Klimakrise in Europa: Experten warnen vor künftigen Hitzewellen

Interview

Physiker Carlo Buontempo:Ist die extreme Hitze in diesem Sommer die neue Normalität?

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Ausgetrocknete Seen, niedrige Flusspegel, verdorrte Felder - Europa erlebt die schlimmste und längste Hitze- und Trockenperiode seit Langem. Klimaexperten überrascht das nicht.

Trockenheit

Aktuell herrscht europaweit extreme Trockenheit. Flüsse führen kaum Wasser, Regenmangel verschärft die Lage. Das hat negativen Einfluss auf Energieversorgung, Schifffahrt und Wirtschaftswachstum.

05.08.2026 | 2:16 min

Der Physiker Carlo Buontempo ist Direktor des Copernicus-Klimawandeldienstes und beobachtet im Auftrag der EU die globalen Wetter- und Klimadaten. Seine Analysen und Prognosen lassen keinen Zweifel: Was wir gerade erleben, ist nur ein Vorgeschmack auf zukünftige Wetterereignisse.

ZDFheute: Wie schätzen Sie als Klima-Beobachter den heißen und trockenen Sommer 2026 ein?

Carlo Buontempo: Dieser außergewöhnliche Sommer mit seinen frühen Hitzewellen und massiven Waldbränden war leider keine große Überraschung. Vielmehr entspricht er unseren Erwartungen. Schon im Hitzesommer 2003 haben Klimawissenschaftler gewarnt, dass solche extremen Wetterereignisse in der Mitte der 2020er Jahre häufiger und intensiver auftreten würden.

ZDFheute: Ist, was wir jetzt erleben also die neue Normalität?

Buontempo: Leider nein. Das würde heißen, dass es von nun an so bleiben würde. Das ist aber nicht der Fall, weil die Temperaturen ja weiter steigen - und damit auch die Auswirkungen. Unsere Hitzewellen werden früher und häufiger kommen und sie werden intensiver sein und länger dauern.

Ein Löschhubschrauber wirft Wasser über einem Wald nahe dem Dorf Loumpa ab.

Hitze und Trockenheit treiben Brände in Europa an. In der EU sind über 463.000 Hektar verbrannt - weit mehr als im Schnitt. Griechenland setzt erfolgreich auf mehr Prävention.

05.08.2026 | 1:32 min

ZDFheute: Wie konnte in diesem Sommer die Trockenheit derartig eskalieren, sodass wir jetzt von einer Dürre sprechen?

Buontempo: Zunächst mal gab es in den vergangenen sechs Monaten in Europa tatsächlich wenig Niederschlag. Besonders im Osten Europas ist das schon seit ein paar Jahren der Fall.

Dazu kam dann die große Hitze und damit die erhöhte Verdunstung. Aber auch der geringe Schneefall und das Schmelzen der Gletscher bedeuten einen riesigen Verlust an Wasser, weil im Frühling immer weniger Schmelzwasser in die Flüsse gelangt.

Vertrocknete Sonnenblumen auf einem Acker.

Mit der Hitze kam auch die Trockenheit und die macht der Landwirtschaft gerade Probleme. Erwartet werden teils spürbare Ernteeinbußen. Aber auch an Lösungen wird geforscht.

05.08.2026 | 3:38 min

ZDFheute: Heißt das für die Zukunft: Das Wasser wird knapp in Europa?

Buontempo: Zumindest für Südeuropa trifft das zu. Das sagen die langfristigen Klimamodelle. Sie gehen von einem zweigeteilten Europa aus. Der Süden wird trockener und der Norden bekommt im Durchschnitt häufigere und heftigere Niederschläge, was auch wieder zu Extremereignissen führen wird.

Die durchschnittliche Höchsttemperatur in Westeuropa lag im Juli +4,4 °C über dem Durchschnittswert zwischen 1961 und 1990. Damit wäre es die größte Anomalität seit der Messung 1961. Bereits der Juni 2026 war der heißeste Juni nach Beginn der Aufzeichnung und der zweitwärmste auf globaler Ebene.

Vor allem eine Mischung aus extremer Hitze und extremer Trockenheit hat, etwa in Spanien und Frankreich, zu verheerenden Waldbränden geführt. In Frankreich gehörten die Emissionen der Brände zu den Extremen der vergangenen 24 Jahre, mit weitreichenden gesundheitlichen Folgen für Millionen von Menschen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Hitzebelastung ein führender Grund für wetterbedingte Tote. Eine Studie des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen zeigt zudem, dass ein Viertel aller Hitzewellen zwischen 2000 und 2019 ohne den Klimawandel nicht möglich gewesen wären.

Quelle: ZDF


Das Foto zeigt den fast ausgetrockneten Fluss Po im Norden Italiens im Februar 2023.

Der Albtraum aus dem Jahr 2022 ist zurück: Wegen Regenmangels sind die Wasserstände des Po so niedrig, dass Meerwasser ins Delta eindringen und die Ernte beeinträchtigen kann.

04.08.2026 | 1:52 min

ZDFheute: Apropos Extreme: Viele erwarten für die kommenden Monate auch noch ein starkes El-Niño-Phänomen, das zusätzlich für extreme Wetterlagen sorgen könnte. Welche Auswirkungen wird das bei uns haben?

Buontempo: Es könnte tatsächlich ein nie da gewesener, mächtiger El-Niño werden. Leider ist die Datenlage, was seine Auswirkungen angeht, noch eher dünn. Es gibt Modelle, die viel Niederschlag am Mittelmeer und im Nahen Osten errechnet haben, der dann im Spätherbst auch nach Mittel- und Osteuropa vordringen sollen.

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ZDFheute: Es ist ja immer noch so, dass viele sagen: "Wir haben Sommer, da ist es nun mal heiß…". Wer die Klimaerwärmung thematisiert, dem wird gerne Alarmismus und Panikmache vorgeworfen. Was entgegnen Sie den Skeptikern?

Buontempo: Da gibt es keine silberne Kugel. Meine Entgegnung sind die wissenschaftlichen Beweise. Wir sind heute in der Lage, den gesamten Planeten und sein Klima zu überwachen.

Und die Daten sind jedem auf unserer Webseite zugänglich. Wir verkünden keine Wahrheiten, wir veröffentlichen Tatsachen. Wir geben wieder, was das Thermometer uns erzählt.

Das Interview führte Gert Anhalt, Redakteur und Reporter beim ZDF auslandsjournal.

Personen in einem austrocknendem Flussbett voller Steine

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