Social-Media-Prozesse in Los Angeles:Eltern verstorbener Kinder kämpfen für Gerechtigkeit
von Valerie Ndoukoun, Washington, D.C.
In Los Angeles laufen viel beachtete Prozesse gegen Social Media Konzerne. Die Kläger werfen Meta und Google vor, Kinder gezielt süchtig zu machen.
Treiben soziale Medien Jugendliche in die Abhängigkeit? Ein Musterprozess in Los Angeles soll Klarheit bringen. Im Extremfall sollen Kinder in den Tod getrieben worden sein.
25.02.2026 | 7:48 minNoch bevor Mark Zuckerberg vergangene Woche den überfüllten Gerichtssaal betrat, versammelten sich vor dem Gebäude in Los Angeles tagelang Eltern, deren Kinder nach Kontakt mit Kriminellen auf Social Media ums Leben kamen.
So auch Julianna Arnold, die ihre Tochter Coco durch eine Überdosis Fentanyl verloren hat.
Sie dachte, es sei ein verschreibungspflichtiges Medikament.
Julianna Arnold, Mutter von Coco
Ein Fremder hatte es der 17-Jährigen gegeben, nachdem er sie über Social Media kontaktiert und zu sich nach Hause gelockt hatte.
Der Klick zum Kick: Drogen wie Fentanyl & Nitazene, stärker als Heroin, werden immer gefragter. Synthetische Opioide machen extrem süchtig und werden online als Liquid zum Vapen verkauft.
03.09.2025 | 17:20 minAuch Sammy Chapman wusste nicht, dass er Fentanyl einnahm. Ein Dealer hatte ihn über Snapchats Schnellanzeigefunktion angeschrieben.
Er lieferte Drogen wie eine Pizza zu uns nach Hause, nachdem wir abends ins Bett gegangen waren.
Sam Chapman, Vater von Sammy
Eltern sollen mithilfe von Software über Gefahren gewarnt werden
Coco und Sammy sind keine Einzelfälle. Ihre Eltern kämpfen deshalb seit ihrem Tod für strengere Gesetze. Julianna Arnold hat etwa die Organisation "ParentsRISE!" für Eltern gegründet, die ihre Kinder durch Social Media verloren haben. Auch Sams "Parent Collective" begleitet Angehörige und leistet Aufklärungsarbeit.
Immer lauter werden die Stimmen nach mehr Kinderschutz und Restriktionen innerhalb der sozialen Medien. Meta-Chef Mark Zuckerberg sieht sich vermehrt Kritik an seiner Plattform ausgesetzt.
19.02.2026 | 2:22 minIn Gedenken an seinen Sohn kämpft er zudem für einen Gesetzesentwurf namens "Sammy’s law", der die Tech-Konzerne dazu verpflichtet, Eltern mithilfe einer Sicherheitssoftware zu warnen, wenn auf dem Account ihrer Kinder gefährliche Inhalte angezeigt werden. Doch einige der beliebtesten Plattformen, darunter Snapchat und TikTok, weigern sich, die Technologie zuzulassen.
"Es gibt einen klaren Interessenkonflikt zwischen der Sicherheit unserer Kinder und ihren Gewinnen", erklärt Marc Berkman, CEO der "Organization for Social Media Safety". Menschen, die "Sammy’s law" unterstützen wollen, rät Berkman, ihr zuständiges Kongressmitglied zu bitten, das Gesetz zu verabschieden.
Kritiker fordern strengere Gesetze
Die Software habe laut Berkman bereits viele Teenager vor Gefahren wie Cybermobbing, Suizid oder sexueller Ausbeutung bewahrt und 17 Schießereien an Schulen verhindert. "Das allein sollte ausreichen, um das Gesetz sofort zu verabschieden", findet Berkman.
Vor Gericht konfrontierte Anwalt Mark Lanier Zuckerberg mit einer E-Mail von 2015, die nahelegt, dass schätzungsweise vier Millionen unter 13-jährige Instagram nutzen - obwohl sie auf der Plattform nicht erlaubt sind.
Ich kenne keine Eltern, die sich gegen den Algorithmus eines Milliarden-Dollar-Konzerns behaupten können, der von den Klügsten der Welt entwickelt wurde.
Mark Lanier, Anwalt der Kläger
"Sie wissen seit Jahren, dass es Kindersicherungen geben sollte und sich Kinder nicht bei Konten anmelden sollten, über die Erwachsene sie kontaktieren könnten." sagt die frühere Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Francis Haughen. "Dafür muss man kein Genie sein.“ Doch das Unternehmen habe einfach weitergemacht und auf Gewinnmaximierung gesetzt.
Plattformen gehe es um Gewinnmaximierung. Deshalb sei es nötig, Social Media gesetzlich zu reguliert. Zusätzlich brauche es Medienkompetenzunterricht, sagt Suchtexperte Manfred Patzer-Bönig.
18.02.2026 | 13:19 minExperten warnen vor gesundheitlichen Folgen
Der Prozess gegen Meta, zu dem Facebook, Instagram und WhatsApp gehören, und Youtube-Betreiber Google könnte zum Präzedenzfall für tausende weitere Klagen werden. Angestoßen hat ihn eine 20-Jährige aus Kalifornien, die nur unter den Initialen "KGM" bekannt ist.
Ihr Vorwurf: Die Social-Media-Konzerne sollen sie bewusst abhängig gemacht haben, etwa durch Funktionen wie endloses Weiterscrollen, personalisierte Empfehlungen oder das automatische Abspielen von Videos. Die Klägerseite fordert eine Überarbeitung der App und Schadenersatz für die gesundheitlichen Folgen.
Social Media kann laut Experten psychische Probleme verursachen und bei jungen Menschen sogar Veränderungen im Gehirn hervorrufen. "Es ist sehr ähnlich wie beim Glücksspiel, Sex, bei Schokolade oder zuckerhaltigen Lebensmitteln, die zu einem hohen Dopaminspiegel führen und Suchtverhalten auslösen", erklärt Jugendtherapeutin Julie Frumin.
Inzwischen gehen deshalb immer mehr US-Bundesstaaten rechtlich gegen Meta und Co vor.
Für die Hinterbliebenen bleibt die Verarbeitung ihres Verlusts wohl ein lebenslanger Prozess.
Langsam werden die Wellen der Traurigkeit seltener, und durch mein Engagement habe ich das Bild meines Sohnes von etwas Traurigem in ein Anliegen verwandelt.
Sam Chapman, Vater von Sammy
Auch Cocos Mutter kämpft weiter. Teenager hätten es schon ohne das Internet schwer genug. Sie fordert: Die Konzerne sollen sie in Ruhe aufwachsen lassen.
Scrollen ohne Ende:Was Social Media mit dem Gehirn macht
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