Gefechte zwischen Armee und Kurden:Experte: Waffenruhe in Syrien hat "eine gewisse Chance"
Daniel Gerlach hält eine Waffenruhe zwischen Syriens Armee und der SDF "nicht für ganz aussichtslos". Doch die Lage sei "aus vielerlei Gründen gefährlich", sagt der Nahost-Experte.
Weil die USA den Druck auf die syrische Übergangsregierung erhöhen, geht Nahost-Experte Gerlach davon aus, dass die Waffenruhe zumindest die angekündigten vier Tage hält.
20.01.2026 | 16:03 minIn Syrien rücken die Truppen der Regierung seit mehreren Tagen immer weiter in Gebiete vor, die von den kurdisch geführten Syrischen-Demokratischen Kräften (SDF) kontrolliert werden. Nach erneuten Kämpfen haben sich beide Seiten nun am Abend auf einen Waffenstillstand geeinigt, der zunächst vier Tage gelten soll.
Der Nahost-Experte Daniel Gerlach glaubt nicht daran, dass die SDF ihre Autonomie im Nordosten des Landes längerfristig bewahren kann, während es einen "starken syrischen Zentralstaat aus Damaskus gibt". "Das ist ein ganz, ganz großer Zielkonflikt", sagt der Chefredakteur des Fachmagazins Zenith, das sich mit der arabisch-islamischen Welt beschäftigt.
Bei ZDFheute live spricht er über die aktuelle Lage im Land, die Rolle der Türkei und erklärt, wieso eine neue Waffenruhe zwischen der syrischen Armee und den Kurden-Milizen "eine gewisse Chance" hat.
Sehen Sie oben das Gespräch in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Daniel Gerlach zu...
… der aktuellen Lage in Syrien
Die Lage in Syrien sei "aus vielerlei Gründen gefährlich". Die syrische Armee wirft der SDF vor, die Flucht von mutmaßlichen Kämpfern der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) aus dem Al-Hol Camp durch den Abzug von Wachen ermöglicht zu haben. Die syrische Regierung wolle die Kontrolle über das Camp übernehmen, werfe der SDF aber auch vor, das Camp "als Politikum und als Druckmittel" zu nutzen, um sich westliche Unterstützung zu sichern, erklärt der Experte.
In dem Sinne, dass sie gesagt haben, solange wir auf die Familien und auf die Kämpfer des IS hier aufpassen in diesem Lager, laufen die nicht davon.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
Im Kurdengebiet seien tausende Menschen auf der Flucht, dem neuerlichen Waffenstillstand sei nicht ohne Weiteres zu trauen, berichtet ZDF-Reporter Peter Theisen aus Damaskus.
20.01.2026 | 6:41 minAuch die syrische Regierung unter der Führung von Präsident Ahmed al-Scharaa brauche internationale Unterstützung und versuche sich vom IS abzugrenzen. So habe man beispielsweise Luftschläge westlicher Staaten auf mutmaßliche IS-Stellungen in der Region zugelassen, sagt Gerlach. Dahinter stehe auch ein Machtkampf um die von der SDF kontrollierten Gebiete in Nordsyrien.
Man hat so eine nominelle Hoheit der Regierung in Damaskus anerkannt, aber letztendlich doch selbst die Kontrolle gehalten. Und das war für die Regierung in Damaskus kein tragbarer Zustand.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
Für die syrische Regierung sei es nicht mehr hinnehmbar, dass ein großer Teil des syrischen Gebietes, von dem sie wirtschaftlich sehr abhängig ist, weiter unter Kontrolle der SDF bleibe. Welche Folgen die Auswirkungen dieses Konflikts auf den IS haben sei "sehr schwer zu sagen". Der IS könne aber "Aufwind bekommen", warnt der Experte.
Das ganze Volk sei in Aufruhr, es würden überall Kräfte mobilisiert, sowohl humanitäre als auch militärische, sagt Raman Bilal vom Kurdischen Roten Halbmond.
