafen Leipzig dauert die Suche nach Tätern an. Sicherheitskreise kritisieren schlechte Schutzmaßnahmen. Innenminister Dobrindt bittet um mehr Zeit.
Nach dem Fund einer mit Sprengstoff und Zünder präparierten Drohne auf dem Leipziger Flughafen läuft die Suche nach Tätern und Drahtziehern. Die fliegende Bombe wurde eher zufällig entdeckt.
18.08.2026 | 9:34 minZwei Wochen nach dem Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle suchen Ermittler weiter nach den Verantwortlichen. Mehrere geparkte ukrainische Antonow-Maschinen waren nur durch Zufall nicht von einem Drohnen-Sprengsatz beschädigt worden.
Der Vorfall setzt auch die Politik unter Druck: Wie kann es sein, dass Drohnen weiterhin Chaos verbreiten? Auch der Flughafen Leipzig war nicht zum ersten Mal Schauplatz hybrider Angriffe. Bei der Eröffnung eines Zentrums zur Drohnensicherheit in Sachsen-Anhalt am Dienstag sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU):
Leipzig ist kein singulärer Fall, sondern Leipzig ist Teil eines größeren Gebildes, mit dem wir es zu tun haben.
Alexander Drobrindt, Bundesinnenminister
Die Bundesregierung hat heute in Cochstedt in Sachsen-Anhalt ein neues Forschungszentrum für die Abwehr von Drohnenangriffen eröffnet.
18.08.2026 | 1:38 minWas wurde über die Drohnen-Technik herausgefunden?
Im direkten Umfeld des Flughafens konnten Kriminaltechniker bereits zahlreiche Hinweise auf mögliche Täter aufspüren: etwa DNA-Spuren, die laut Ermittlerkreisen bislang aber keiner Person zugeordnet werden konnten.
Vor allem aber Technik, die bei der Drohnen-Steuerung geholfen haben könnte. In einem Waldstück wenige Hundert Meter nördlich vom Flughafenterminal fanden sie etwa eine in einem Baum montierte Antenne, auf der die DNA-Spuren gefunden wurden. Die Drohne war mit 5G-Funktechnik ausgestattet; sie musste also nicht aus direkter Nähe gesteuert werden, sondern kommunizierte ähnlich wie ein Mobiltelefon.
Laut dem Drohnen-Experten Christian Kaiser erschwerte das auch die Erkennung der Drohne vor dem Angriff, da die Kommunikation nicht wie sonst üblich über bestimmte Frequenzen verlaufe. "Eine Detektion für normale Detektionssysteme war nicht möglich", so Kaiser.
Am Tag des Drohnenfunds kurz nach 19 Uhr haben Zeugen am gleichen Waldstück eine Explosion und Rauch vernommen, bestätigen Ermittlerkreise. Was dahintersteckt, ist bislang unklar.
Durchsuchungen im Wald, DNA-Spuren und mögliche „Innentäter“: Welchen Hinweisen Ermittler nach dem Drohnenangriff am Flughafen Leipzig/Halle nachgehen, berichtet Christian Rohde von ZDF-Frontal.
18.08.2026 | 6:11 minSpuren führen nach Sachsen-Anhalt
Eine Auswertung von 5G-Funkdaten und der sichergestellten SIM-Karten lieferte den Ermittlern eine weitere Spur: In den Mittelpunkt rückte eine Funkparzelle im benachbarten Sachsen-Anhalt, kaum zehn Kilometer entfernt vom Tatort.
Aus dieser Richtung nahe Merseburg soll eine zweite Drohne in Richtung Flughafen geflogen sein. Auch dort suchte eine Spezialeinheit der Polizei nach Informationen von ZDF frontal nach den Tätern, allerdings ohne Erfolg.
Für Kaiser deutet diese aufwändige Vorbereitung des Angriffs auf professionelle Täter hin:
Ich schließe daraus, dass die Personen, die das vorbereitet und durchgeführt haben, sehr genau wissen, was sie tun. Denn hätten sie eine normale Drohne eingesetzt, wären sie erkannt worden.
Christian Kaiser, Drohnenexperte
"Wir brauchen jetzt schnell viele Systeme", warnt Expertin Ulrike Franke. Doch 42 Luftsicherheitsbehörden und unklare Zuständigkeiten erschweren eine wirksame Drohnenabwehr.
18.08.2026 | 2:02 minEntsetzen über geringen Schutz am Flughafen Leipzig
Der Flughafen Leipzig/Halle ist ein wichtiges Drehkreuz für Militärgüter und die Unterstützung der Ukraine. Die sechs in Leipzig stationierten Antonow-Frachtmaschinen sind sogar Teil der Nato-Transportreserve für den Kriegsfall. Dennoch kann man dort bis heute ohne Hindernisse bis auf wenige Meter an die geparkten Flugzeuge heran.
Mit den Ermittlungen vertraute Personen schildern ZDF frontal ihre Fassungslosigkeit darüber. Das sei ein enormes Risiko angesichts der militärischen Bedeutung dieser Flugzeuge. Auch dass Täter in Sichtweite des Towers unbeobachtet eine Antenne installieren konnten, sei kaum zu glauben.
Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz sagt dem ZDF:
Stellen Sie sich mal vor, dieser Anschlag wäre gelungen und wir hätten ein explodierendes Flugzeug auf einem deutschen Flughafen gehabt, neben Ferienfliegern, die aus Mallorca nach Hause kommen. Das ist eine brutale Zuspitzung der Lage.
