Merz-Aussage zu Flüchtlingen:Jurist: Rückkehr von 80 Prozent der Syrer "illusorisch"
Merz' Aussage zur Rückkehr von Syrern wird nicht nur vom Koalitionspartner SPD kritisiert. Migrationsrechtler Daniel Thym analysiert im ZDF-Interview, warum sie "illusorisch" sei.
80% der syrischen Flüchtlinge sollen innerhalb der nächsten drei Jahre Deutschland verlassen - so äußerte sich Merz gestern. Wie hat er das gemeint? Wie kommt diese Aussage an?
31.03.2026 | 2:39 minIn den nächsten drei Jahren sollten 80 Prozent der Syrer in Deutschland in ihr Heimatland zurückkehren, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa im Kanzleramt. Für Professor Daniel Thym, Jurist mit Schwerpunkt Migrationsrecht an der Universität Konstanz, ist diese Zielmarke "illusorisch".
Wie sieht der Rechtsstatus von Syrern in Deutschland aus, die als Flüchtlinge ins Land kamen? Wie viele haben das Recht zu bleiben? Und wie viele müssten gehen?
31.03.2026 | 1:43 minDass die 80 Prozent "völlig unrealistisch" seien, liege allein schon daran, dass sehr viele Syrer arbeiten und in Deutschland bleiben könnten, weil sie als Arbeitskräfte gebraucht würden. Das betreffe etwa 200.000 bis 300.000 Menschen, schätzte Thym im Interview mit dem ZDF. Sie würden Steuern und Krankenkassenbeiträge zahlen und könnten jederzeit von einem Status als Flüchtling in einen Status als Einwanderer wechseln.
Zwischen 2014 und 2024 wurden laut Statistischem Bundesamt 248.179 Syrerinnen und Syrer eingebürgert. Da eine der Grundvoraussetzungen für die Einbürgerung die eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts für sich sowie unterhaltsberechtigte Angehörige ist, kann hier von einer Integration in den Arbeitsmarkt ausgegangen werden.
Angelina Hackmann, Arbeitsmarktexpertin im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), schätzt die Folgen einer Rückkehr des Großteils der hier lebenden Syrer und Syrerinnen für den deutschen Arbeitsmarkt so ein: "Wenn tatsächlich 80 Prozent der syrischen Geflüchteten in ihre Heimat zurückkehren, wird das den deutschen Arbeitsmarkt empfindlich treffen. (…) Ein Ausscheiden dieser Arbeitskräfte würde in vielen Bereichen, zum Beispiel im Transport- und Logistikbereich, in ausgewählten Produktionsbereichen oder dem Gesundheitswesen, den Fachkräftemangel erheblich erhöhen."
Ähnlich sieht es die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Syrer stellen demnach die größte Gruppe unter den ausländischen Ärzten in Deutschland. "Sie haben damit eine erhebliche Bedeutung für die Gesundheitsversorgung", sagte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Henriette Neumeyer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Ende 2024 hätten 5.745 syrische Ärztinnen und Ärzte in deutschen Krankenhäusern gearbeitet.
(Quelle: ZDF)
Thym: "Jeden Einzelfall anschauen"
Von über einer Million syrischstämmiger Menschen in Deutschland seien etwa 30 Prozent bereits eingebürgert - für Thym "Erfolgsfälle der Integration". Daneben blieben einige Hunderttausend, "bei denen ist die Situation sehr viel prekärer, auch juristisch".
Da muss man sich jetzt jeden Einzelfall anschauen: Kann man der Person zumuten zurückzukehren oder nicht?
Daniel Thym, Migrationsrechtler
Behörden prüften in diesen Fällen, ob die Person zu einer Minderheit gehöre, die weiterhin in Syrien verfolgt werde. Falls nicht, werde häufig und vor allem bei "jungen, alleinreisenden, gesunden Männern" entschieden, dass eine Rückkehr zumutbar sei. "Es werden derzeit sehr viele Asylanträge auch abgelehnt."
Al‑Sharaa traf in Berlin Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzler Merz. Dabei ging es auch um die Rückkehr der in Deutschland lebenden Syrer.
30.03.2026 | 2:27 minWarum Abschiebungen nicht so einfach sind
Wenn es eine Rückkehr im "größeren Stil" geben solle, dann brauche es eine Mischung aus zwangsweisen Abschiebungen, aber auch Anreize, um freiwillig in die Heimat zurückzugehen - etwa ein Startgeld, so Thym.
Für Abschiebungen müssten außerdem die administrativen Voraussetzungen in Deutschland geschaffen werden. Das sei "sehr schwerfällig", gehe nicht in "sehr vielen Fällen" und dafür brauche es die Kooperation der syrischen Regierung.
Wenn die Behörden entschieden haben, dass die Person zurück muss, dann kann die Person vor Gericht klagen. Das zieht sich alles über Wochen, Monate, teilweise sogar Jahre hin.
Daniel Thym, Migrationsrechtler
Merz habe nur das referiert, was ihm al‑Scharaa gesagt habe: Dass er hofft, dass 80 Prozent der Syrer zurückkommen, so Armin Laschet (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.
31.03.2026 | 6:08 minBislang habe Deutschland "einige Einzelfälle" nach Syrien zwangsweise abgeschoben. Freiwillig seien unter zehntausend Menschen zurückgekehrt.
"Mich würde sehr wundern, wenn wir bis Ende des Jahres über mehr als 20.000 oder 30.000 Menschen reden", sagt Migrationsrechtler Thym. "Selbst bis zum Ende der Legislaturperiode werden das wohl schwerlich mehr als 100.000 Menschen sein." 2025 habe Deutschland in kein außereuropäisches Land mehr als 700 Menschen abgeschoben.
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30.03.2026 | 2:41 minExperte: Merz vermittelte drei Botschaften
Mit seiner 80-Prozent-Aussage habe der Kanzler drei Botschaften vermittelt, meint Thym. Zuerst habe Merz seinen Besucher, den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa, angesprochen:
Merz hat al-Scharaa klargemacht, dass Deutschland von Syrien erwartet, dass Syrien auch kooperiert bei der freiwilligen Rückkehr, aber auch bei der Abschiebung von Landsleuten.
Daniel Thym, Migrationsrechtler
Als Zweites habe Merz ein Signal an alle Syrer in Deutschland senden wollen: "Passt auf, ihr seid hier vielleicht nicht mehr sicher". Migrationsrechtler Thym vermisst dabei allerdings eine Differenzierung in der Kommunikation der Bundesregierung zwischen denjenigen, die bleiben dürften und denjenigen, die vielleicht gehen müssten.
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30.03.2026 | 2:36 min"Und die dritte Gruppe ist dann natürlich die deutsche Bevölkerung, der man klarmachen will, dass das Ende des Bürgerkriegs in Syrien auch Konsequenzen für diese große Fluchtbewegung seit 2015 hat", sagt Thym.
Er wünsche sich einen Plan von der Bundesregierung - ohne Pauschalen wie einer Rückkehr von 80 Prozent oder einem Bleiberecht für alle. Einen Plan, der bei jedem Einzelnen berücksichtige, wie erfolgreich die Integration verlaufen ist und ob weiterhin Schutzbedarf besteht.
Das Interview führte Annette Pöschel, zusammengefasst hat es Beatrice Steineke.
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