20.01.2026 | 6:09 minSolche Gruppen wie der IS profitieren immer davon, wenn es Krieg gibt, wenn es Instabilität gibt und wenn es Konflikte gibt zwischen ethnischen und Konfessionsgemeinschaften.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
Auf der anderen Seite seien aber auch bereits "viele Kämpfer innerhalb dieser sunnitischen Verbände" in die syrische Armee integriert worden. "Also die Milizen, die al-Scharaa an die Macht gebracht haben".
Denen, glaube ich, der Unterschied ideologisch gar nicht so bewusst war zwischen dem Verband, mit dem sie selber kämpfen, und dem IS, und aus Sicht vieler Kämpfer gibt es da auch nicht so viele ideologische Differenzen.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
In Syrien rücken Regierungstruppen in kurdische Gebiete vor, im Chaos kommen IS-Terroristen aus einem Gefängnis frei. ZDF-Reporter Peter Theisen berichtet aus Damaskus.
20.01.2026 | 1:02 min… der Rolle der Türkei im Syrien-Konflikt
Die Türkei bereite das Szenario, das wir gerade in Syrien erleben, bereits seit Jahren ganz präzise vor, erklärt der Nahost-Experte. "Die Türkei wollte diese syrischen demokratischen Kräfte immer schon entmachten." Sie unterstütze das Regime von Ahmed al-Scharaa und sei "eine der Hauptverbündeten", sagt Gerlach.
Und die Türkei hat in den letzten Jahren immer wieder versucht, unter den arabischen Stämmen, die mit den syrischen demokratischen Kräften nicht nur verbündet sind, sondern Teil dieser Milizen-Allianz unter kurdischer Führung, zu einem Aufstand zu bewegen.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
In Syrien eskalieren erneut die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der kurdischen SDF.
20.01.2026 | 2:07 minDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wolle nicht nur kurdische Unabhängigkeits- und Autonomiebestrebungen untergraben, sondern auch die kurdische Arbeiterpartei PKK in der Türkei entmachten. Was man nun in Syrien sehe sei "letztendlich der letzte Schritt auf diesem Weg". Dieser Schritt sei auch möglich, weil die US-Regierung unter Präsident Donald Trump auf eine enge Zusammenarbeit mit der Türkei setze.
Ich glaube, dass das sehr viel damit zu tun hat, dass die Amerikaner eben den Türken ein Stück weit grünes Licht gegeben haben in Zusammenarbeit mit al-Scharaa in Damaskus und möglicherweise auch der Unterstützung diverser Golfstaaten, dass sie das jetzt durchziehen.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
Die Türkei und die USA seien in der derzeitigen Situation der Ansicht, "dass eine starke Zentralgewalt in Damaskus besser ist als eine kurdische Autonomie, vor allem wenn sie militärisch ist", sagt der Experte.
Die syrische Armee hat kurdische Viertel in Aleppo erobert und rückt weiter vor.
18.01.2026 | 1:25 min… der Ankündigung einer neuen Waffenruhe
Im Konflikt zwischen der syrischen Regierung und der SDF habe es immer wieder Waffenruhen gegeben. Die Regierung habe darin die Chance erkannt, "letztendlich die andere Seite zur Aufgabe zu zwingen". Dennoch seien Verhandlungen nicht aussichtslos:
Eine Waffenruhe hat schon eine gewisse Chance, weil die Amerikaner jetzt wieder politisch den Druck erhöhen.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
Denn eine "syrische Zentralgewalt" sei zwar im US-Interesse, doch wollten die USA nicht, "dass die Stammesmilizen, insbesondere die von der Türkei mit aufgebaute sogenannte 'Syrische Nationalarmee', also einer Armee, die gegen die Kurden aufgebaut wurde, jetzt an den Menschen Massaker verüben und die Menschen vertreiben", erklärt der Nahost-Experte.
Man versteht vollkommen, dass es viele kurdische Kräfte gerade im Nordosten gibt, die sagen, wir haben Angst.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
"Dialog ist unglaublich wichtig und da gibt es internationale Mächte, die damit Erfahrung haben", sagt Gerlach. Diese Mächte sollten dann aber auch "tatsächlich eingreifen und dafür sorgen, dass diese humanitäre Situation nicht schlimmer wird". Für alle Seiten müsse es einen würdevollen Ausgang geben.
Das Interview führte Alica Jung, zusammengefasst hat es Niklas Landmann.
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