Konstantin von Notz, Die Grünen
Der Drohnenfund in Leipzig/Halle erinnert an weitere Vorfälle: Am 20.Juli 2024 entging der Flughafen Leipzig schon einmal nur knapp einer Katastrophe: Ein Paket mit enthaltenem Brandsatz fing Feuer - kurz bevor es in eine DHL-Transportmaschine nach Großbritannien verladen werden sollte.
Es soll von Verdächtigen mit Verbindungen nach Russland verschickt worden sein. In Polen stehen mehrere der Verantwortlichen vor Gericht – auch dort hat ein Paket gebrannt. Gerichtssprecherin Anna Ptaszek in Warschau sagt ZDF frontal über die Hintermänner: "Die Informationen auf Telegram wurden aus Russland gesendet." Ein anonymer Kontakt namens "Warrior" habe das Netzwerk angeleitet, die Pakete zu präparieren und zu verschicken. In Litauen, von wo aus die Pakete verschickt wurden, geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der russische Militärgeheimdienst hinter dem Netzwerk der DHL-Attentäter steht. Auch in diesem Fall weist Russland die Anschuldigungen zurück.
Am Dienstag erging in Stuttgart derweil ein Urteil in einem weiteren Fall: Hier wurde ein 30-jähriger Ukrainer wegen Agententätigkeit verurteilt, nachdem er im März 2025 beauftragt wurde, Pakete mit GPS-Trackern an Ziele in der Ukraine zu verschicken. Das Gericht war zudem überzeugt, dass er sich an einem Auskundschaften möglicher Sabotageobjekte für eine staatliche russische Stelle vorsätzlich beteiligte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Drohnenradar nachträglich am Flughafen aufgestellt
Nachträglich hat die Bundespolizei nun auf der Besucherterrasse des Flughafens Leipzig ein mobiles Radar gegen Kleinstdrohnen installiert. Ob das eine per SIM-Karte als Handy getarnte 5G-Drohne rechtzeitig erkannt hätte - unklar. Und Detektion hieße nicht automatisch auch Abwehr. Flughafenbetreiber und Bundespolizei wollten sich nicht öffentlich zu den genauen Schutzmaßnahmen in Leipzig vor und nach dem Angriff äußern.
Die Bedrohung durch Drohnen bleibt nach wie vor hoch, so Sicherheitsexperte Wiegold. In ihrer Bekämpfung sei die Detektion der Flugkörper der erste und wichtigste Schritt.
18.08.2026 | 4:41 minDas sächsische Innenministerium teilte auf Nachfrage mit, für den Flughafen Leipzig/Halle sei zuletzt im Juli 2026 ein Luftsicherheitsplan aktualisiert worden. Demnach könne die Drohnenabwehreinheit der sächsischen Polizei Funksignale stören, mit Netzwerfern Drohnen abwehren und mit eigenen Drohnen angreifende Flugobjekte verfolgt werden. Warum die Angriffs-Drohne in Leipzig trotzdem nicht rechtzeitig erkannt wurde, beantwortete das Ministerium nicht und verwies auf Geheimhaltung.
Das ukrainische Staatsunternehmen Antonow lässt inzwischen einen neuen Hangarkomplex in Leipzig bauen, besser geschützt vor Drohnen wie vor den Blicken der Öffentlichkeit. Dann müssten ihre Maschinen nicht mehr direkt am Zaun des Flughafens parken. Fertigstellung geplant 2027.
"Es fehlt noch eine gemeinsame, komplett integrierte Drohnenabwehrstrategie", sagt Andy Grote, SPD, Vorsitzender der Innenministerkonferenz. Er fordert mehr Tempo bei der Entwicklung.
18.08.2026 | 5:45 minWas sagt Innenminister Dobrindt zur Drohnen-Lage?
Bei der Eröffnung des Drohnenzentrums am Flughafen Magdeburg-Cochstedt wollte Innenminister Dobrindt weiterhin nicht offen aussprechen, was viele Sicherheitsexperten für naheliegend halten: dass Russland angeblich hinter dem Vorfall in Leipzig stecken soll.
Auch zu Konsequenzen erbat sich Dobrindt mehr Zeit:
Es ist nicht Aufgabe eines Bundesinnenministers, Verdachtsmomente zu erklären, sondern Beweise zu bringen.
Alexander Drobrindt, Bundesinnenminister
Erst müsse man den Beweis führen, dann die Konsequenzen benennen, so Dobrindt. "Wir sind mit unseren Diensten an der Aufklärung dran." Russland hat die Verantwortung für den Drohnenangriff in Leipzig einerseits als “Propaganda” entschieden zurückgewiesen. Anderseits drohte der russische Außenminister Sergej Lawrow kürzlich: "Wir werden unsere Methoden stark verschärfen, um all das zu zerstören, was Kiews Kriegsmaschine aus dem Westen speist. Und wir tun dies bereits."
Das Bundeskriminalamt hat allein im vergangenen Jahr mehr als 1.000 verdächtige Drohnenflüge gesichtet. Im Visier nicht nur Flughäfen, sondern auch Kraftwerke, Industrieanlagen, Kasernen. In deutschen Sicherheitsbehörden ist man sich sicher, dass hinter einem Teil dieser Drohnenüberflüge Russland steckt.
Als Gegenmaßnahme verwies Innenminister Dobrindt am Dienstag auch auf die mobilen Drohnenabwehreinheiten der Bundespolizei, deren Umfang nun auf 300 Spezialisten ausgeweitet werden soll. Im vergangenen November hatte die Bundesregierung eilig insgesamt 80 Millionen Euro für Drohnenabwehr durch die Bundespolizei genehmigt. Das allein dürfte nach Einschätzungen von mit der Drohnenabwehr Vertrauten kaum ausreichen, alle deutschen Flughäfen gegen Drohnenangriff zu schützen.
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