Polen plant neues Gesetz:Kulturkampf um queere Partnerschaften
von Mathias Kubitza, Warschau
Pläne der Regierung könnten das Leben queerer Paare in Polen erleichtern. Scheitert der Minimal-Kompromiss der Koalition am Veto des rechtskonservativen Staatpräsidenten?
Als einer der letzten EU-Staaten bereitet Polen die rechtliche Absicherung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vor. Tusk nennt das einen Kompromiss, der „ein zivilisatorisches Minimum“ sei.
04.03.2026 | 2:17 minŁukasz und Andrzej sind seit fünf Jahren ein Paar, doch vor dem Gesetz sind sie Fremde. Sollte einem von beiden etwas zustoßen, hätte der andere im Krankenhaus kein Recht zu erfahren, wie es ihm geht. Weil sie keine gemeinsame Steuererklärung abgeben können, fühlen sie sich auch finanziell diskriminiert.
Die Frage der Lebenspartnerschaften ist in den meisten westlichen Ländern geklärt. Das ist etwas ganz Normales, Selbstverständliches, und bei uns gibt es das immer noch nicht. Und das ist, nun ja, sehr traurig.
Łukasz Będkowski
Große Hoffnungen, dass sich daran schnell etwas ändern könnte, haben sie nicht. Obwohl es politisch Bewegung gibt, zumindest ein bisschen: Die bürgerlich-liberale Regierungskoalition habe sich auf ein "zivilisatorisches Minimum" einigen können. So nennt Ministerpräsident Donald Tusk den erstrittenen Kompromiss und räumt ein:
Niemand wird damit zufrieden sein, das ist mir bewusst. (…) Andere Projekte würden keine Mehrheit im Parlament finden.
Donald Tusk, Ministerpräsident Polen am 30. Dezember 2025
Ein Entwurf als Kompromiss für queere Menschen
Im Wahlkampf versprach der in dieser Frage liberale Tusk, die Rechte queerer Menschen stärken zu wollen. Nach dem Wahlsieg musste er dann die konservativen Kräfte in seinem Mehrparteienbündnis davon überzeugen. Heraus kam der "Entwurf eines Gesetzes über den Status der nahestehenden Person in einer Partnerschaft und in einer Lebensgemeinschaft".
Homophobie ist auch in anderen Ländern Europas ein großes Problem. Ausgerechnet am Welttag gegen Homophobie hat Georgien erstmals den Tag der Heiligkeit der Familie und Achtung der Eltern begangen.
19.05.2025 | 2:05 minIn der Praxis hieße das: Jede volljährige Person könnte mit einer anderen volljährigen Person - unabhängig vom Geschlecht - einen notariellen Vertrag über gegenseitige Rechte und Pflichten abschließen. Der Familienstand bliebe jedoch unberührt. Die Verträge würden lediglich in den Standesämtern registriert. Eine gemeinsame Einkommensteuererklärung wäre aber möglich. Auch das Recht auf medizinische Information wäre gegeben.
Der Partner würde aber nicht automatisch Erbe sein, sondern testamentarisch festgelegt werden müssen. Das gemeinsame Adoptieren von Kindern bliebe ausgeschlossen. Den besonderen Schutz der Ehe als Institution zwischen Mann und Frau will die Regierung bewusst nicht antasten.
Es handelt sich um eine Art Pseudokompromiss, mit dem ich mich nicht wirklich abfinden kann.
Andrzej Sosnowski
Und: Es ist längst nicht ausgemacht, ob Tusks "Minimum" jemals zu polnischem Recht wird. Die entscheidende Hürde: Das Veto-Recht des Staatsoberhaupts. Dass Ehe und Familie besonders geschützt bleiben, machte der rechtskonservative Präsident Karol Nawrocki zur Bedingung einer möglichen Zustimmung. Dass er das Gesetz tatsächlich unterschreiben wird, glauben Andrzej und Łukasz nicht:
Sein bisheriges Verhalten und seine Aktivitäten zeigen deutlich, dass wir hier nicht mit seiner Zustimmung zu diesem Gesetz rechnen können.
Łukasz Będkowski
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28.01.2026 | 28:47 minKatholische Kirche und Konservative gegen queere Liberalisierung
Der Umgang mit Homosexualität ist in Polen so umkämpft wie in kaum einem anderen Land der EU. Denn es gibt viele Liberalisierungsgegner: Vor allem konservative und nationalistische Kräfte lehnen eine Ausweitung der Rechte für queere Menschen ab und verknüpfen die Debatte häufig mit Fragen der nationalen Identität.
Dafür müssen wir uns denen, die da im Westen sind, nicht gleich machen. Wir müssen nicht unter einer Regenbogen-Fahne stehen, wir können unter der weiß-roten Flagge stehen bleiben.
Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender PiS-Partei, 14. Juli 2019
Auch die katholische Kirche - nach wie vor kulturprägend und einflussreich in Polen - blickt oft sehr kritisch auf den politischen Kampf für mehr Gleichstellung. Der damalige Krakauer Erzbischof Marek Jedraszewski bezeichnete die LGBT-Bewegung vor einigen Jahren als ideologische Seuche.
Keine marxistische, bolschewistische, sondern eine aus dem gleichen Geist entstandene, neomarxistische. Keine rote, sondern eine regenbogenfarbene.
Marek Jedraszewski, damals Erzbischof von Krakau, 1. August 2019
Angriffe auf queere Menschen nehmen zu, auch beim Christopher Street Day - während CDU-Politiker das Hissen der Regenbogenflagge kritisieren. Der Regenbogen wird zum politischen Kulturkampf.
23.07.2025 | 14:02 minDie Wirkung solcher Aussagen zeigte sich in den vergangenen Jahren bei mehreren Vorfällen: Zum Beispiel verbrannten Gegner der LGBT-Bewegung am Rande von Pride-Paraden Regenbogenfahnen.
Umfrage zur Zustimmung in Polen
Doch wie denkt die Mehrheit der Polen? Zum geplanten Gesetz zur Partnerschaft mit einer "nahestehenden Person" hat die Tageszeitung Rzeczpospolita eine Umfrage in Auftrag gegeben.
Von den zufällig Befragten sagt knapp die Hälfte, der Staatspräsident solle zustimmen. Knapp 15 Prozent sind dagegen. Jeder Fünfte hat von dem Gesetz allerdings noch nichts mitbekommen.
Łukasz und Andrzej erleben in ihrem Warschauer Alltag kaum Diskriminierungen. An ihrem Balkon hängt gut sichtbar eine Regenbogenfahne. Das Paar lebt gern in Polen, doch mit der aus ihrer Sicht rückständigen Gleichstellungspolitik verlieren sie langsam die Geduld.
Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht, das Land zu verlassen und dauerhaft ins Ausland zu gehen.
Andrzej Sosnowski
An den Präsidenten hat Andrzej keine Erwartungen. "Ich ziehe es vor, positiv überrascht, als enttäuscht zu werden", sagt er.
Auch in Ungarn werden die Rechte von LGBTQ-Personen seit Jahren massiv eingeschränkt. Zehntausende demonstrierten in Budapest bei der Pride Parade.
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