Was ein Crew-Mitglied der Antonow sagt:Drohne in Leipzig: Waren Munitionstransporte das Ziel?
von Katja Belousova, Julia Klaus, Nils Metzger
Nach dem Drohnen-Fund am Flughafen Leipzig konnte ZDF frontal mit einem Crew-Mitglied eines betroffenen Frachtflugzeugs sprechen. Waren Munitionstransporte in die Ukraine das Ziel?
Die für einen Angriff ausgerüstete Drohne war nahe einer ukrainischen Antonow-Transportmaschine sichergestellt worden.
Quelle: dpaIn der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wurde am Flughafen Leipzig eine Drohne mit Sprengsatz nahe mehrerer ukrainischer Frachtmaschinen entdeckt. Wurden diese Flugzeuge vom Typ Antonow-124 Ziel eines Anschlagsversuchs? ZDF frontal konnte mit einem Crew-Mitglied einer der Maschinen sprechen, die möglicherweise knapp einer Explosion entging.
Wir erreichen den Antonow-Mitarbeiter telefonisch unter seiner ukrainischen Nummer. Er arbeitet seit vielen Jahren für die ukrainische Airline und begleitet ihre Flüge als Logistik-Manager. Er bestätigt, dass er an Bord einer der Antonow-Maschinen am Montag in Leipzig angekommen sei, anschließend sei er weitergereist, aktuell halte er sich in der Ukraine auf.
Nach dem Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig/Halle kommt der Nationale Sicherheitsrat zusammen. Im Fokus steht die Frage, wie Deutschland den Schutz vor Drohnenangriffen verbessern kann.
07.08.2026 | 1:50 minWas hat der Antonow-Mitarbeiter von der Drohne mitbekommen?
Am Flughafen selbst habe er nichts Ungewöhnliches bemerkt und keine Drohnen gesehen, sagt er. Erst später, auf seiner Weiterreise, habe er von dem Drohnen-Vorfall gehört, erklärt der Airline-Mitarbeiter gegenüber ZDF frontal.
Was die Maschine geladen hatte, will er auf Nachfrage nicht beantworten. Auch nicht, ob das Flugzeug Munition für die Ukraine transportierte. Er bestätigt, dass die Maschine mit ihm aus Sri Lanka kam.
Kurz nach dem Telefongespräch veröffentlicht er eine Nachricht in englischer Sprache auf LinkedIn, worin er schreibt: "Ich habe von diesem Fall, wie die meisten Menschen auch, aus den Nachrichten erfahren. Daher werde ich mich aus Sicherheitsgründen nicht persönlich zu dieser Situation äußern." Auf weitere ZDF-Nachfragen reagiert er nicht mehr.
Es sei hier eine "heftige Lücke zutage getreten" und die Lernkurve, die daraus folgt, müsse "wahnsinnig steil sein", so Sebastian Fiedler (SPD), innenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion mit Blick auf den Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle.
07.08.2026 | 6:39 minLeipzig auch Umschlagplatz für Militärgüter der Ukraine
Wegen des Kriegs in der Ukraine ist Leipzig zum wichtigsten Drehkreuz der Antonow-Airline geworden. Ihre riesigen Flugzeuge vom Typ AN-124 sind die größten weltweit im Einsatz befindlichen Frachtmaschinen. Neben Aufträgen für kommerzielle Kunden sollen die Antonows auch Rüstungsgüter für die Ukraine transportieren.
Welcher der Antonow-Maschinen der mögliche Anschlagsversuch genau galt, ist derzeit nicht klar. Gefunden wurde die Drohne zwischen mehreren Antonow-Flugzeugen, die zu diesem Zeitpunkt in Leipzig standen. In einem internen Bericht der Bundespolizei heißt es: "Im Nahbereich [der Drohne] befinden sich vier ukrainische Antonow-Transportmaschinen".
Nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" war eine der betroffenen Maschinen am Vortrag mit Munition beladen gewesen, zum Zeitpunkt des Drohnenfunds aber entladen gewesen. Diese sei aus Frankreich nach Leipzig transportiert worden. Einen entsprechenden Flug von einem Militärstandort in Frankreich nach Leipzig konnte ZDF frontal am 20. Juli identifizieren. Seitdem sind keine neueren Flugdaten der Maschine öffentlich einsehbar.
Es müsse noch "viel getan werden, um die Überwachungsnetze zu verdichten", so Prof. Hartmut Fricke, Luftverkehrsexperte der TU Dresden mit Blick auf die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands gegen Drohnen.
