Vier Jahre Krieg:Ukraine am Tiefpunkt - und doch entschlossen zum Widerstand
von Katrin Eigendorf
Am vierten Jahrestag des Beginns der russischen Vollinvasion ist neben der Trauer um die Opfer auch Hoffnungslosigkeit spürbar. Kaum einer glaubt an ein baldiges Ende des Krieges.
"Ich erlebe das Land zurzeit an seinem größten Tiefpunkt seit der Gründung der Ukraine 1991", sagt ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf zur aktuellen Lage in der Ukraine.
23.02.2026 | 2:43 minJeder Tag ist ein Ringen um das Morgen, und nichts ist mehr selbstverständlich. Bei eisigen Temperaturen frieren die Menschen in ihren Wohnungen, manche erfrieren.
Es ist ein weiterer brutaler Angriff Russlands auf die Zivilbevölkerung: Die gezielten massenhaften Angriffe auf Wärme- und Heizkraftwerke in einem der kältesten Winter seit zehn Jahren.
Angst als ständiger Begleiter
Was es bedeutet, in einem der 1.100 Häuser zu leben, die komplett von der Wärmeversorgung abgeschnitten sind, erzählt Maria, die mit ihrer fünfjährigen Tochter im 12. Stock lebt. Im Kinderzimmer hat sie ein Zelt aufgebaut, hier kuscheln sich die beiden nachts aneinander.
Wir schlafen im Mantel, mit Mütze und Handschuhen und Schlafsack. Schlimm ist es, wenn auch der Kindergarten wegen Stromausfall nicht geöffnet ist.
Maria
Darja Doan hat mit ihren siebenjährigen Zwillingen zumindest vorübergehend eine warme Bleibe in einem der Unicef-Zelte gefunden, die das Kinderhilfswerk an vielen Orten betreibt. Doch dann holt der Krieg sie wieder ein: Raketenalarm, sie müssen in den Schutzbunker laufen.
Mangels großer Waffen setzt die Ukraine zunächst auf kleine billige FPV-Fluggeräte, doch Russland holt schnell auf. Der Krieg mit Drohnen wird immer mehr zum Wettlauf – unter Beschuss zum Alltag.
19.02.2026 | 22:36 minDie Angst ist ein ständiger Begleiter, das haben auch die Kinder verstanden. Wie nah die Gefahr ist, haben sie vor kurzem erlebt, als das Auto der Familie getroffen wurde. Zum Glück war es leer.
In unsere Häuser fliegen Shaheds, Raketen, ballistische Raketen. Du verstehst, in jedem Moment kannst du entweder nicht aufwachen oder die Kinder nicht aus dem Kindergarten, aus der Schule abholen. Das tut sehr weh, das verletzt sehr.
Darja Doan
Doch am härtesten trifft es die Familien, deren Liebste an der Front sind, viele ohne Aussicht auf Ablösung oder in russischer Gefangenschaft, wo sie brutaler Folter ausgesetzt sind.
Dennoch sieht Darja keine Alternative. "Wir wollen zu einem friedlichen Leben zurückkehren", sagt sie. "Aber wir werden nicht zustimmen, unter einem anderen Land zu leben. Zumal dort schlicht keine normalen Lebensbedingungen herrschen. Darum ist es mir wichtig, frei zu leben, dass meine Kinder frei sind."
Am 24.02.2026 jährt sich der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zum vierten Mal. Trotz zahlreicher Vermittlungsversuche ist kein Frieden in Sicht.
23.02.2026 | 2:25 minUkrainer stellen sich auf langen Krieg ein
Es ist das härteste Jahr für die Ukraine seit ihrer Staatsgründung 1991. Vier Jahre pausenloser Angriffe, der härteste Winter seit mehr als zehn Jahren, die innenpolitische Krise und dazu die wegbrechende Unterstützung der USA - all das hat zu einem Tiefpunkt geführt. Waren noch 2025 viele Ukrainer hoffnungsvoll, dass es kein weiteres Kriegsjahr geben wird, so richten sich jetzt die meisten darauf ein, noch viel länger durchhalten zu müssen.
Und doch zeigt auch die Geschichte der vier Kriegsjahre, dass sich Entwicklungen oft in eine ganz andere Richtung bewegen. Als Putins Truppen am 24. Februar 2022 Kiew überfielen mit dem Ziel, Präsident Wolodymyr Selenskyj zu ermorden oder zu entführen, schien es vielen, das Land könne nur wenige Tage der militärischen Übermacht Russlands standhalten.
Vier Jahre zeichnen Spuren
In der Krise ist der Ukraine und auch ihrem Präsidenten gelungen, sich immer wieder neu zu erfinden. Aus dem Schauspieler und Komiker mit glatt rasiertem Jungengesicht ist ein Politiker geworden, der sein Land durch vier Jahre eines brutalen Vernichtungskrieges geführt hat.
Heute kursieren in den sozialen Medien Bilder, die das Gesicht des ukrainischen Präsidenten in zwei Hälften geteilt zeigen: Selenskyj 2022 und heute. Ein Bild, das man von vielen Menschen in der Ukraine machen könnte und das zeigt, wie tief sich die Spuren von Schmerz, Leid und dauerhaftem Ringen um das Überleben gegraben haben.
Im südukrainischen Cherson wird von Russland nicht nur mit Artillerie und Raketen geschossen: Seit mindestens anderthalb Jahren ist noch eine Gefahr hinzugekommen: Drohnen, die gezielt Menschen jagen.
29.10.2025 | 1:51 minZerstörte Landschaften, verlassene Dörfer
Es gibt ganze Landschaften im Osten der Ukraine, in denen nichts als Zerstörung zu sehen ist. Verlassene Dörfer, in deren zerbombten Häusern und verminten Feldern niemand mehr leben kann, Wälder, in denen nur noch verkohlte Stümpfe stehen, wo es einst Bäume gab, Flüsse, die verseucht sind. Doch immer mehr zielt Putins Armee jetzt darauf, auch das Leben in den großen Städten untragbar zu machen.
Die Ukraine verliert ihre Menschen, das zeigt sich in den vielen kleinen Orten, in denen ganze Familien alles aufgegeben haben und geflohen sind, aus denen die Männer im wehrfähigen Alter in den Krieg zogen - und viele von ihnen werden vielleicht nie zurückkehren.
Mehrheit steht laut Umfrage hinter Selenskyj
Russlands Vernichtungskrieg hat dem Land enormen, unübersehbaren Schaden zugefügt, das Trauma hat sich tief in die Menschen eingegraben und trifft besonders die Kinder, die in diesen Jahren aufwachsen.
Und doch vertrauen 61 Prozent der Ukrainer nach einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie Ende Januar Präsident Selenskyj und seinem Kurs. Der Preis, den die Ukrainer für ihre Freiheit zahlen, ist bitter - doch leben unter russischer Besatzung wäre schlimmer.
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