So viele Hitzetote wie nie:Hitzegefahr für den Körper: "System gerät an seine Grenzen"
Nach neuesten Zahlen gab es in Deutschland so viele Hitzetote wie nie. Der Grund: Bei hohen Temperaturen "entgleisen" bestehende Erkrankungen, erklärt Anästhesist Christian Schulz.
Laut einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts sind in diesem Sommer bereits 11.900 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben. Ein Großteil von 9.600 davon innerhalb einer Woche.
06.08.2026 | 0:44 minFast 12.000 Menschen sind in diesem Sommer laut Robert-Koch-Institut (RKI) im Zusammenhang mit der Hitze gestorben - deutlich mehr als üblicherweise in diesem Zeitraum. Die Statistik ist da eindeutig. Allerdings: Auf den Totenscheinen ist in den seltensten Fällen tatsächlich Hitze als Ursache vermerkt.
Der Mediziner Christian Schulz erklärt im ZDFheute-Interview, wie bestehende Krankheiten bei hohen Temperaturen "entgleisen" und warum vor allem - aber nicht nur - ältere Menschen gefährdet sind.
ZDFheute: Was macht die Hitze mit dem menschlichen Körper?
Christian Schulz: Der Körper hat nur wenige Möglichkeiten, sich zu kühlen: Er schwitzt und er weitet die Blutgefäße der Haut, damit dort Wärme abgegeben wird. Beides ist Schwerstarbeit für das Herz-Kreislauf-System, denn es muss mehr Blut durch den Körper gepumpt werden. Bei anhaltender Hitze und vor allem bei warmen Nächten, in denen die Erholung ausbleibt, gerät dieses System an seine Grenzen.
Sommertage mit Temperaturen über 30 Grad können unseren Körper herausfordern. Wie er mit der Hitze umgeht, ist erstaunlich - ein Blick in das Zusammenspiel der Körperfunktionen.
12.08.2025 | 2:21 minDann entgleisen bestehende Erkrankungen: Das Herz versagt, die Nieren arbeiten schlechter, Blutgerinnsel entstehen leichter. Deshalb steht auf dem Totenschein Herzinfarkt oder Nierenversagen - ausgelöst hat es die Hitze.
ZDFheute: Lässt sich die Hitze als Auslöser denn konkret nachweisen?
Schulz: Im Einzelfall lässt sich das nie konkret und mit hundertprozentiger Sicherheit nachweisen. Das sind Aussagen, die epidemiologisch (medizinisch-statistisch; Anm. der Red.) begründet sind.
ZDFheute: Wer ist besonders gefährdet und warum?
Schulz: Am stärksten gefährdet sind ältere Menschen. Sie spüren Durst weniger, schwitzen weniger und ihr Kreislauf reagiert langsamer auf Belastung. Dazu kommen chronische Erkrankungen - Herzschwäche, Nierenerkrankungen, Diabetes, Demenz - und Medikamente, die entwässern oder das Schwitzen beeinträchtigen.
Besonders gefährdet sind außerdem Menschen, die allein leben und nach denen niemand sieht, sowie Menschen in schlecht angepassten Wohnungen unter dem Dach. Betroffen sind aber auch Säuglinge, Schwangere, Menschen, die im Freien arbeiten, und Wohnungslose.
ZDFheute: Könnten Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Schulz: Stellen Sie sich eine 84-jährige Frau vor, die allein im dritten Stock wohnt, herzkrank ist und wassertreibende Medikamente nimmt. Bei 36 Grad trinkt sie zu wenig, weil sie keinen Durst verspürt, und in der Wohnung kühlt es auch nachts nicht ab. Nach drei, vier Tagen ist ihr Kreislauf ausgezehrt, sie wird schwindelig und verwirrt. Angehörige, wenn welche da sind, bringen das oft nicht mit Hitze in Verbindung.
... ist Facharzt für Anästhesiologie, außerdem Notfall- und Intensivmediziner. Als Geschäftsführer leitet er die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). Zusammen mit anderen europäischen Organisationen fordert KLUG einen europaweiten Hitzeschutzplan mit verbindlichen Regeln bei zu hohen Temperaturen.
Wenn dann niemand nach ihr schaut, stirbt sie zu Hause, und in der Statistik erscheint eine Herzerkrankung als Ursache. Solche Verläufe machen den größten Teil der Todesfälle aus, nicht der Hitzschlag im Freien.
Bei einer Zwischenbilanz der Todesfälle durch Ertrinken wurde laut dem DLRG ein neuer Negativrekord erreicht. Im Juni soll es rund 100 Badetote gegeben haben, was einen neuen Höchstwert ausmacht.
06.08.2026 | 1:47 minZDFheute: Ab wann können auch gesunde Menschen an der Hitze sterben?
Schulz: Auch gesunde Menschen sind nicht sicher, wenn körperliche Anstrengung und Hitze zusammenkommen - etwa auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder beim Sport. Entscheidend ist dabei nicht die Temperatur allein, sondern die Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit: Wenn der Schweiß nicht mehr verdunstet, funktioniert die körpereigene Kühlung nicht mehr und die Körpertemperatur steigt binnen kurzer Zeit gefährlich an.
Ein Hitzschlag ist ein medizinischer Notfall und kann innerhalb von Stunden tödlich enden. Deshalb gehört Hitzeschutz auch in den Arbeitsschutz - verbindlich, nicht als Empfehlung. Eine klare Grenze, ab wann das geschehen kann, gibt es nicht.
Gerade in großen Städten ist es bei hohen Temperaturen schwer auszuhalten. Welche Konzepte gibt es, um die extreme Hitze in Schach zu halten?
04.08.2026 | 2:58 minZDFheute: Wie können wir besonders gefährdete Menschen besser schützen?
Schulz: Am wichtigsten ist, dass jemand nach diesen Menschen schaut: Familie, Nachbarschaft, ambulante Pflege, Hausarztpraxen, soziale Dienste. Wer weiß, wer im Viertel allein und gefährdet lebt, kann in einer Hitzewoche gezielt vorbeigehen, ans Trinken erinnern und Medikamente überprüfen lassen.
Dazu braucht es kühle Räume - in Pflegeheimen, Kliniken und öffentlichen Gebäuden - sowie Beschattung und Begrünung in den Städten. Und es braucht Verbindlichkeit, die Klärung von Zuständigkeiten und die notwendige finanzielle Ausstattung für die Umsetzung. Das ist eine der renditestärksten Investitionen überhaupt.
Das Interview führten der ZDF-Medizinjournalist Dr. Thomas Bleich und Mark Hugo aus der ZDF-Umweltredaktion.
Nachrichten | Panorama:Sommerhitze: Ab wann es gefährlich wird
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