Russland-Kooperation bei Kernkraftwerken: Europa in der Falle

Brennelemente-Kooperation in Lingen:Russlands Atomgeschäfte: Europa in der Falle

von Joachim Bartz und Gunnar Krüger

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Kernkraftwerke im Osten der EU laufen mit Brennelementen aus Russland. Ein französischer Konzern will Europa aus der Abhängigkeit lösen - ausgerechnet mit russischer Hilfe.

Montage: Putin inmitten von Akw-Kühltürmen schaut bedrohlich auf Sternenkreis (Symbol für Europa)

Der russische Staatskonzern Rosatom baut in Europa Atomkraftwerke, liefert Uran und Brennstäbe - aber nicht nur, um Geld zu verdienen. Russland baut sein Monopol aus und schafft Abhängigkeiten.

07.04.2026 | 43:31 min

Tief im Westen Deutschlands, in Lingen im Emsland, tragen Atomkraftgegner und Nuklearindustrie seit vier Jahren einen Streit aus, der weit über die Region hinausweist - nach Russland.

Es geht um die Brennelementefabrik vor der Stadt und um die geplante Zusammenarbeit zweier Staatskonzerne, der französischen Framatome und der russischen Rosatom. Die Entscheidung muss das Land Niedersachsen fällen - in den kommenden Wochen.

"Eine Kooperation mit Rosatom würde die Abhängigkeit von Russland weiter ausbauen", warnt Bettina Ackermann vom Anti-Atom-Bündnis "ausgestrahlt". Darum haben sie und ein Dutzend weiterer Atomkraftgegner "Mr. P. aus M." dabei, einen Riesenkopf aus Pappmaché, eine Spottfigur. An einem warmen März-Tag soll sie auf den wahren Geschäftspartner in Lingen hinweisen: Wladimir Putin.

Atommüll vor Brennstäben

Europa will sich von russischen Brennelementen lösen. Doch Recherchen zeigen: Ein geplanter Deal in Lingen setzt weiter auf Rosatom – obwohl Sicherheitsbehörden vor neuen Abhängigkeiten warnen.

07.04.2026 | 8:34 min

Nuklearindustrie trotz Atomausstieg

Seit April 2023 produziert Deutschland keinen Atomstrom mehr, wohl aber Nukleartechnik. Framatome betreibt die Brennelementefabrik in Lingen, schätzt seinen deutschen Standort: "Lingen steht für Kompetenz, aber auch Flexibilität", sagt Mario Leberig, der die deutsche Produktion leitet und auch im Management des weltweiten Brennelemente-Geschäfts sitzt.

Im Interview mit ZDF frontal nimmt Framatome erstmals vor der Kamera Stellung zur Absicht, in Lingen Brennelemente sowjetischer Bauart zu fertigen. Diese WWER-Brennelemente sind in vielen osteuropäischen Kernkraftwerken unverzichtbar und kommen bislang aus Russland. Rosatom wollte sich zu den Recherchen von frontal auf Anfrage nicht äußern.



Der Lkw mit dem Castor fährt auf der A44 von Jülich nach Ahaus.

Der erste einer Reihe von Castor-Transporten durch Nordrhein-Westfalen hat Ende März das Brennelemente-Zwischenlager erreicht. Die Landesregierung und Umweltverbände hatten zuvor Bedenken geäußert.

25.03.2026 | 1:24 min

Russische Atomgeschäfte: Keine EU-Sanktionen

Seit Mai 2022 will die EU russische Energieimporte reduzieren, als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Echte Fortschritte macht sie nur bei Gas aus Pipelines. Atomgeschäfte mit Russland unterliegen dagegen keinen Beschränkungen. "Es gibt Länder wie Frankreich, die eine Abhängigkeit von Russland haben", erklärt Osteuropa-Experte Sebastian Hoppe. Diese Länder hätten ein Interesse daran, dass die Lieferbeziehung zum russischen Staatskonzern Rosatom "nicht schlagartig unterbrochen wird."

ie Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, spricht während der Eröffnungsplenarsitzung des IAEO-Kernenergiegipfels

Kommissionspräsidentin von der Leyen nennt die Abkehr von der Atomkraft einen strategischen Fehler. Besonders kleine Reaktoren und neue Technologien sollen künftig gefördert werden.

