Zypern übernimmt EU-Ratspräsidentschaft:Präsident Christodoulides: "Wir waren als EU zu abhängig"
Zyperns Präsident Nikos Christodoulides spricht im ZDF-Exklusiv-Interview über die Abhängigkeit der EU von USA, Russland und China, den mangelnden Einfluss in Nahost und die Türkei
Mit der Ratspräsidentschaft rückt Zypern ins Zentrum der EU-Politik. Ein Blick auf die komplexe Lage der Insel und ihre strategische Bedeutung für Europa.
29.12.2025 | 2:12 minAm 1.Januar 2026 übernimmt die Republik Zypern die EU-Ratspräsidentschaft von Dänemark. Das Arbeitsprogramm für die sechs Monate hat sie unter dem Leitspruch "Eine autonome Union. Offen für die Welt " vorgestellt.
ZDFheute: Herr Präsident, Zypern wird ab Januar die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Welches sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Prioritäten, die Sie sich vorgenommen haben?
Präsident Nikos Christodoulides: Als kleiner Staat verfolgen wir keine - sagen wir - verborgene Agenda. Das macht es viel einfacher, Kompromisse zu finden, und die Europäische Union funktioniert nun einmal über Kompromisse.
Es gibt drei Hauptziele. Erstens: die strategische Autonomie der EU stärken. Damit meine ich Wettbewerbsfähigkeit, den mehrjährigen Finanzrahmen, Migration und die Ukraine-Politik. Offen gestanden waren wir als EU zu abhängig: in der Verteidigung von den USA, bei Rohstoffen von China und bei der Energie von Russland.
2026 wird zum Jahr der Bewährungsprobe: Krieg, Migration, innere Konflikte und globale Machtfragen. Bleibt die EU Gestalterin – oder wird sie zum Spielball?
29.12.2025 | 4:00 minUnter solchen Umständen kann man nicht von wahrer strategischer Autonomie sprechen. Um diese zu erreichen, müssen wir vor allem unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken. Hinzu kommen Verteidigung und Sicherheit ohne fremde Abhängigkeiten sowie die Bewältigung der Energiekosten.
Zudem müssen wir unsere Instrumente nutzen, damit die EU zu einem echten geopolitischen Akteur wird - ein Beispiel dafür ist die Erweiterung.
Präsident Nikos Christodoulides, Republik Zypern
Zweitens: die EU näher an die Region des erweiterten Nahen Ostens heranbringen. Damit meine ich den östlichen Mittelmeerraum, den Nahen Osten, die Golfregion und auch Indien.
Dies ist eine Region von enormer geopolitischer Bedeutung und eine direkte Nachbarschaft der EU. Dennoch herrscht in der Region oft das Gefühl, die EU habe kein echtes Interesse an ihr.
Russlands Präsident Putin hat bei seinem Treffen mit Indiens Premier Modi angeboten, weiter Öl zu liefern. Außerdem vereinbarten beide Länder verbesserte Handelsbeziehungen.
06.12.2025 | 2:35 minDie dritte Priorität ist, die Alltagssorgen der europäischen Bürger anzugehen. Ich spreche von Wohnraum - ein Thema in ganz Europa - von den Energiekosten und dem Schutz unserer Kinder vor den negativen Einflüssen der sozialen Medien und neuer Technologien. Das sind unsere drei Kernziele während der Präsidentschaft.
ZDFheute: Israel kämpft im Libanon gegen die Hisbollah und in Gaza; hinzu kommen Konflikte mit dem Iran und Syrien. Was kann eine zyprische Ratspräsidentschaft hier bewirken - etwa bei der Deeskalation oder dem Wiederaufbau von Gaza? Was ist Ihr konkretes Ziel?
Im Libanon droht der brüchige Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah zu eskalieren. Was dahintersteckt, analysiert ZDFheute live.
30.11.2025 | 8:38 minChristodoulides: Zunächst: Wir fordern ein stärkeres Engagement der EU in der Region nicht erst jetzt wegen der Präsidentschaft. Wir verfolgen dieses Anliegen seit Jahren, was bereits zu konkreten Ergebnissen geführt hat. Wie erwähnt, betrifft das Ägypten und den Libanon.
Ich war dabei, als wir gemeinsam mit der Kommissionspräsidentin und weiteren Staatschefs das strategische Abkommen in Ägypten unterzeichneten. Das war ein Meilenstein. Ein früherer Fehler war ein oft neokolonialer Ansatz gegenüber dieser Region.
Man hat versucht, Ländern wie Ägypten, Jordanien oder den Golfstaaten vorzuschreiben, was sie zu tun haben. So erzielt man keine nachhaltigen Erfolge.
Präsident Nikos Christodoulides, Republik Zypern
ZDFheute: Lassen Sie uns über die Türkei sprechen.
Christodoulides: Von allen Mitgliedstaaten würde Zypern am meisten profitieren, wenn die Türkei sich der EU annähert oder ihr bei Erfüllung der Kriterien beitritt. Ein europäisch orientierter Nachbar ist mir viel lieber als einer, der sich anderen Einflüssen zuwendet.
Wenn Präsident Erdoğan am Gipfel in Zypern teilnehmen möchte, lade ich ihn herzlich ein und hole ihn persönlich vom Flughafen ab.
Präsident Nikos Christodoulides, Republik Zypern
ZDFheute: Dennoch stehen 30 Tausend türkische Soldaten im Norden. Die "Grüne Linie" wirkt wie ein eingefrorener Konflikt, der jederzeit wieder aufflammen könnte.
Christodoulides: Die Lehre aus Gaza ist: Es gibt keine wirklich "eingefrorenen" Konflikte. Deshalb darf der Status quo nicht das Ende der Zypernfrage sein. Dieser Zustand ist für alle Bewohner der Insel gefährlich. Ein wiedervereinigtes Zypern böte unglaubliche Chancen für seine Menschen.
- Zypern ist seit der türkischen Invasion im Jahr 1974 geteilt.
- 1983 erklärten sich die türkischen Zyprer im nördlichen Drittel der Mittelmeerinsel für unabhängig.
- Das wird nur von der Türkei anerkannt, die dort militärisch noch immer stark vertreten ist und mittlerweile eine Zwei-Staaten-Lösung fordert.
- Im Süden der Insel sitzt die international anerkannte Regierung von Zypern, die Teil der EU ist. Quelle: dpa
ZDFheute: Herr Präsident, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde von Thomas Reichart geführt, Leiter des ZDF-Studios in Tel Aviv.
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