Umfrage zeigt zunehmende Sucht:Social-Media-Verbot für Kinder? Debatte nimmt Fahrt auf
Aus SPD und CDU kommen neue Vorschläge für eine Altersgrenze bei Social Media. Laut einer Umfrage nimmt die problematische Mediennutzung zu. Doch es gibt auch kritische Stimmen.
Eine Studie der Krankenkasse DAK zeigt: Mehr als ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen nutzen soziale Medien in riskantem oder krankhaftem Ausmaß. Hunderttausende gelten als suchtkrank.
16.02.2026 | 0:42 minSollte Deutschland ähnlich wie Australien ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche einführen? Aktuelle Umfragedaten der Krankenkasse DAK, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen, zeigen ein zunehmendes Suchtverhalten bei Schülerinnen und Schülern. Im vergangenen Herbst wies demnach gut ein Viertel eine riskante oder gar suchtkranke Nutzung sozialer Medien auf.
Nach einer Befragung von 10- bis 17-Jährigen und deren Eltern im vergangenen Herbst stellte die Krankenkasse konkret bei etwa 350.000 Kindern und Jugendlichen eine krankhafte Nutzung sozialer Medien fest. Das waren rund 6,6 Prozent. Dazu kamen rund 21,5 Prozent, deren Nutzung die DAK als riskant einstuft - nach 21,1 Prozent im September/Oktober 2024.
Für ein krankhaftes Ausmaß müssen die Medien so stark genutzt werden, dass die Betroffenen dies länger machen als geplant oder vorgegeben und negative Folgen in anderen Bereichen auftreten. Beispielsweise kommen Schülerinnen und Schüler zu spät zum Unterricht, Noten werden schlechter. Schlafstörungen und andere Symptome können Kontrollverlust begleiten. Eine riskante Nutzung ist ausgiebig, aber noch nicht in so einem Ausmaß verstetigt.
(Quelle: dpa)
Die SPD fordert in einem Impulspapier ein Social-Media-Verbot für Kinder. Die Partei schlägt darin eine Altersabstufung und ein vollständiges Verbot für unter 14-Jährige vor.
16.02.2026 | 0:24 minSPD-Vorschlag: Social-Media-Zugang nur mit Perso
Um dem zunehmenden Suchtverhalten bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken, veröffentlichten Sozialdemokraten am Wochenende konkrete Vorschläge für ein mögliches Verbot. Sie schlagen vor, Altersbeschränkungen für den Zugang zu Social-Media-Plattformen technisch mit der sogenannten Wallet, der digitalen Brieftasche auf dem Smartphone, zu verknüpfen.
Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige zeigt eine gemischte Bilanz: Rund fünf Millionen Konten wurden gesperrt. Trotz drohender Bußgelder gibt es Schlupflöcher.
09.02.2026 | 1:32 min2027 soll die Wallet in Deutschland starten. Nutzer sollen ab dann etwa den Personalausweis und Führerschein auf dem Smartphone speichern können statt die Karten mit sich zu führen.
Die Idee aus der SPD: Wer ein Konto bei Instagram oder TikTok einrichtet, muss über die Wallet sein Alter nachweisen. Unter 14 Jahren soll es gar kein Konto geben, für 14- bis 16-Jährige nur ohne algorithmisch gesteuerte Feeds und mit "kindgerechte(n) Voreinstellungen", die "Endlos-Scrollen" ausschließen.
CDU diskutiert über Altersgrenze 16
Auch die Kanzler-Partei CDU diskutiert über mögliche Verbote. Für den anstehenden Parteitag liegt ein Antrag aus dem Landesverband Schleswig-Holstein vor, der empfiehlt, das Mindestalter auf 16 Jahre festzusetzen, "begleitet von einer verpflichtenden Altersverifikation".
Ein ganzes Schuljahr verzichten in Solingen 1.400 Fünftklässler auf soziale Medien. Nach sechs Monaten zieht die Stadt eine erste Bilanz: Wie wirkt sich das Experiment auf den Alltag der Kinder aus?
29.01.2026 | 2:52 minDie Bundesländer hatten die Bundesregierung bereits über den Bundesrat dazu aufgefordert, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das "Social-Media-Schutzräume für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren" vorsieht.
Social-Media-Verbot käme wohl nicht vor Sommer
Konkrete Maßnahmen sind aber frühestens von Sommer an zu erwarten. Bis dahin soll eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission Empfehlungen zu dem Thema vorlegen. Grundsätzlich wäre es denkbar und möglich, eine Altersprüfung mit Hilfe der Wallet umzusetzen, sagte ein Sprecher des Bundesdigitalministeriums auf Nachfrage in Berlin.
Das Parlament in Frankreich hat für ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige gestimmt. TikTok, Instagram und Co. könnten dort bald tabu sein.
27.01.2026 | 1:28 minErziehungswissenschaftler gegen Verbot
Doch es gibt auch Gegenwind. Skeptisch äußert sich das Büro der Bundesdatenschutzbeauftragten, Louisa Specht-Riemenschneider. Ein Verbot würde "alle Plattformen über einen Kamm scheren" und auch kleinere Netzwerke oder speziell für junge Nutzer konzipierte Angebote mit unverhältnismäßigen Hürden belegen, so ein Sprecher der Behörde zum "Handelsblatt".
Erziehungswissenschaftler der Universität Nürnberg-Erlangen hatten auf andere Aspekte hingewiesen. Ein Verbot würde gleich mehrere Grundrechte tangieren, sagte etwa Schulpädagogik-Professor Franco Rau und nannte die Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit und das Recht auf digitale Teilhabe.
Ich halte wenig davon, junge Menschen dann mit 16 unvorbereitet in die Social-Media-Welt zu entlassen. Damit wären neue Probleme vorprogrammiert.
Franco Rau, Professor für Schulpädagogik
Seine Kollegin Jane Müller verwies darauf, dass auch politische Bildung mittlerweile in den sozialen Medien stattfinde. "Wenn wir Jugendlichen diese Informationsquelle entziehen würden, wäre das ein demokratiepolitisches Eigentor."
Mehr zur Debatte über ein Social-Media-Verbot
Datenschutzbeauftragte:Social Media: Verbot für unter 16-Jährige gefordert
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