Joachim Gauck bei "Lanz": Sachsen-Anhalt wird ein Weckruf sein

Ex-Bundespräsident bei "Markus Lanz":Joachim Gauck: Sachsen-Anhalt wird ein neuer Weckruf sein

von Felix Rappsilber

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Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte für viele ein Weckruf sein, meint Ex-Bundespräsident Joachim Gauck. Zugleich warnt er davor, die AfD als ostdeutsches Phänomen abzutun.

Markus Lanz vom 9. Juli 2026: Markus Lanz, Joachim Gauck

Sehen Sie hier die Sendung "Markus Lanz" vom 9. Juli 2026.

09.07.2026 | 65:19 min

Die Wahl in Sachsen-Anhalt "wird einen Teil der anderen Deutschen wieder aufwecken und sie vielleicht auch etwas kampfesmutiger machen", sagt Joachim Gauck. Der ehemalige Bundespräsident warb am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" für Widerstand gegen die AfD.

"Elemente von Feigheit", also den Kopf einzuziehen und möglichst nicht laut zu werden, würden uns nicht weiterbringen, so Gauck. Mit Blick auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD gab Gauck sich gelassen:

Wenn das in Sachsen-Anhalt nun passieren sollte, wird Deutschland daran nicht untergehen.

Joachim Gauck, Ex-Bundespräsident

Gleichwohl könne ein AfD-Wahlsieg ein "neuer Weckruf" sein: "Das wird ein Schock sein für diejenigen, die uns regieren, dass nicht mehr die Profilierungsängste und -süchte in den Koalitionären das Leitmotiv sind, sondern: Was nützt diesem Land?"

Gauck mahnte zudem, die AfD nicht als ostdeutsches Phänomen zu verklären: "Leute, guckt nicht bloß die Ossis an, wen sie wählen, sondern schaut mal nach Skandinavien (...) oder in die Schweiz, wo eben dieser Prozess auch stattfindet."

Gauck: Haben Bedürfnis nach Heimat verächtlich gemacht

Der ehemalige Bundespräsident führte den internationalen politischen Rechtsruck auf einen Globalisierungskonflikt zurück: "Es ist etwas Gutes, ein Weltbürger zu sein. Aber es ist etwas Problematisches, wenn der Weltbürger abhebt und seine Beine nicht mehr auf der Erde stehen, er seiner Heimat verlustig geht."

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13.06.2026 | 1:41 min

Es sei ein Problem der Fortschrittsdebatten gewesen, dass "wir die Bedürfnisse der Menschen nach Beheimatung dort, wo wir sind, verächtlich gemacht haben":

Gerade die progressiven Menschen haben oftmals die Bedürfnisse nach Beheimatung entweder denunziert oder gar nicht richtig verstanden.

Joachim Gauck

Ex-Bundespräsident sieht Angst vor Identitätsverlust

In der Europa-Frage zeige sich diese Auseinandersetzung: "Soll Europa ein Europa der Vaterländer sein (...) oder soll es eine immer engere Gemeinschaft sein?"

Während der fortschreitenden Globalisierung hätten zwei große Bevölkerungen in Westeuropa gegen eine Verfassung gestimmt, die diese immer engere europäische Gemeinschaft positiv dargestellt hätte. 2005 war eine gemeinsame europäische Verfassung nach Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden gescheitert:

Sie haben das Gefühl: Wir verlieren einen Teil unserer eigenen Identität.

Joachim Gauck

Wenn Nationalpopulisten und deren Anhänger in ganz Europa "von einigen als Faschisten" bezeichnet würden, "greifen sie wirklich total daneben":

"Natürlich gibt es unter denen Irre und Faschisten, aber es gibt hauptsächlich verunsicherte Menschen, die sich fragen: Wo bleibe ich in einer Welt, die sich so dynamisch verändert, dass ich Existenzängste habe?"

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Gauck: AfD-Wähler flüchten auf einen Irrweg

Einerseits betonte Gauck, die Sorgen vor Identitätsverlust zu verstehen. Andererseits sagte er: "Die Menschen, die [zur AfD] flüchten, befinden sich auf einem Irrweg."

Ich verurteile [AfD-Wähler] nicht als Faschisten, sondern ich bin der Meinung, dass sie falsch wählen.

Joachim Gauck

Mit ihrer Stimme für die AfD würden sie Entwicklungen blockieren, die wir "eigentlich nötig haben": "Wir brauchen ein innovatives Deutschland, das sich gleichzeitig seiner Werte bewusst ist." Hingegen sei die AfD "mit einem alten Denken und einem Grundverdacht gegenüber unserer offenen Gesellschaft" kontaminiert. Daher habe Gauck kein Verständnis für die politischen Ziele der AfD.

"Aber wenn wir die Entwicklungen nur so deuten, dass es unter uns wieder Leute gibt, die den Führer herbeihaben wollen, dann begreifen wir nicht, dass wir es mit einer internationalen Problematik zu tun haben." Rechtspopulistische Bewegungen würden daran zweifeln, dass die "liberale Moderne der offenen Gesellschaft" der geeignete Weg für alle sei.

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Über dieses Thema berichtete "Markus Lanz" am 09.07.2026 ab 23:35 Uhr.

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