Landtagswahl in Sachsen-Anhalt:Sorge vor AfD: Was Migranten vor der Wahl umtreibt
von Hassan Rascho
Hierbleiben oder weggehen? Viele Menschen mit Migrationsgeschichte blicken besorgt auf die Landtagswahl im September in Sachsen-Anhalt und fragen sich, wie es danach weitergeht.
In ihrem Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt kündigt die AfD eine "Abschiebe- und Remigrationsoffensive" an. Viele Migranten machen sich sorgen um ihre Zukunft im Bundesland.
11.07.2026 | 5:07 minSachsen-Anhalt wählt am 6. September 2026 einen neuen Landtag. Während die AfD auf ihrem Parteitag in Magdeburg ein 100-Tage-Programm vorgestellt hat, blicken viele Menschen mit Migrationsgeschichte besorgt in die Zukunft.
Ahmad Shwihna ist 2015 vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland geflüchtet. Heute lebt er in Magdeburg. Die Stadt ist für ihn zur neuen Heimat geworden. Hier hat er Deutsch gelernt, eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht und wurde von seinem Betrieb übernommen. Doch mit Blick auf die Landtagswahl macht er sich Sorgen:
Es könnte vieles auf mich zukommen. Ich könnte abgeschoben werden oder ich könnte meine Arbeit verlieren, weil ich hier nicht mehr geduldet werden kann.
Ahmad Shwihna, Kfz-Mechatroniker
Mit dem Bürgerkrieg kamen viele Syrer nach Deutschland. Seit dem Ende des Assad-Regimes denken manche über eine Rückkehr nach. Wir begleiten einen Arzt, der eine schwere Entscheidung treffen musste.
08.07.2026 | 1:49 minWerkstattchef: Nachwuchs fehlt - mit oder ohne Migrationsgeschichte
Für Ahmad wäre Weggehen eine persönliche Entscheidung. Für seinen Betrieb wäre es ein Verlust. Werkstattchef Jens Rabenstein führt den Betrieb in vierter Generation. Gute Fachkräfte zu finden, sei schwer, sagt er.
Wenn Ahmad nicht mehr da ist, haben wir noch einen Mitarbeiter weniger.
Jens Rabenstein, Werkstattchef
Nachwuchs im Handwerk sei kaum in Sicht, unabhängig davon, ob mit oder ohne Migrationsgeschichte.
Denn Sachsen-Anhalt steht vor einem demografischen Problem, das viele Bereiche betrifft: Das Land wird älter, junge Menschen fehlen. 2024 lag das Durchschnittsalter bei 48,3 Jahren, bundesweit der höchste Wert. Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, erklärt: "Sachsen-Anhalt ist darauf angewiesen, hochqualifizierte, möglichst junge Menschen nach Sachsen-Anhalt zu holen. Und daher muss man für diese Menschen attraktiv sein."
Die AfD startete gestern ihre Wahlkampagne für die Landtagswahl in Sachsen - Anhalt. Aktuell liegt sie in den Umfragen vorn. Für die CDU könnte eine Regierungsbildung schwierig werden.
06.06.2026 | 4:10 minGesundheitssektor auf ausländische Mitarbeitende angewiesen
Besonders deutlich wird das im Gesundheitssektor. Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt warnen: "In vielen Regionen des Landes - insbesondere auch im ländlichen Raum - wäre eine flächendeckende Versorgung ohne ausländische Kolleginnen und Kollegen nicht mehr sicherzustellen. Sie tragen maßgeblich dazu bei, Praxen offen zu halten, Klinikstandorte zu stabilisieren und Wartezeiten für Patientinnen und Patienten zu begrenzen."
Wie wichtig Menschen aus dem Ausland für den Arbeitsmarkt bereits heute sind, zeigt sich im Harzklinikum, einer der größten Gesundheitsversorger im Harz.
Die AfD liegt vor der Wahl in Sachsen-Anhalt in den Umfragen weit vorn. Deshalb fordern mehrere Innenminister nun Vorkehrungen für den Fall eines AfD-Siegs. Sie sehen ein Sicherheitsrisiko.
18.05.2026 | 1:03 minHarzklinikum: Jeder dritte Arzt hat Migrationshintergrund
Dr. Salah Layka kommt aus Syrien. Nach Stationen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein leitet er seit fast zwei Jahren die Neurochirurgie am Harzklinikum. Sorgen um seine berufliche Zukunft macht er sich weniger. Ärzte mit seiner Qualifikation würden vielerorts gebraucht. "Ich bin flexibel", sagt er. "Keiner kann dir nehmen, was du kannst. Oder was du weißt".
Auch Dr. Ayman Alyoussef kommt aus Syrien. 2014 kam er wegen des Krieges nach Deutschland. Sprachkurse, Anerkennungsverfahren, mehrere berufliche Stationen folgten. Seit 2022 arbeitet er in Sachsen-Anhalt, heute ist er Oberarzt am Harzklinikum. Auch er und seine Familie denken über Möglichkeiten nach: ein anderes Bundesland, vielleicht gar auswandern.
Für das Krankenhaus wäre ein Weggang vieler ausländischer Fachkräfte ein massives Problem. "Ohne ausländische Fachkräfte könnten wir nicht mehr agieren. Das kann ich ganz praktikabel machen", sagt Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer Harzklinikum.
Jeder dritte Arzt bei uns im Krankenhaus hat Migrationshintergrund. Das bedeutet, ohne diese herzlich willkommenen, wichtigen, inhaltlich guten Leute könnten wir nicht arbeiten.
Dr. Matthias Voth, Geschäftsführer Harzklinikum
Die EU verschärft ihre Asylpolitik. Abgelehnte Asylbewerber sollen künftig zu Rückkehrzentren in Drittstaaten außerhalb der EU gebracht werden.
02.06.2026 | 1:44 minLAMSA: "Menschen haben Angst in den Augen"
Wie geht es nach der Landtagswahl weiter? Diese Frage hört auch das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt, kurz LAMSA, derzeit häufig. Geschäftsführer Mamad Mohamad kennt die Sorgen aus vielen Gesprächen. Mohamad kandidiert bei der Landtagswahl für die Grünen. "Die Menschen haben Angst in den Augen", so Mohamad. Manche fragten ihn: "Sagst du uns bitte Bescheid, wenn wir wegziehen sollen?"
Auch beim LAMSA-Sommerfest in Halle ist die Wahl präsent. "Wir wissen noch nicht, was auf uns zukommt", so Aras Badr. Fatma Hasan fragt: "Welche Folgen hat das für mich, welche Folgen hat das für meine Familie?" Gleichzeitig gibt es auch Hoffnung. "Wir müssen Kante zeigen und wir müssen auch zeigen, dass die Demokratie für uns alle wichtig ist. Es ist auch in unserem Grundgesetz geschrieben, die Würde der Menschen ist unantastbar", sagt Amidou Traoré.
Und Ahmad Shwihna? In Magdeburg hat er sich ein Leben aufgebaut. Seine Arbeit, seine Kollegen, sein Alltag - vieles davon ist hier. Nach der Ausbildung habe er die Möglichkeit gehabt, in andere Städte zu gehen, sagt er. Doch er blieb: "Die Elbe lebt in mir und ich lebe in der Elbe." Ob er bleibt, weiß er noch nicht. Aber er hofft, dass Sachsen-Anhalt auch nach der Wahl ein Ort bleibt, an dem Menschen wie er nicht nur Arbeit finden, sondern ein Zuhause.
Hassan Rascho berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Sachsen-Anhalt.
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