Iceye-Aufklärungssatelliten im Visier:Wie gefährlich sind Russlands Satelliten-Manöver im All?
Verfolgungsjagd im Weltraum: Im April hat Russland einen westlichen Aufklärungssatelliten verfolgt. Sicherheitsexpertin Süß spricht von einem neuen und ungewöhnlichen Manöver.
Russland bedroht westliche Satelliten im All. Durch Störmanöver soll die Weitergabe von Aufklärungsdaten an die Ukraine verhindert werden. ZDFheute live analysiert.
02.06.2026 | 11:38 minRussland hatte in den frühen Morgenstunden des 17. April eine Sojus-Rakete ins Weltall geschickt. Die Rakete brachte offenbar mehrere Satelliten des Typs Kosmos in die Erdumlaufbahn. Und offenbar verfolgten sie dieses Mal den westlichen Iceye-Aufklärungssatelliten. Juliana Süß, Expertin für Weltraum- und Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, ordnet bei ZDFheute live die Lage ein.
Sehen Sie das ganze Interview oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Juliana Süß ...
... zu dem jüngsten Manöver Russlands
Die Annäherung russischer Satelliten an westliche Systeme sei kein neues Phänomen, erklärt Raumfahrtexpertin Süß. "Wir haben ja schon öfter beobachten können, dass sich russische Satelliten westlichen Satelliten nähern." Ungewöhnlich an dem aktuellen Vorfall sei jedoch die Dimension: "Was jetzt allerdings neu und besonders ist, ist, dass es gleich vier, vielleicht sogar fünf Satelliten gleichzeitig sind", die sich einem Iceye-Satelliten angenähert haben.
Zudem sei "sehr viel Treibstoff" eingesetzt worden, um diese Position zu erreichen. Nach Ansicht von Süß mache gerade diese koordinierte Bewegung das Manöver auffällig. Unklar sei zudem, um welche Satellitentypen es sich genau handle und "was genau für Fähigkeiten an Bord sind".
... zu den russischen Absichten
Über die Absichten hinter dem Manöver könne derzeit nur spekuliert werden, betont die Expertin. Russland habe in der Vergangenheit sowohl Anti-Satelliten-Tests als auch Aufklärungs- und Abhörmissionen durchgeführt. "Wir können momentan nur spekulieren", sagt Süß. Möglich sei etwa, dass Fähigkeiten getestet werden, "wie man Satelliten kinetisch, also physisch zerstören kann".
Europa überzeugt vor allem mit Technologien im All, hat Standards in Geo-Lokalisation und Erdbeobachtung gesetzt. Doch wie steht es um die militärische Nutzung des Weltraums?
01.04.2025 | 2:03 minEbenso denkbar seien Aufklärungsversuche, "dass man sich eben annähert und vielleicht versucht, Fotos zu machen", um westliche Technik zu analysieren. Welche konkrete Mission hinter der aktuellen Annäherung stehe, sei derzeit nicht feststellbar.
... zur konkreten Gefahr eines Angriffs
Die Gefahr eines tatsächlichen Angriffs lässt sich laut Süß nicht ausschließen. Neben einer möglichen militärischen Dimension könne das Manöver auch eine politische Signalwirkung haben: "Eine Einschüchterung, die vielleicht hier auch das Ziel ist". Gleichzeitig sei der Aufwand hoch gewesen, was Zweifel an einem rein symbolischen Schritt aufwerfe.
Ein Angriff könnte etwa darauf abzielen, Datenübertragungen zu stören. Allerdings verfüge Iceye über eine große Satellitenkonstellation, sodass die Auswirkung durch den Ausfall eines einzelnen Systems begrenzt wäre. Dennoch sei der betroffene Satellit besonders relevant - es sei nicht "irgendein Satellit, sondern eben ISI-X36", der auch der Ukraine zur Verfügung stehe.
... zu Methoden und Mustern des russischen Vorgehens
Iceye-Satelliten liefern laut Süß Radardaten in Echtzeit und seien militärisch besonders wertvoll. "Radardaten sind deswegen so wichtig, weil sie - unabhängig vom Wetter - genaue Daten erbringen können." So könnten Truppenbewegungen und Infrastruktur beobachtet werden.
Provokationen im Weltraum reichen bis in den Kalten Krieg zurück. Heute treiben Russland, China, die USA und private Firmen wie SpaceX das Wettrüsten voran. Wer kontrolliert den Krieg über uns?
27.04.2026 | 18:38 minDie Ukraine nutze solche Daten "unter anderem eben auch für die Zielerfassung", erklärt sie. Vor diesem Hintergrund erscheine die Annäherung strategisch sensibel. Gleichzeitig verweist Süß auf ein Muster russischen Verhaltens: Störungen von Satellitendiensten und Cyberangriffe gehörten "definitiv zu einem Verhaltensmuster", das seit Jahren zu beobachten sei.
... zu den Möglichkeiten der Europäer
Klare Regeln für solche Annäherungen im All gibt es laut Süß bislang nicht. "Es gibt tatsächlich keine genauen Regeln, wie nah man sich einem anderen Satelliten nähern darf." Zwar werde international über Normen diskutiert, ein verbindliches Regelwerk fehle jedoch. Besonders kritisch sei die aktuelle Distanz dennoch: "500 Meter sind schon sehr, sehr nah."
Entscheidend sei aber die Position der Satelliten: Sie könnten nun "relativ einfach oder relativ schnell einen Angriff" durchführen, ohne lange Vorwarnzeit. Um sich zu schützen, seien laut Süß vor allem bessere Überwachung und widerstandsfähigere Systeme nötig, etwa durch Ausweichmanöver oder stärkere Vernetzung. Europa müsse zudem eigene Fähigkeiten ausbauen, da Satelliten heute "ein Grundbaustein für die moderne Verteidigung" seien.
Wir müssen uns jetzt resilienter aufstellen und wir müssen unsere eigenen Fähigkeiten ausbauen.
Juliana Süß, Expertin für Weltraum- und Sicherheitspolitik
Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog: