Grönland: Was ein Angriff für die Nato bedeuten würde

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Drohungen der US-Regierung:Grönland: Was ein Angriff für die Nato bedeuten würde

von Charlotte Greipl und Daniel Heymann

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Ein Völkerrechtler erklärt, ob ein Kauf Grönlands durch die USA rechtlich möglich wäre - und wie die Nato auf einen Militäreinsatz reagieren müsste.

Blick auf den Stadtkern der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Die Begehrlichkeiten von US-Präsident Trump haben das abgeschiedene Grönland plötzlich in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt.

Blick auf den Stadtkern der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Die Begehrlichkeiten von US-Präsident Trump haben das abgeschiedene Grönland in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt.

Quelle: dpa

Immer lauter wird die Kritik an den Drohungen aus Washington. Selbst prominente Republikaner lehnen eine gewaltsame Annexion Grönlands ab, kritisieren entsprechende Äußerungen als "dilettantisch" und "absurd".

Doch US-Präsident Donald Trump schließt einen Militäreinsatz in Grönland nach wie vor nicht aus. Seine Sprecherin Karoline Leavitt erklärte, der Einsatz des US-Militärs stehe dem Präsidenten "selbstverständlich" als Option zur Verfügung.

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Ist Grönland ein eigenständiger Staat?

Grönland ist weitgehend autonom, gehört offiziell aber zum Königreich Dänemark. Bis 1953 war die Insel dänische Kolonie. Die Regierung in Kopenhagen entscheidet daher über die Außen- und Verteidigungspolitik Grönlands. In der Vergangenheit haben auch die USA in mehreren Verträgen anerkannt, dass Grönland zu Dänemark gehört.

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Aufgrund der Anbindung an Dänemark ist Grönland Teil der Nato. Zur EU gehört die Insel allerdings nicht - 1982 stimmte die Bevölkerung für einen Austritt aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der EU. Die EU hat das anerkannt.

Was würde im Falle eines Angriffs gelten?

Weil Grönland zur Nato gehört, müssen die anderen Mitgliedstaaten im Falle eines bewaffneten Angriffs Beistand leisten. So sieht es Artikel 5, die wichtigste Vorschrift des Nordatlantik-Vertrages, vor. Bisher hatte man für einen solchen Bündnisfall immer einen Angriff von außen, also zum Beispiel durch Russland, vor Augen, sagt Christian Marxsen, Professor für Völkerrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Nato ist dazu gedacht, sich nach außen als Verteidigungsbündnis abzusichern. Der Nato-Vertrag geht nicht davon aus, dass die Aggression von einem Mitglied des Bündnisses ausgehen könnte.

Christian Marxsen, Völkerrechtler an der Humboldt-Universität

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Doch der Vertrag erfasst nach seinem Wortlaut jeden Angriff, also auch innerhalb des Bündnisses:

Rein rechtlich gesehen erstreckt sich die Beistandsverpflichtung nach Artikel 5 des Nato-Vertrages auch auf den Schutz Grönlands, da es zu Dänemark gehört.

Christian Marxsen, Völkerrechtler an der Humboldt-Universität

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Theoretisch müsste also Deutschland im Fall eines amerikanischen Angriffs Grönland unterstützen. Faktisch wäre eine solche Situation wohl das Ende des Verteidigungsbündnisses. So hat sich auch die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen geäußert:

Wenn die USA ein anderes Nato-Land angreifen, dann hört alles auf.

Mette Frederiksen, dänische Ministerpräsidentin

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Sieben europäische Nato-Staaten, darunter auch Deutschland, haben sich zwar in einer gemeinsamen Erklärung mit Grönland solidarisiert. Ob sie aber wirklich bereit wären, gegen die USA zu kämpfen, erscheint zweifelhaft. Denn der Nato-Vertrag überlässt es den Mitgliedstaaten, wie genau sie ein angegriffenes Land unterstützen:

Die Staaten haben sehr viel Entscheidungsspielraum, was sie konkret tun würden. Polemisch gesprochen: Sie können militärisch eingreifen - oder ein Beileidsschreiben schicken.

Christian Marxsen, Völkerrechtler an der Humboldt-Universität

Einen Automatismus, in eine bewaffnete Auseinandersetzung mit den USA zu gehen, gebe es nicht, so Marxsen. Diese Option hält der Völkerrechtler für abwegig.

ZDF-Studioleiter in Brüssel Ulf Röller in seinem Arbeitszimmer

Man könne befürchten, dass es Trump bei Grönland nicht nur um Rohstoffe gehe, sondern um den "wahnwitzigen Gedanken", das US-Territorium zu vergrößern, sagt Grönland-Experte Volquardsen.

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Könnten die USA Grönland kaufen?

Schon während seiner ersten Amtszeit hatte Trump vorgeschlagen, dass die USA Grönland kaufen könnten. Und theoretisch wäre das auch per völkerrechtlichem Vertrag möglich, erklärt Jurist Marxsen. Doch es gibt eine entscheidende Einschränkung:

Grönland kann sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker berufen, das in der UN-Charta vorgesehen ist. Das heißt: Dänemark dürfte nicht über die Köpfe der Grönländer hinweg entscheiden.

Christian Marxsen, Völkerrechtler an der Humboldt-Universität

Für solche Gebietskäufe gibt es historische Beispiele: So haben etwa die USA im Jahr 1867 Alaska von Russland erworben. Auch von Dänemark haben die USA schon Gebiete erworben: Im Jahr 1917 kauften sie die damalige dänische Karibik-Kolonie Dänisch-Westindien, heute die Amerikanischen Jungferninseln, für 25 Millionen Dollar in Goldmünzen.

Grönland-Experte Ebbe Volquardsen

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Damit sollte, so die Begründung der US-Seite, eine Besetzung durch Deutschland verhindert werden. Auch damals drohte die US-Regierung mit einem Militäreinsatz, bevorzugte jedoch einen "friedlichen Übergang". Ein Nebenaspekt des damaligen Vertrages: Die USA erkannten Dänemarks vollständige Kontrolle über Grönland an.

Bislang haben aber sowohl Grönland selbst als auch Dänemark immer wieder betont, dass die Insel nicht zum Verkauf stehe. Gut möglich, dass sie den USA stattdessen anbieten, weitere Militärbasen auf der Insel zu eröffnen oder auf einen Teil der Bodenschätze zuzugreifen.

Charlotte Greipl und Daniel Heymann arbeiten in der ZDF-Redaktion "Recht und Justiz".

Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen - beginnend mit dem gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF am 08.01.2026 ab 5:30 Uhr.

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