Zehn Jahre nach der Abstimmung:Wie Großbritannien mit dem Brexit lebt - und leidet
von Sonja Dawson, London
Es war eine denkbar knappe Mehrheit. Doch am 23. Juni 2016 entschieden sich die Briten dafür, die EU zu verlassen. Nach einem harten Kampf, der das Vereinigte Königreich spaltete.
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer tritt zurück. Mit Andy Burnham gibt es einen möglichen Nachfolger. Die Brexit - Abstimmung vor zehn Jahren prägt dabei das politische Geschehen und die Probleme im Land noch immer.
23.06.2026 | 2:25 minIn den frühen Morgenstunden des 24. Juni 2016 gibt es keinen Zweifel mehr: 51,9 Prozent hatten für den Brexit gestimmt, die "Leave"-Kampagnen hatten gesiegt. Was sich genau für die Briten ändern würde, wusste damals noch niemand so genau.
Premierminister David Cameron kündigt noch am selben Morgen seinen Rücktritt an. Das Referendum war seine Idee gewesen - doch er hatte sich verkalkuliert.
Motto: "Take Back Control" - die Kontrolle zurückholen
Auf ihn folgen Theresa May, und später Boris Johnson. Er setzte mit viel Energie das Wahlergebnis um. Sein Versprechen: "Take Back Control". Die Kontrolle zurückholen. Am 1. Februar 2020 tritt das Austrittsabkommen schließlich in Kraft. Eine stärkere Wirtschaft, ein besseres Gesundheitssystem und weniger Zuwanderung - das war die Vision der Befürworter.
Nach dem Referendum diskutiert Großbritannien nach wie vor über die Brexit-Folgen. Vor allem Jüngere wollen zurück in die EU: Mehr als 80 % der Unter-25-Jährigen wünschen sich den Wiedereintritt.
23.06.2026 | 4:21 minWas damals niemand vorhersehen konnte: Wenige Wochen später veränderte die Corona-Pandemie die Welt. Russland startete seinen Angriffskrieg auf die Ukraine, im Nahen Osten eskalierte die Gewalt. Und Donald Trump stellte den Welthandel auf den Kopf.
Schwer zu berechnen also, in welchem Maße der Brexit zur wirtschaftlichen Schwäche Großbritanniens beigetragen hat - zehn Jahre später.
Die britische Regierung schafft keine erfolgreiche Reform des Sozialwesens. Das führt zu Perspektivlosigkeit für 16- bis 24-Jährige, die weder zur Schule gehen, noch Ausbildung oder Job haben.
29.05.2026 | 2:18 minHandel: Mehr Hürden als Freiheit
Die Brexit-Befürworter hatten argumentiert, Großbritannien könne außerhalb der EU eigene Handelsabkommen schließen und neue Märkte erschließen. Tatsächlich wurden zahlreiche Abkommen abgeschlossen - viele ersetzen jedoch lediglich frühere EU-Verträge.
Gleichzeitig wurde der Handel mit der Europäischen Union komplizierter: mehr Bürokratie, mehr Kontrollen, höhere Kosten. Das National Bureau of Economic Research geht davon aus, dass der Brexit das Bruttoinlandsprodukt langfristig um etwa sechs bis acht Prozent geschrumpft hat.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat angekündigt, bei der Sicherung seltener Erden mit Großbritannien zusammenzuarbeiten. Diese Rohstoffe werden in Handys oder Laptops verwendet.
27.04.2026 | 0:42 minMigration: Weniger EU, mehr Zuwanderung
Eines der wichtigsten Versprechen der Brexit-Befürworter war es, die Einwanderung deutlich zu reduzieren. Tatsächlich sank die Nettozuwanderung zunächst - von rund 336.000 Menschen im Jahr 2016 auf etwa 230.000 im Jahr 2017. Vor allem, weil weniger Menschen aus EU-Staaten ins Land kamen.
