Ukraine-Krieg: Was verrät der Oreschnik-Einsatz über Russland?

Interview

Militärhistoriker Reisner:Was verrät der Oreschnik-Einsatz über Russlands Strategie?

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Der Einsatz der Hyperschallrakete beim Angriff auf Kiew kam für Militärexperte Reisner wenig überraschend. Russland nutze dieses Drohmittel, weil es an der Front nicht vorangehe.

Oberst Reisner ist in seiner Uniform vor einer Karte der Ukraine zu sehen. Im Hintergrund sind Oreschnik-Raketen zu sehen.

Während die Ukraine erfolgreich Ziele im russischen Hinterland angreift, setzt der Kreml auf schweres militärisches Gerät. Wie das den Krieg verändert - Oberst Reisner bei ZDFheute live.

28.05.2026 | 38:36 min

Bei einem massiven Luftangriff auf Kiew am vergangenen Wochenende hat Russland auch die Hyperschallrakete Oreschnik eingesetzt. Bei Geschwindigkeiten bis 12.000 km/h kann sie Ziele in Tausenden Kilometern Entfernung treffen.

Warum hat Russland die Rakete genau jetzt eingesetzt? Und was sagt das über die militärische Stärke Moskaus aus? Antworten gab Militäranalytiker Oberst Markus Reisner im Interview mit ZDFheute live.

Sehen Sie das Interview oben im Video in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagte Reisner ...

... zur verbleibenden Stärke Russlands

Der Einsatz der Oreschnik-Rakete war für Reisner "keine Überraschung". Schon zweimal zuvor habe Moskau solche Raketen eingesetzt - immer dann, "wenn es nicht so läuft, wie die Russen sich das vorstellen".

Feuerwehrleute versuchen das Feuer in einem Shoppingcenter in Kiew zu löschen.

Russland hat Kiew am Wochenende massiv mit Drohnen und Raketen angegriffen. Moskau hat nach eigenen Angaben auch die gefürchtete Mittelstreckenrakete Oreschnik eingesetzt.

24.05.2026 | 1:56 min

Vor dem ersten Einsatz einer russischen Oreschnik-Rakete habe die damalige Biden-Regierung erlaubt, dass russisches Territorium bei Kursk durch weitere amerikanische Waffensysteme angegriffen werden dürfe. Vor dem zweiten Mal habe US-Präsident Donald Trump offiziell gemacht, dass der US-Geheimdienst CIA die Ukraine mit Zieldaten unterstützt. Parallel hätten die USA begonnen, russische Tanker festzusetzen.

Bei dem Angriff am vergangenen Wochenende handele es sich um eine Reaktion auf die schweren ukrainischen Angriffe auf Moskau nach Putins Parade am 9. Mai. Die Angriffe hätten nicht zu dem vom Kreml propagierten Narrativ gepasst, dass es sich beim Ukraine-Krieg um eine von den russischen Bürgern weit entfernte "Spezialoperation" handeln würde. Der Kreml habe ein neues Erklärungsmodell gebraucht: Dass die Nato schuld sei und Russland zu einer viel verheerenderen Vergeltung fähig sei als die Ukraine.

… ist Militäranalytiker, Historiker und aktiver Soldat beim österreichischen Bundesheer. Seit 2024 leitet er das Institut für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Zuvor war er Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung.

Zudem ist er Kommandant des österreichischen Gardebataillons. Von 2004 bis 2013 war er Teil einer Spezialeinheit des österreichischen Bundesheeres. In dieser Zeit nahm er an verschiedenen Auslandseinsätzen teil, unter anderem in der Zentralafrikanischen Republik, Tschad, Afghanistan, Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo, später auch in Mali.  


Dass die Schäden in Kiew nicht größer ausgefallen seien, zeige jedoch, dass es sich um eine "Drohmaßnahme" handele. Die in den Raketen eingebauten Sprengköpfe hätten kaum Sprengkraft gehabt - was nicht an fehlender Munition gelegen habe, betonte Reisner.

Das Ziel der Russen ist es eigentlich, hier Angst und Schrecken zu verursachen - so wie auch in der Vergangenheit. Immer dann, wenn es für die Russen an der Front nicht gut gelaufen ist.

Markus Reisner, Militärhistoriker

Mit dem Einsatz der Oreschnik drohe Moskau sowohl der Ukraine als auch den Europäern, die die Ukrainer mit Bauteilen wie Motoren für Drohnen versorgten. Deren Fähigkeit, sich gegen die strategische Rakete zu verteidigen, sei "sehr marginal".

