Grönland: Sind Trumps Sicherheitswarnungen nur vorgeschoben?

Faktencheck

"Überall chinesische Kriegsschiffe":Grönland: Sind Trumps Sicherheitswarnungen nur vorgeschoben?

Oliver Klein

von Oliver Klein

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Trump warnt vor russischen und chinesischen Kriegsschiffen vor Grönland. Experten sehen jedoch keine akute Bedrohung. Brauchen die USA die Insel wirklich für ihre Sicherheit?

Grönland-Experte Ebbe Volquardsen

"Grönland ist ein Stresstest für die Nato", sagt ZDF-Korrespondent Ulf Röller bei ZDFheute live.

06.01.2026 | 7:22 min

Schon direkt zu Beginn seiner zweiten Amtszeit vor einem Jahr erklärte US-Präsident Donald Trump, die USA müssten die Kontrolle über Grönland übernehmen. Trump argumentierte mit Sicherheitsinteressen der USA und verwies auf die angebliche Präsenz Moskaus und Pekings rund um die geostrategisch günstig gelegene Insel. Wörtlich erklärte er: "Überall sind russische Schiffe, überall chinesische Schiffe, Kriegsschiffe." Dänemark selbst könne das nicht kontrollieren, so Trump.

Zuletzt wiederholte Trump diese Behauptung am Sonntag: Grönland sei umgeben von russischen und chinesischen Schiffen. "Wir brauchen Grönland aus Sicht der nationalen Sicherheit."

International sorgten die Äußerungen für Empörung. Die Abgeordnete Aaja Chemnitz, die Grönland im dänischen Parlament repräsentiert, warf Trump vor, "Lügen über chinesische und russische Kriegsschiffe zu verbreiten", ähnlich argumentierte Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen. Was ist dran an Trumps Behauptungen? Und brauchen die USA tatsächlich die volle Kontrolle über Grönland für ihre eigene Sicherheit?

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Kaum Kriegsschiffe vor Grönland unterwegs

Nicht nur dänische und grönländische Politiker widersprechen Trumps Beschreibungen, auch Militär- und Sicherheitsexperten sehen keine Belege dafür, dass derzeit russische oder chinesische Kriegsschiffe Grönland systematisch bedrohen.

In einem Bericht des dänischen Geheimdienstes von Dezember 2025 heißt es, China verfüge aktuell über keinerlei militärische Präsenz in der Arktis. Das Land nutze stattdessen vier zivile Eisbrecher und ein Forschungsschiff, um Daten zu sammeln und die Fähigkeit für zukünftige Marineoperationen in fünf bis zehn Jahren aufzubauen. Die Missionen beziehen sich aber auf die gesamte Arktis - nicht explizit auf Grönlands Gewässer. Zudem operierten die Schiffe meist weit entfernt, etwa 1.000 Kilometer nordwestlich von Grönland oder nördlich der Beringstraße, heißt es.

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Russland nutzt dem Bericht zufolge systematisch zivile Schiffe wie Fischerboote zur Überwachung und Kartierung der Gewässer zwischen Grönland, Island und Großbritannien, um sich auf einen potenziellen Konflikt mit der Nato vorzubereiten. Dennoch betont der Bericht, dass eine militärische Attacke auf Grönland derzeit nicht drohe.

Grafische Karte Grönland

Die Erkenntnisse des Geheimdienstes decken sich mit Beobachtungen von Osint-Spezialisten wie "Markus Jonsson", die den internationalen Schiffsverkehr analysieren und darüber in sozialen Medien schreiben. Sie kommen zu dem Schluss, dass nur wenige russische oder chinesische Schiffe direkt vor Grönland unterwegs seien.

"Markus Jonsson" ist ein Pseudonym, dahinter verbergen sich eine oder mehrere Personen, die durch Open Source Intelligence (Osint) Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen sammeln und auswerten.

Dem Osint-Account "Droxford Maritime" bei BlueSky zufolge habe es seit September 2023 gar keine Aktivitäten russischer Kriegsschiffe vor Grönland mehr gegeben.

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Sicherheitsexperten: Trump übertreibt

Der Sicherheitsexperte Ulrik Pram Gad vom Dänischen Institut für Internationale Studien kommentierte Anfang 2025 in einem Fachaufsatz, ein militärischer Angriff auf Grönland sei äußerst unrealistisch. Es gebe keine Städte, die durch Straßen verbunden seien, die Küste sei von Fjorden, Gletschern und Gebirgen geprägt - anlandende Truppen kämen kaum voran. Daher seien gelegentlich gesichtete chinesische oder russische Schiffe im weiten Norden nichts Ungewöhnliches - sie würden aber nicht eine von Trump angedeutete Invasion Chinas oder Russlands ankündigen.

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Ähnlich sieht es der Sicherheitsexperte Michael Paul von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Trump übertreibt", schreibt er auf Anfrage von ZDFheute. Auch er verweist darauf, dass Russland mit seinen Schiffen in der gesamten Arktis ständig präsent sei - und dass China im vergangenen Jahr vor Grönland vor allem zivile Schiffe und keine Kriegsschiffe im Einsatz hatte.

USA dürfen bereits Truppen in Grönland stationieren

Was bleibt von Trumps Behauptung, die USA müssten für ihre eigene Sicherheit die Kontrolle über Grönland übernehmen? Militärisch ist Grönland längst in westliche Strukturen eingebunden. Die USA sind hinsichtlich Grönland bereits durch zwei Verträge umfassend abgesichert:

Ein Verteidigungsabkommen von 1951 gewährt den USA bereits jetzt genau die Rechte, die Trump fordert: Sie dürfen Truppen stationieren und Stützpunkte bauen und unterhalten. Im abgeschiedenen Pituffik, etwa 1.500 Kilometer nördlich der Hauptstadt Nuuk, betreibt das US-Militär seit langem einen Militärstützpunkt. Dieser unterstützt Raketenwarnsysteme sowie Raketenabwehr- und Weltraumüberwachungsmissionen.

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Ein weiterer wesentlicher Schutzfaktor ist der Nato-Vertrag: Grönland steht als ein zu Dänemark gehörendes Territorium unter dessen Schutz. Ein Angriff auf Grönland würde als Angriff auf alle Nato-Verbündeten gewertet, was die USA nicht nur zur Verteidigung verpflichtet, sondern ihnen auch das ausdrückliche Recht gibt, militärisch zu reagieren.

Fazit: Experten und der dänische Geheimdienst widersprechen Trumps Behauptungen über eine allgegenwärtige Präsenz russischer und chinesischer Kriegsschiffe vor Grönland. Die USA sind hinsichtlich Grönland durch bestehende Verträge und die Nato umfassend abgesichert.

Quelle: mit Material von AFP, dpa
Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, unter anderem das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 07.01.2026 ab 05:30 Uhr, heute Xpress am 07.01.2026 ab 07:00 Uhr sowie ZDFheute live am 06.01.2026 ab 19:30 Uhr.

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