Dauerhaft war dieser Trend aber nicht. In den Jahren danach stieg die Zuwanderung wieder deutlich an - nun vor allem aus den ehemaligen Commonwealth-Staaten, wie Nigeria, Indien oder Pakistan. Letztes Jahr sank die Nettoeinwanderung auf 171.000 Personen, zurückzuführen auf restriktive Visaregeln.
Mehr Migranten und steigender Druck durch Rechtspopulisten bewegen die Labour-Regierung zu harten Reformen: weniger staatliche Hilfen und ein Aufenthaltsrecht erst nach 20 Jahren.
16.11.2025 | 1:27 minViele empfinden "Bregret"
Umfragen zeigen, dass heute rund 57 Prozent der Briten den Brexit für falsch halten, sie empfinden "Bregret": Brexit-Bedauern. Bei proeuropäischen Protesten am Wochenende forderten Hunderte in London den Wiedereintritt in die EU:
"Ich glaube, ein Großteil der ursprünglichen Stimmen war Protest, denn eigentlich waren alle großen Parteien für die EU", sagt der 43-jährige Luke Lanyon-Hogg.
Die Leute wollten einfach gegen die miserable Arbeit der Cameron-Regierung protestieren.
Luke Lanyon-Hogg, Brexit-Kritiker
Wieder einzutreten in die EU, das favorisieren vor allem junge Briten. "Rejoin EU" - das steht politisch aber keinesfalls zur Debatte.
Mehr Bürokratie, zusätzlicher Lagerraum, höhere Kosten und Fachkräftemangel. Der Brexit hat kleinen und mittelständischen britischen Unternehmen eher geschadet als großen Konzernen
31.01.2025 | 1:58 minBrexit-Befürworter: noch immer ein Drittel
Etwa 30 Prozent sehen den Brexit immer noch als die richtige Entscheidung. So auch viele Menschen im nordenglischen Sunderland. 2016 stimmten hier über 60 Prozent für den Brexit - wie der 75-jährige Thomas Peter Rogan:
Es war die richtige Entscheidung, rauszugehen und wir werden uns von der Anfangssituation erholen - mit all der Bürokratie und den Schwierigkeiten des Handels... Wir werden in Zukunft besser zurechtkommen.
Thomas Peter Rogan, Brexit-Befürworter
Luke Tryl vom Think-Tank "More in Common UK" meint dazu: "Viele Menschen sagen nicht, der Brexit sei falsch gewesen, sondern schlecht umgesetzt worden." Und Politiker wie Nigel Farage würden genau davon profitieren: "Er kann weiterhin versprechen und sagen, er hätte einen 'ordentlichen Brexit' umgesetzt."
Starmer räumt Posten - Andy Burnham als Nachfolger?
Premier Keir Starmer hat bisher in seiner Amtszeit vor allem im Bereich der Verteidigungskooperation auf pragmatische Annäherung an die EU gesetzt, etwa im Format der sogenannten "E3", der Zusammenarbeit mit Frankreich und Deutschland.
Aber auch um die Wiederbelebung des Jugendaustauschs hatten sich Labour und die EU bemüht. So wie darum, weitere Zoll-Bürokratie abzubauen.
Labour-Chef Starmer kündigt seinen Rücktritt als Parteivorsitzender an, bleibt aber Premier, bis ein Nachfolger feststeht. Nach zwei Jahren im Amt schwächten zuletzt Umfragewerte seine Position.
22.06.2026 | 3:18 minGereicht hat das für den Labour-Premierminister am Ende nicht. Keir Starmer kündigte jetzt nach starker innerparteilicher Kritik seinen Rücktritt an. Als aussichtsreichster Nachfolger gilt derzeit Andy Burnham, Bürgermeister von Manchester. Am Grundkonflikt des Landes dürfte das jedoch wenig ändern.
Die EU-Frage spaltet das Land noch zehn Jahre nach dem Referendum. Der Brexit bleibt politischer Konflikt und wirtschaftliche Belastung. Als Wahlkampfthema wird die emotionale Frage lieber ausgespart. Wie man es mit der EU hält - man schweigt lieber drüber, als dass man sich in alte Konflikte stürzt.
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