Der Wiederaufbau von Syrien nach dem Fall des Assad-Regime

Syrien nach Assad:Reise durch ein verwundetes Land

Porträt von Golineh Atai, ZDF-Auslandsstudioleiterin Kairo

von Golineh Atai

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Zwei Monate nach dem Sturz des Assad-Regimes harrt das Land auf den Wiederaufbau - ohne den ein politischer Neuanfang unmöglich sein wird.

Jubel in Syrien nach dem Sturz des langjährigen Diktators Baschar al-Assad

Freiheit nach 13 Jahren Krieg. Euphorie, Schmerz und Misstrauen bestimmen Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes. Eine Reise durch ein Land, das wieder zusammenfinden muss.

06.02.2025 | 30:03 min

"Alle arabischen Staatschefs hatten die Tragödie in Syrien zu einer Lektion für ihre Bevölkerungen gemacht: sie sollten nicht demonstrieren, nicht ihre Rechte einfordern - sonst würden sie Krieg und Elend ernten. Nun aber ist der Niedergang des Regimes in Syrien eine Lektion für alle Regime geworden: dass sie genauso enden wie Assad, wenn sie nicht auf den Verstand ihrer Menschen hören". Mit einem Gleichnis fasst der syrische Revolutionär Ahmad Taha die Geschehnisse der vergangenen zwei Monate zusammen.

Syriens neuer Präsident Ahmed al-Sharaa (rechts) und der Übergangs-Außenminister Asaad al-Shaibani gehen einen Weg entlang.

Nach jahrelanger Regierung unter Assad ist Ahmed al-Sharaa zum Übergangspräsident ernannt. Er kündigte an, mit einer Übergangsregierung Syrien beim Wiederaufbau zu helfen.

Quelle: AFP

Jahrelang als Flüchtlinge wahrgenommen

Über Jahre waren Syrer als Flüchtlinge wahrgenommen worden - rechtelos, würdelos, in der letzten Reihe der Hilfsempfänger. Als Schachfiguren ausländischer Mächte, als Verschiebemasse der Geopolitik - aus dem Gedächtnis ihres eigenen Landes fast gelöscht. Nun aber stehen sie im Mittelpunkt: Sie reden selbstbestimmt, und versuchen, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerlangen.

Hunderte Kilometer Fahrt - entlang von Geisterstädten

Die Zahlen der syrischen Tragödie machen sprachlos. Nach der Revolution von 2011 wurden mehr als eine halbe Million Syrer getötet - unter ihnen mehr als 200.000 Zivilisten - sei es durch konventionelle Waffen, Chemiewaffen, Fassbomben, Folter oder Hunger. Mehr als 100.000 werden vermisst, berichten Menschenrechtsorganisationen. Mehr als Hälfte der Bevölkerung wurde vertrieben. Mehr als zwei Millionen Vertriebene leben in Zeltlagern. Die Zerstörung ist so gewaltig, dass man hunderte Kilometer an Geisterstädten vorbeifährt.

Kälte, Hunger, nur selten Strom

Täglich sterben Menschen durch Landminen und nicht-explodierte Sprengsätze. Strom gibt es nur wenige Stunden. Die Gebäude sind eiskalt. Minderwertiger Treibstoff und der Diesel-Ruß der Stromgeneratoren machen die Luft schwarz. Bettelnde Kinder gehören zum Alltagsbild: Nach Angaben der UN sind 14,5 Millionen Syrer von Ernährungsunsicherheit betroffen, unter ihnen 5,4 Millionen vom Hunger bedroht.

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"Müssen wirtschaftlich auf die Beine kommen"

"Wenn die Wirtschaft am Boden bleibt und die internationalen Sanktionen (die gegen das Assad-Regime verhängt wurden) nicht aufgehoben werden, dann stecken wir fest. Die Menschen müssen erst einmal wirtschaftlich auf die Beine kommen, bevor sie über Politik und Zivilgesellschaft nachdenken können", erklärt Zeina Schahla, eine Journalistin in Damaskus. Im Café Al-Rawda, in dem Syrer Backgammon spielen und Shisha rauchen, trifft sie Freunde wieder, die nach zwölf, dreizehn Jahren aus dem Exil zurückgekehrt sind - und nun das politische Bewusstsein im Land aufbauen wollen. "Das wird Jahre brauchen, bis dieses Vakuum gefüllt wird. Aber wir sehen, dass es nun Raum gibt - um über eine Verfassung, über neue Parteien zu sprechen.

Hoffentlich bleibt dieser Raum erhalten. Denn: Zur Geschichte der jetzigen Regierung gehören auch Repression und Menschenrechtsverletzungen.

Zeina Schahla, syrische Journalistin

Rebellenchef verspricht eine Regierung mit der "Vielfalt Syriens"

Rebellenchef Ahmad Al-Scharaa verspricht eine Übergangsregierung, die die Vielfalt Syriens, seiner Männer, Frauen und Jugend widerspiegeln werde. In seiner lange erwarteten ersten Rede sprach er von "freien und fairen Wahlen", einer Übergangsjustiz und einer "nationalen Konferenz", ohne Termine dafür zu nennen. Doch den Kern seiner Regierung bilden bislang nur die bekannten Gesichter der islamistischen Regierung seiner Rebellenenklave in Idlib.

Zersplittert in verschiedene Machtbereiche

Das Land bleibt zersplittert in verschiedene Machtbereiche. Die Kurdenmiliz Syrisch-Demokratische Kräfte SDF - bislang Partner der US-Streitkräfte im Kampf gegen den IS - kontrolliert nahezu ein Drittel des Landes: eine mehrheitlich arabische Region, darunter erdölreiche Gebiete und fruchtbares Ackerland. Al-Scharaa pocht auf die Auflösung der SDF in einer nationalen Armee. Viele Araber kritisieren die repressiven Praktiken der Kurdenmiliz und ihre Nähe zur PKK.

Konflikte erschweren den Neuanfang

Die Verhandlungen zwischen dem SDF-Oberkommandanten Mazlum Abdi und Damaskus stocken, denn die SDF möchte als separater Block einen Sonderstatus in einer Nationalarmee - und akzeptiert nicht, dass Al-Scharaa sich zum Übergangspräsidenten ernannt hat. Die Türkei wiederum wirft der SDF-Spitze die Nähe zur kurdischen Arbeiterpartei PKK vor, die auch in Europa als terroristisch eingestuft wird, und greift aus der Luft und mit pro-türkischen Söldnern die SDF und Zivilisten an.

Hoffen und Bangen um Syriens Einheit

Wird die Kurdenmiliz sich von der PKK abspalten - oder eine Konfrontation mit Damaskus riskieren? Im Nordosten wird sich entscheiden, ob Syrien eins werden kann - oder ob ein neuer Krieg droht.

Golineh Atai ist Studioleiterin des ZDF-Auslandsstudios Kairo. Sie berichtet unter anderem aus Syrien.

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Quelle: dpa

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