Merz' 80-Prozent-Aussage zur Ausreise von Syrern in der Kritik

Nach Besuch von al-Scharaa:Ausreise von Syrern: Merz-"80 Prozent"-Aussage in der Kritik

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Bundeskanzler Friedrich Merz stößt mit seiner Ankündigung zur Ausreise von Syrern auf breite Kritik. Die Grünen-Abgeordnete Luise Amtsberg nennt den Auftritt von Merz "beschämend".

Friedrich Merz empfängt den syrischen Übergangspräsidenten: Ahmed al-Scharaa. Im Hintergrund stehen die syrische, die deutsche und die europäische Flagge

Nachdem Kanzler Merz und der syrische Präsident Al-Sharaa gestern gesagt haben, dass ein Großteil der syrischen Menschen in Deutschland nach Syrien zurückkehren solle, gibt es viel Kritik.

31.03.2026 | 1:43 min

Die Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zur Rückkehr von 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer stoßen auf Kritik - auch beim Koalitionspartner SPD. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Anke Rehlinger sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe:

Es ist keine kluge Idee des Bundeskanzlers, konkrete Zahlen in konkreten Zeiträumen in den Raum zu stellen, weil das Erwartungen weckt, die er womöglich nicht einhalten kann.

Anke Rehlinger, stellvertretende Vorsitzende der SPD

Syriens Präsident al-Sharaa und Bundeskanzler Friedrich Merz.

Al‑Scharaa traf in Berlin Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzler Merz. Dabei ging es auch um die geplante Rückkehr von 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer.

30.03.2026 | 2:27 min

Merz hatte nach einem Treffen mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa im Kanzleramt als Zielmarke genannt, dass in den nächsten drei Jahren 80 Prozent der mehr als 900.000 Syrer in Deutschland in ihr Heimatland zurückkehren sollten.

Der Kanzler fügte hinzu, dass sich al-Scharaa dies wünsche. Er betonte seinerseits, dass der Bürgerkrieg in Syrien zu Ende sei und es grundsätzlich die Perspektive zur Rückkehr gebe.

Merz: al-Scharaa nannte Zahl von 80 Prozent

Nach der Kritik an seiner Äußerung stellte Merz am Dienstag klar: Diese Forderung gehe auf den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa zurück.

Die Zahl von 80 Prozent Rückkehrern innerhalb von drei Jahren hat der syrische Präsident genannt. Wir haben diese Zahl zur Kenntnis genommen, sind uns aber der Dimension der Aufgabe bewusst.

Friedrich Merz

Schaltgespräch mit Armin Laschet

Merz habe nur das referiert, was ihm al‑Scharaa gesagt habe, dass er hofft, dass 80 Prozent der Syrer zurückkommen, so Armin Laschet (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

31.03.2026 | 6:08 min

Rehlinger: Viele Syrer bereits deutsche Staatsbürger

Rehlinger äußerte Verständnis für den Wunsch des syrischen Präsidenten. Einige Syrerinnen und Syrer würden dem sicherlich folgen, und das sei auch gut so.

Allerdings sind viele Syrer heute unsere Landsleute, weil sie hier integriert sind, in Mangelberufen arbeiten, alte Menschen pflegen oder Bus fahren, und nicht selten sogar deutsche Staatsbürger geworden sind.

Anke Rehlinger, stellvertretende Vorsitzende der SPD

21.08.2025, Mecklenburg-Vorpommern, Greifswald: Personal der Universitätsmedizin Greifswald, aufgenommen am Rande einer Pressekonferenz des Klinikum Karlsburg und Universitätsmedizin Greifswald.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat vor Engpässen in Kliniken gewarnt, sollten viele in Deutschland lebenden Syrer in ihre Heimat zurückkehren. Laut DKG stellen Syrer die größte Gruppe unter den ausländischen Ärzten.

31.03.2026 | 0:25 min

Auch aus der CDU wurde Kritik laut. "Das Signal solcher Zahlen ist in mehrfacher Hinsicht problematisch", sagte CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter dem "Handelsblatt". Es sei innenpolitisch ungünstig, hohe Erwartungshaltungen zu wecken, auf die rechtspopulistische Parteien dann zurückgreifen könnten. Wie Rehlinger verwies auch er auf syrische Fachkräfte.

Wenn diese zurückkehren, haben wir eine Herausforderung.

Roderich Kiesewetter, CDU-Außenpolitiker

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg, Berichterstatterin im Auswärtigen Ausschuss zu Syrien und Nahost, bezeichnete den Auftritt des Kanzlers als "beschämend". "Damit verunsichert er Hunderttausende Deutsch-Syrer, die den Eindruck erhalten, dass sie in den kommenden Jahren Deutschland wieder verlassen müssen", so Amtsberg in der "Rheinischen Post".

Syrischer Übergangspräsident al-Scharaa bei Merz

Der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa besucht trifft Bundeskanzler Merz im Kanzleramt. Gesprächsthemen sind u.a. der Wiederaufbau Syriens und die Etablierung von Rechtsstaatlichkeit. Im Anschluss äußern sich beide in einer Pressekonfetrenz.

30.03.2026 | 36:33 min

Migrationsforscher: Erwartungen von Merz unrealistisch

Der Konstanzer Migrationsforscher Daniel Thym hält das Ziel einer Rückkehr von rund 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer für völlig unrealistisch. "Solch hohe Rückkehrzahlen dürften sich als Illusion erweisen und selbst im Wege der freiwilligen Ausreise unerreichbar sein", sagte er dem "Handelsblatt".

Bislang seien nur wenige Tausend Syrer freiwillig in ihre Heimat zurückgekehrt. Es bleibe unklar, warum sich dies grundlegend ändern sollte. Das gelte auch für zwangsweise Abschiebungen.

Quelle: dpa
Über dieses Thema berichtete das ZDF in verschiedenen Sendungen, etwa im heute journal update am 31.03.2026 ab 00:10 Uhr, im heute journal am 30.03.2026 ab 21:45 Uhr und in den heute-Nachrichten am 30.03.2026 ab 19 Uhr.

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  1. Berlin: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, r) und Ahmed al-Scharaa, Präsident der syrischen Übergangsregierung, während einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt.

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