Leistungsdruck durch Migrationsgeschichte:Kampf um Anerkennung: "Wann bin ich eigentlich genug?"
von Liza Fresnay
Pünktlich, fleißig, korrekt: Als Töchter eingewanderter Eltern versuchen Samira und Valentina ständig, Standards gerecht zu werden. Sie fragen sich: Wann bin ich deutsch genug?
Anerkennung über Leistung. Dieses Motto zieht sich durch ihr Leben, seit sie mit ihren Eltern nach Deutschland kamen. Die 20-jährige Samira fühlt sich ständig unter Druck.
02.08.2026 | 27:06 minSamira (20) arbeitet mehr als die meisten ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen. Die Jurastudentin finanziert ihr Studium selbst, arbeitet 20 Stunden pro Woche und gibt zusätzlich Nachhilfe. Als Tochter afghanischer Eltern hat sie oft das Gefühl, sich beweisen zu müssen - und trotzdem nie ganz dazuzugehören.
Obwohl Samira in Deutschland geboren wurde, fühlt sie sich an der Universität manchmal fehl am Platz. "Ich würde den Campus schon als sehr deutsch beschreiben. Also wenn man da rumläuft, sieht man, dass ich da eigentlich nicht so reinpasse", erzählt Samira.
Ich frage mich auf jeden Fall, wann ich überhaupt deutsch genug bin oder wann ich generell genug bin als Person.
Samira
Leistung wird mehr als ein persönliches Ziel
Mit diesem Gefühl ist sie wahrscheinlich nicht allein: 2025 hatten 43 Prozent der Schülerinnen und Schüler an allgemein- und berufsbildenden Schulen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Gleichzeitig berichten viele Betroffene davon, sich stärker beweisen zu müssen als andere - sei es im Studium, im Beruf oder im Alltag.
Für manche wird Leistung deshalb mehr als nur ein persönliches Ziel. Gute Noten, ein erfolgreicher Beruf oder gesellschaftliches Engagement werden zum Versuch, Anerkennung zu finden - und den eigenen Platz in der Gesellschaft zu sichern.
Laut einer Befragung werden rund neun Millionen Menschen im Alltag, im Job oder bei Behörden benachteiligt. Musliminnen mit Kopftuch sind besonders betroffen. Stefan Schlösser mit den Details.
10.03.2026 | 1:37 minBildung als Möglichkeit, etwas zurückzugeben
Auch die 28-jährige Valentina kennt diesen Druck. Sie kam als Kind aus Kasachstan nach Deutschland. In der Schule wurde sie als "dumme Russin" beschimpft. Für ihre Eltern war Bildung der Weg in ein besseres Leben - und für Valentina die Möglichkeit, etwas zurückzugeben: "Ich wollte beweisen, dass es sich gelohnt hat, für mich Energie zu investieren, alles zu verlieren", so Valentina.
Valentina (28) ist die erste Akademikerin ihrer Familie. Heute arbeitet sie als Dermatologin. Ihre Eltern kommen aus Kasachstan.
Quelle: ZDFHeute ist sie Dermatologin. Neben ihrer Arbeit gründete sie ein Medizin-Start-up und wurde 2025 sogar zur Miss Germany gekürt. Trotzdem verschwand das Gefühl, nicht genug zu sein, nie.
Ich weiß nicht, wann ich aufhöre, und sage: Heute ist der Tag, ich bin happy, das reicht mir aus. Dieses 'Wann bin ich eigentlich genug?' ist die schwierigste Frage.
Valentina
Eine unbeantwortete Frage, die sie leise zum Weitermachen antreibt.
Eine Statistik des Statistischen Bundesamts hat gezeigt, dass Migration aus vielen Berufen mit Fachkräftemangel nicht mehr wegzudenken ist, etwa in Technik- oder Lebensmittelberufen.
22.10.2025 | 0:27 minDer Preis des Beweisens
Wie weit muss man gehen, um zu zeigen, dass man hierhergehört? Als Ärztin und Unternehmerin engagiert sich Valentina zusätzlich in einer Stiftung - ein Leben, das viele überfordern würde.
Sie geht dabei so weit, dass sie an ihre Grenzen kommt. Schmerzmittel werden zum Teil ihres Alltags. Sie weiß, dass das ungesund ist und schwerwiegende Folgen haben kann - doch sie schafft es nicht, weniger zu arbeiten. Valentinas Geschichte ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Personen mit Migrationshintergrund im beruflichen Kontext signifikant häufiger unter psychischen Belastungen leiden.
Laut dem Schulbarometer leiden immer mehr Schüler unter Leistungsdruck und Mobbing.
18.03.2026 | 1:37 minSamira zeigt nur ihre starke Seite
Was Valentina erlebt, beginnt bei Samira schon während des Studiums. Auch sie kennt diese Muster. Zwischen Vorlesungen, Klausuren und Arbeit bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. "Scheitern ist keine Option", berichtet sie. Oft fühlt sie sich, als würde sie einen Marathon laufen - ohne zu wissen, wo die Ziellinie liegt. Um das alles zu schaffen, muss sie sich eine Fassade aufbauen.
Man kennt mich als die Samira, die immer stark ist. Die schwache Samira gibt's auch, aber die bleibt 'behind the scenes'.
Samira
Samira und Valentina haben sich immer wieder bewiesen - und alles erfüllt, was in Deutschland oft als Voraussetzung für Anerkennung gilt. Doch ihre Geschichten erzählen weniger davon, was Leistung möglich macht, als davon, was sie nicht ersetzen kann: das Gefühl, selbstverständlich dazuzugehören.
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