... zur Situation an der Front

"Hotspot" der Kriegshandlungen sei weiterhin der Donbass, aktuell umkämpft sei die Stadt Kostjantyniwka. Die russische Offensive an der Front sei allerdings "verpufft", sagte Reisner. Mit einem "Drohnenwall" habe die Ukraine Moskau am Vormarsch gehindert. Doch es laufe auch für die Ukraine nicht so, wie sie es sich vorgestellt habe.

Eine russische Rakete startet

Nach einem der schwersten russischen Angriffe seit Kriegsbeginn steht Kiew unter Schock: Hunderte Drohnen und Raketen trafen die ukrainische Hauptstadt, während das Land mehr Luftabwehr fordert.

27.05.2026 | 5:33 min

Denn im fünften Jahr des Abnutzungskriegs hätten beide Seiten massive Verluste erlitten. Ihnen gehe die Kraft aus. Es sei ähnlich wie bei zwei Boxkämpfern, die sich nach mehreren Runden im Ring völlig erschöpft in den Armen lägen und erst wieder getrennt werden müssten, damit der Kampf weitergehen kann, veranschaulichte er.

Auf der operativ-taktischen Ebene müssen beide Seiten feststellen - der Verteidiger und der Angreifer - dass sie eigentlich kein Mittel haben, um dieses Patt in der Kriegsführung zu überwinden.

Markus Reisner, Militärhistoriker

Stattdessen versuchten Russland und die Ukraine, mit gegenseitigen Luftangriffen auf der strategischen Ebene zu eskalieren und den anderen in die Knie zu zwingen, "um möglichst Ende des Jahres ein Ergebnis zu haben" - ohne dass der Krieg nachhaltigen Schaden anrichtet. Russland wolle beispielsweise einen Kollaps der Wirtschaft verhindern, die Ukraine den Zusammenbruch der Front.

... zur Strategie der Europäer

Mit Blick auf aktuelle Verhandlungen der EU in Zypern wird Reisner deutlich. Er sage ganz klar - als Europäer und nicht als Offizier:

Es wird der Ukraine nicht helfen, dass die Europäer darüber verhandeln, wer verhandeln darf.

Markus Reisner, Militärhistoriker

Stattdessen sollte es darum gehen, russische Erfolge auf allen Ebenen - taktisch, strategisch und operativ - zu verhindern. Dazu müsse geklärt werden, wie die weitere Verteidigung aussehen kann, mahnte Reisner. "Man müsste in Zypern eigentlich jetzt gerade darüber diskutieren, eine neue Initiative zu starten, wer in Europa in welchem Umfang Fliegerabwehrraketen produziert", sagte er mit Blick auf das informelle Treffen der EU-Außenminister.

Die Ukraine brauche solche Abwehrraketen in großen Mengen. Dabei handele es sich um reine Defensivwaffen, betonte der Militärhistoriker. Zudem müssten die Europäer der Ukraine helfen, sich auf den nächsten Winter vorzubereiten, damit sich Moskau bis dahin keinen Vorteil verschaffen könne.

ZDF-Korrespondentin Isabelle Schaefers äußert sich zur EU-Außenministerkonferenz auf Zypern

"Die EU will den Druck auf Russland aufrechterhalten", sagt ZDF-Korrespondentin Schaefers zum EU-Außenministertreffen in Zypern. Dadurch soll Russland zu Friedensgesprächen gedrängt werden.

28.05.2026 | 1:11 min

Zwar, so mutmaßte Reisner, hätten inzwischen womöglich sowohl Selenskyj als auch Putin erkannt, "dass man so nicht weitermachen kann und das Sterben ein Ende finden muss". Moskau sei jedoch weiterhin nicht bereit zu Verhandlungen über ein Kriegsende, ohne von seiner Maximalforderung, den gesamten Donbass einzunehmen, abzuweichen. Zum russischen Kalkül gehöre auch, noch ein paar Jahre abzuwarten. "Das ist die verfahrene Situation: Die russische Seite sagt 'njet'".

Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Alica Jung, zusammengefasst hat es zdfheute-Redakteurin Anja Engelke.

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Über dieses Thema berichtete ZDFheute live in der Sendung "Angriff mit Oreschnik: Zeichen der Schwäche?" am 28.05.2026 ab 19:30 Uhr.

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