Günstige Piroggen, Schnitzel und Co.:Milchbars in Polen: Was sie so besonders macht
von Natalie Steger
Polnische Milchbars: Ein Relikt aus der Vergangenheit und doch im Trend - sie bleiben beliebt. Hausmannskost, Kantinenflair, subventionierte Preise. Was steht hinter dem Phänomen?
Milchbars haben in Polen eine sehr lange Tradition und sind in der Bevölkerung weiterhin sehr beliebt. Denn dort gibt es günstige Hausmannskost für wenig Geld.
20.01.2026 | 2:44 minEs sind keine Bars, es gibt keinen Alkohol, und Milch gibt es auch nicht überall - und doch heißen die Kultlokale in polnischen Städten Milchbars. Die Bar Prasowy ist die älteste noch bestehende in Warschau.
Das Gebäude ist aus den 1950er-Jahren, im Warschau nach dem Wiederaufbau, nach der deutschen Zerstörung, nach sozialistischen Strukturen und Architektur. Der Boden, erklärt Milchbar-Wirt Kamil Hagemajer, sei genau wie damals. "Es nutzt sich auf natürliche Weise ab", so Kamil.
Wir möchten sogar diese Patina, und dass es nicht zu elegant ist.
Kamil Hagemajer, Milchbar-Wirt
Jüngere, Ältere und Familien - um die Mittagszeit brummt die Milchbar. Marianna aus Warschau ist Medizinstudentin und aktuell im Erasmus-Programm in Grenoble. Ihr erster Gang beim Heimaturlaub führt sie in die Milchbar, wo sie schon als Teenager regelmäßig saß.
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29.12.2025 | 1:47 min"Es ist nicht teuer", sagt sie, "und auch kein Fast Food, das bekanntlich nicht gesund ist. Es ist besser, eine wärmende Suppe zu essen." Gerade hat Marianna eine Tomatensuppe bestellt, eine Portion Piroggen und polnische Klöße. Dafür zahlt sie zusammen umgerechnet acht Euro.
Der Hit ist Schnitzel. Es wird mit Salz, Pfeffer und Panade zubereitet. Was wir anders machen, ist etwas Zwiebeln dazuzugeben und es in Milch einzuweichen.
Wlodzimierz Balacki, Küchenchef Milchbar Prasowy Warschau
Polnische Gerichte für "polnischen Magen"
Man könne das einem Ausländer schwer erklären, meint Kunde Rafal. Er habe einen polnischen Magen und Bauch, sagt er. Daher seien polnische Gerichte sehr willkommen. Nebenan sitzt Rentner Franciszek, 86 Jahre alt. Er isst hier jeden Tag. "Früher war das Essen noch besser, aber für einen Rentner sind die Preise ermutigend", meint er. Krautwickel mit Soße kosten 4,50 Euro, die Portion Piroggen keine fünf Euro, Krautsalat 1,50 Euro.
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21.11.2024 | 1:53 minDie polnischen Milchbars entstanden vor 130 Jahren. Gutsbesitzer und Landwirte boten damals nur Vegetarisches aus Milch, Eiern und Mehl an, daher kommt der Name. Die Blütezeit war in der kommunistischen Volksrepublik Polen. Restaurants gab es kaum, und wenn, waren sie kaum erschwinglich für die Bürger. Die Milchbars waren staatlich subventioniert und sind es bis heute. Nur bei Fleischgerichten gibt es keine Zuschüsse.
Die Milchbar schließt niemanden aus. Sie ist egalitär. Man sieht sich in die Augen und sitzt bei Tomatensuppe. Es spielt keine Rolle, ob du in einem Ministerium arbeitest oder als Kurier.
Kamil Hegemajer, Milchbar-Wirt
Warschau boomt - gehobene Küche und schicke Restaurants gibt es zuhauf, die Preise sind längst auf Westniveau. Vor allem in den letzten fünf Jahren nach Covid und mit dem Krieg in der Ukraine sind die Preise enorm gestiegen. Während viele teure Restaurants zu kämpfen haben, halten sich die etwas angeschrammten, einfachen und subventionierten Milchbars tapfer.
Für Milchbars, so Wirt Kamil, seien Krisenzeiten Blütezeiten. Denn hier seien die Kosten bei den hohen Verkaufszahlen niedriger. Deshalb könne man niedrigere Preise anbieten und mehr Gäste anziehen. 60 Prozent der Angestellten, so der Küchenchef, seien hier Ukrainer.
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21.01.2025 | 2:40 min"Was gutes Hausgemachtes"
Selbstbedienung, deftiges Essen, einfaches Interieur sind das Markenzeichen der Milchbars. Es weht der Geist der Vergangenheit auch in der Bar Prasowy in Warschau. Obwohl man hier mittlerweile wie bei McDonald's und Co. am digitalen Terminal bestellen kann. 40 Prozent der Kunden, so Kamil, nutzten diesen Service, vor allem natürlich die jüngeren. Und die stehen offenbar trotz aller Modernisierung auf Tradition. So wie Studentin Kinga, für die die Atmosphäre eine heimische ist, sagt sie. "Manchmal will man doch was Gutes, Hausgemachtes essen. Und genau das findet man hier."
Das Phänomen Milchbar hat sich über die Jahrzehnte hinweg gehalten. Weit weg von Sterneküche, aber darum geht es auch überhaupt nicht. Sondern um günstig - und garantiert mit polnischer Küche - in altem Ambiente pappsatt zu werden.
Natalie Steger ist Leiterin des ZDF-Studio Warschau.
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