Iran: Mullah-Regime setzt Gesichtserkennung zur Verfolgung ein

Proteste im Iran:Wie die Mullahs ihre Bürger überwachen

von Hannes Munzinger, Frederik Obermaier und Hakan Tanriverdi

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Irans Regime setzt eine leistungsfähige Gesichtserkennungs-Software aus Russland ein, um seine Bürger zu verfolgen. Dies geht aus einem Datenleak hervor, das ZDF frontal vorliegt.

Eine Überwachungssoftware am Drehkreuz einer Metro-Station erfasst die Gesichter von Menschen.

Für die brutale Verfolgung seiner Bürger bedient sich Irans Regierung leistungsfähiger Software zur Gesichtserkennung aus Russland. Das offenbart ein Datenleak.

03.03.2026 | 10:16 min

Erst gingen Tausende Iraner auf die Straße, jetzt greifen die USA und Israel an und rufen zum Sturz der Mullahs auf: An der Macht hält sich die Diktatur bislang trotzdem - dank eines riesigen Sicherheits- und Geheimdienstapparats. Nun enthüllen geleakte Dokumente und Programmcodes, wie die Sicherheitskräfte eine leistungsfähige Gesichtserkennungssoftware aus Russland gegen ihre eigenen Bürger einsetzen.

Demonstration in Iran

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Insider spricht über iranische Überwachungsmaschinerie

Die Daten und Unterlagen wurden der Non-Profit-Redaktion Forbidden Stories zugespielt und von ZDF frontal, Spiegel, Standard und Le Monde mit Unterstützung der Whistleblowerorganisation "The Signals Network" ausgewertet. Zudem konnte das Rechercheteam über einen verschlüsselten Videochat mit einem Insider sprechen. Wie er heißt und wo er arbeitet, muss anonym bleiben. Er riskiert mit der Enthüllung sein Leben.

Auf diesem Foto, das von der offiziellen Website des Büros des iranischen Obersten Führers veröffentlicht wurde, spricht Ajatollah Ali Chamenei , Oberster Führer des Iran, in einer Sitzung.

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"Das Regime hat eine Überwachungsmaschinerie konstruiert, der niemand mehr entkommen kann", sagt der Insider. Er selbst hatte über Jahre hinweg Einblick in genau diese Maschinerie, er hat sie mit am Laufen gehalten.

Massenüberwachung in der Metro

Mit seinen Aussagen bestätigt er Recherchen von ZDF frontal, Forbidden Stories und seinen Partnern, die zum ersten Mal zeigen, mit welch ausgeklügelter Technik das iranische Regime seine eigenen Bürger überwacht und verfolgt.

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Auf einem Video, das ZDF frontal einsehen konnte, sind Drehkreuze einer Metro-Station in Teheran zu sehen. Ein unablässiger Strom von Fahrgästen schiebt sich hindurch, Handys in der Hand, ein Mann trägt sein Kind auf dem Arm. Alltag.

Doch dieser Alltag wird gerastert. Die Software legt grüne Quadrate um jedes Gesicht, das ins Blickfeld der Kamera gerät. Rechts auf dem Bildschirm erscheinen erkannte Gesichter als Bild-Ausschnitte. So werden sie als Belege gespeichert. Je dichter der Strom der Passanten, desto schneller fließt die Spalte am rechten Rand. Man kommt mit dem Schauen kaum hinterher. Die Software schon. Die Bilder können mit anderen Datenbanken abgeglichen werden, zum Beispiel Passbildern.

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Nach Recherchen von ZDF frontal handelt es sich bei der Metro-Station auf dem Video um Panzdah-e Khordad, direkt beim Großen Basar in der Innenstadt Teherans. Dort begannen die jüngsten Proteste vor wenigen Wochen.

Seit Jahrzehnten unterdrücken die Machthaber in Teheran die eigene Bevölkerung. Als im Dezember neue Proteste ausbrachen - befeuert von Hyperinflation und Perspektivlosigkeit - gingen binnen Tagen Tausende Menschen auf die Straße. Das Regime kappte zeitweise das Internet. Nur wenige Bilder drangen nach außen. Was folgte, war eine Welle der Gewalt. Schätzungen gehen von Tausenden Toten aus.

Die Bundesregierung verurteilte das brutale Vorgehen der Mullah-Regierung scharf: "Ein Regime, das sich nur mit blanker Gewalt und Terror gegen die eigene Bevölkerung an der Macht halten kann, dessen Tage sind gezählt", sagte Bundeskanzler Merz. Auch die Europäische Union ist aktiv geworden und hat die Revolutionswächter im Februar als Terrororganisation eingestuft.

Nachdem Israel und die Vereinigten Staaten am Wochenende in einer gemeinsamen Militäraktion den Iran angegriffen hatten, rief US-Präsident Donald Trump zum Sturz des Regimes auf. Israels Premier Benjamin Netanjahu wandte sich in einer TV-Ansprache an die iranische Bevölkerung: "Bleibt nicht tatenlos. Eure Zeit, auf die Straße zu gehen, wird bald kommen."