07.08.2026 | 4:46 minFlug startete nahe Militärbasis in Sri Lanka
Auch bei der Antonow-Maschine, die aus Sri Lanka kam, gibt es einen möglichen Militärbezug. Laut im Internet einsehbaren Flugdaten ist sie am Montagmorgen in Leipzig gelandet. Direkt neben dem Flughafen Bandaranaike International Airport, von dem sie kurz nach Mitternacht deutscher Zeit gestartet war, liegt eine große Luftwaffenbasis der Streitkräfte Sri Lankas.
Im Mai 2024 hatten staatsnahe russische Medien Vorwürfe veröffentlicht, wonach die Ukraine über polnische Mittelsmänner in Sri Lanka Munition kaufen würde. Das sri-lankische Verteidigungsministerium wies diese Berichte damals zurück.
Der Antonow-Mitarbeiter an Bord einer AN-124 in Sri Lanka bei einem Interview. (Archivbild)
Quelle: ZDFDer Transport von Militärgütern ist für Maschinen vom Typ AN-124 nicht ungewöhnlich. Auf YouTube sind sogar Aufnahmen eines sri-lankischen Mediums zu finden, die den gleichen Antonow-Mitarbeiter 2024 am fraglichen Flughafen Bandaranaike zeigen, wie er dort die Verladung eines Militärhubschraubers für einen UN-Einsatz begleitet. Dem lokalen Sender "Newsfirst" sagte der Mitarbeiter über sein Flugzeug:
Es erlaubt uns, jede Art von Fracht zu transportieren, zivil wie militärisch - angefangen mit Fahrzeugen, Kampfpanzer oder anderes Gerät.
Antonow-Mitarbeiter in Sri Lanka
All das wirft die Frage auf, ob der Flughafen Leipzig nicht nur für einen bedeutenden Frachtflughafen angemessen gesichert war - sondern auch zusätzliche Vorkehrungen angesichts seiner Rolle als Umschlagplatz für Waffen und Munition hatte.
Die deutschen Flughäfen seien nicht ausreichend geschützt, so Sicherheits-Expertin Ulrike Franke. Der Vorfall in Leipzig zeige, dass die Drohnenabwehr optimiert werden muss.
07.08.2026 | 4:17 minWelche Konsequenzen zieht die Bundesregierung?
Am Donnerstag war der Nationale Sicherheitsrat mit Bundeskanzler Friedrich Merz zusammengetreten. Ergebnisse wurden bislang nicht bekannt. Weiter offen ist die Frage, wer hinter dem Drohnen-Vorfall steckt.
Thomas Röwekamp (CDU), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag, fordert, den Schutz des Flughafens zu einem Fokus der Ermittlungen zu machen: "In den weiteren Untersuchungen muss auch geklärt werden, ob der Flughafen in Leipzig aufgrund seiner strategischen Bedeutung für die militärische Unterstützung der Ukraine ausreichend gegen hybride Angriffe und vor Drohnen geschützt war."
Dass die Drohne nicht größeren Schaden angerichtet hat, lag mutmaßlich an der Leistung eines aufmerksamen Busfahrers. Er soll die knapp über dem Boden schwebende Drohne mit einem Fußtritt aus der Luft geholt haben.
Am Ende kann und darf der Schutz so wichtiger Infrastruktur nicht dem Zufall und dem mutigen Verhalten eines umsichtigen Busfahrers überlassen sein.
Thomas Röwekamp, CDU
Auch Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) forderte am Freitag gegenüber "Table.Briefings" einen stärkeren Schutz von Flughäfen, etwa durch den Aufbau "speziell geschützter Bereiche".
Nach dem Drohnenfund wird aktuell ermittelt, wer hinter dem mutmaßlichen Anschlagsversuch steckt und wie die mit Sprengstoff beladene Drohne auf das Gelände gelangen konnte.
07.08.2026 | 2:03 minNicht der erste Sicherheitsvorfall in Leipzig
Nachrichtendienst-Kontrolleur Konstantin von Notz (Grüne) sagt ZDF frontal: "Dass Russland hinter dem Angriff steckt, ist mit Blick auf eine sehr ähnliche Attacke auf das DHL-Logistikzentrum, die Russland zugeordnet werden konnte, den verwendeten Sprengstoff, die eingesetzten Drohnentechnologie und den Umstand, dass der Angriff offenkundig einem Transport in Richtung Ukraine galt, mehr als plausibel."
Im Juli 2024 hatte ein DHL-Paket am Leipziger Flughafen gebrannt. Auch da war es reiner Zufall, dass das Paket noch im Logistikzentrum am Boden und nicht während des Fluges in Brand geraten war. In Litauen sind deshalb fünf Männer mit mutmaßlichen Verbindungen nach Russland angeklagt. Bereits zweimal scheinen Zufall und Glück den Leipziger Flughafen vor Schlimmerem bewahrt zu haben.
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