10.03.2026 | 1:49 min

Auf Wunsch der Kunden und im Sinne Europas fahre Framatome gerade "zweigleisig", erklärt Manager Leberig im frontal-Interview. "Die Lösung, die wir jetzt suchen, muss eine schnelle und sichere Alternative sein." Mithilfe russischer Experten und Maschinen baue man deshalb zunächst das "erprobte Design" nach.

Sobald wir die Genehmigung kriegen, bauen wir um, fertigen und liefern.

Mario Leberig, Manager Framatome

Spionage? Sabotage? Seien ausgeschlossen, der Wissenstransfer abgeschlossen. Kein Russe habe dabei das Werk betreten, so Leberig.

Politisch flankiert wird das Joint-Venture von Europa-Abgeordneten wie Christophe Grudler (Mouvement Démocrate). Frontal trifft ihn in seinem Wahlkreis Belfort, wo Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2022 die "Renaissance" der Atomkraft verkündete. Grudler argumentiert:

Klar, wir wollen nicht in der Hand der Russen sein, aber um rauszukommen, brauchen wir sie noch eine Zeit lang.

Christophe Grudler (Mouvement Démocrate), Mitglied des Europaparlaments

Der Liberale sitzt in Brüssel und Straßburg im mächtigen Industrieausschuss, gilt dort als "Aushängeschild der Atomkraft" und mahnt, die EU dürfe "nicht in eine andere Abhängigkeit geraten, nämlich die von den USA."

Markus Söder

Bayerns Ministerpräsident Söder hat sich für die Abkehr aus dem Atomausstieg und den Bau von Mini-Atomkraftwerken ausgesprochen. Damit stellt er sich gegen Pläne von Bundeskanzler Merz.

15.03.2026 | 0:18 min

Weißes Haus pusht Westinghouse

Die Konkurrenz aus Amerika ist Europa tatsächlich um Jahre voraus, wenn es um den Ersatz russischer Brennelemente geht. Frontal dreht - mitten im Krieg - im ukrainischen Kernkraftwerk Rivne. Im Wasser des Reaktors arbeiten Brennelemente, die der kanadisch-US-amerikanische Konzern Westinghouse entwickelte. Den Auftrag dazu erteilte die Ukraine 2008.

"Uns war schon lange klar, dass die Ukraine eine Diversifizierung ihres Kernbrennstoffs braucht", erklärte Pavlo Kovtonjuk, Chef von Energoatom, dem staatlichen Nuklearkonzern. "Wir haben Anfragen aus der Slowakei erhalten." Auch Finnland und Tschechien seien interessiert. Und tatsächlich: Nach dem Besuch von US-Außenminister Marco Rubio im Februar kam Westinghouse in der Slowakei und Ungarn ins Geschäft mit Brennelementen.

Reaktor Nr. 6 des Kashiwazaki-Kariwa Atomkraftwerks

15 Jahre nach der verheerenden Atomkatastrophe von Fukushima will Japan das weltgrößte Atomkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa wieder in Betrieb nehmen. Teile der Bevölkerung protestieren.

23.12.2025 | 1:43 min

Brennelemente made in Europe

Framatome entwickelt erst seit 2018 auch eigene WWER-Brennelemente. "Europäisches Design, europäische Lieferkette und europäische Fertigung", verspricht Manager Leberig, wegen des Rückstands allerdings erst für "Anfang der 2030er Jahre". Das sei eine "schnelle Zeitskala in diesem Geschäft." Bis dahin bleibt Framatome abhängig von Rosatom - und Russland.

Der Ukrainer Kostyantyn Batozsky ist einer, der Rosatom von innen kennt und die Seiten wechselte: Er arbeitete bis zur russischen Krim-Annexion 2014 im Rosatom-Management und warnt: "Es geht ihnen nicht ums Geschäft. Sie tun nur so."

In Wirklichkeit wollen sie alles packen und an sich binden.

Kostyantyn Batozsky, früherer Rosatom-Mitarbeiter

Sie, das seien die Vertrauten von Putin. Oder wie die Atomkraftgegner in Lingen ihn nennen: "Mr. P. aus M."

Mitarbeit: Johannes Bünger, Vivien Pieper und Laura Schmitt

Über dieses Thema berichtet ZDF frontal in der Doku "Russlands Atomgeschäfte - Europa in der Falle" am 07.04.2026 ab 10:00 Uhr im ZDF-Streamingportal und um 21:00 Uhr im TV.

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