Militär- und Geheimdienstbehörden mit Zugang zur Software

"Alle Militär- und Geheimdienstbehörden haben Zugang zu dieser Software", sagt der Insider - vom Geheimdienstministerium bis zu den Freiwilligenmilizen der Revolutionswächter. Geleakte Verträge, Videos und auch der Code des Programms, der ZDF frontal vorliegt, bestätigen seine Aussagen und offenbaren das Ausmaß der Überwachung im Staat der Mullahs. Sie zeigen: In Iran ist eine Überwachungsdystopie längst Realität geworden.

"Die Identifizierung funktioniert nur, weil das Regime auch eine biometrische Datenbank von Gesichtern der Bürger und Bürgerinnen hat", sagt Azadeh Akbari, die an der Universität Frankfurt am Main zur Überwachung im Iran forscht.

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Der Iran baut eine Art nationales Intranet auf - samt heimischen Alternativen für das Chatten und Videos schauen - in dem jeder Klick gespeichert wird. Außerdem werden Handys geortet, Auto-Kennzeichen erkannt, Drohnen fotografieren Protestierende aus der Luft, zentrale Plätze werden mit Kameras überwacht. Und seit ein paar Jahren stockt der Staat mit Gesichtserkennungssoftware auf. Der Vertrag, der dem ZDF frontal vorliegt, datiert auf den August 2019.

Technik stammt aus Russland

Die Technik, die im Iran eingesetzt wird, gilt als extrem leistungsfähig und stammt aus Russland: von einer Firma namens NtechLab. Das Unternehmen gab während der Corona-Pandemie damit an, auch hinter Masken versteckte Gesichter identifizieren zu können. Für Proteste hieße das: Vermummung ist zwecklos.

Der Aufstieg der Moskauer Firma NtechLab begann mit einer umstrittenen Idee: Männer fotografieren Frauen ohne deren Wissen - und finden binnen Sekunden ihre Konten auf sozialen Netzwerken. Die eingesetzte Technologie galt zwar als Sensation, sie zerstörte jedoch die Privatsphäre "für immer", warnte das Magazin "Bloomberg".

Statt Dating-Hilfe lieferte das Unternehmen bald Technologie für Sicherheitsbehörden. 2018 setzte Russland die Technologie während der Fußball-WM ein - offiziell, um Hooligans aus Stadien fernzuhalten.

Im Juli 2023 verhängte die Europäische Union Sanktionen gegen NtechLab. In der Begründung ging es um "willkürliche Verhaftungen oder Inhaftierungen und Verletzungen oder Missbräuche der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit". Die Begründung von damals liest sich heute wie eine Vorahnung dessen, was aktuell in Iran passiert.


Protestierende zerstören Kameras

Viele Menschen im Iran wissen, dass das Regime sie nahezu lückenlos überwacht - und sie wehren sich. Auf Videos der jüngsten Proteste ist zu sehen, wie Demonstrierende Überwachungskameras zerstören. Ein Mann klettert auf einen Metallpfosten, der über eine Straße ragt, zwei Überwachungskameras hängen daran. Unter dem Johlen der Menge schlägt er die Kameras kaputt. Auf einer anderen Aufnahme lodern Feuer bei Masten, auf denen Kameras installiert sind.

Auch die Technologie von deutschen Unternehmen kommt offenbar im Iran zum Einsatz. Ein geleaktes Video aus den iranischen Büros einer Vertriebsfirma zeigt ein Regal mit Überwachungskameras. Es wirkt wie eine Produktshow: Modelle, mit denen die Gesichtserkennungssoftware gute Ergebnisse liefert. Zu sehen sind auch mehrere Firmenlogos, darunter die von Bosch und dem Unternehmen Dallmeier. In einer Broschüre wird auch Siemens genannt.

Auf ZDF-Anfrage erklärt Dallmeier, seit 2017 keine Kameras mehr in den Iran geliefert zu haben. Davor seien die Endkunden ausschließlich "zivile Einrichtungen" gewesen.

Bosch räumt ein, bis 2018 rund 8.000 Sicherheitskameras in den Iran geliefert zu haben. Seit 2019 habe das Unternehmen keine Sicherheitskameras mehr in den Iran geliefert, erklärte eine Sprecherin. "Wir können nicht ausschließen, dass Produkte über Parallelimporte ins Land gelangen." Bosch hat seine Sicherheits- und Kommunikationstechniksparte Mitte 2025 verkauft.

Ein Siemens-Sprecher erklärte, dass der Dax-Konzern seit 2015 "weder direkte Geschäfte im Bereich Sicherheitslösungen im Iran” betreibe, "noch haben wir Dritte beauftragt, dort derartige Geschäfte in unserem Namen zu tätigen." ZDF frontal hatte 2010 aufgedeckt, dass Nokia Siemens Überwachungstechnologie in den Iran geliefert hatte.


Der Insider sagt, das Regime gehe nicht mehr unbedingt sofort auf der Straße gegen Demonstranten vor, "sie verwenden Kameras, um ihre Gesichter aufzunehmen, und holen sie später einzeln ab." Deshalb habe er sich entschieden zu sprechen. Keine Regierung sollte die Möglichkeit haben, ihre Bürger "stillschweigend und ohne Rechenschaftspflicht zu überwachen", so der Insider.

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Über dieses Thema berichtete ZDF frontal in dem Beitrag "Wie der Iran seine Bürger überwacht. Hinter der Recherche." am 03.03.2026 um 18 Uhr.   

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