Studie im Auftrag des Bundes:Diskriminierung trifft neun Millionen in Deutschland
von Stefan Schlösser
Ob im Job, bei Behörden oder im Alltag: Viele Menschen in Deutschland erleben Diskriminierung. Eine neue Studie zeigt das Ausmaß - und, dass Betroffene oft keine Hilfe suchen.
Ob wegen ihrer Religion oder wegen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder anderen Merkmalen: Viele Menschen in Deutschland erleben Diskriminierung (Symbolfoto).
Quelle: dpaEs kostet sie große Überwindung, überhaupt mit uns zu sprechen. Sie hat Angst und möchte unbedingt anonym bleiben. Nennen wir sie Alina, eine Frau mittleren Alters, Migrationsgeschichte, aufgrund einer chronischen Erkrankung gilt sie als schwerbehindert.
Sie sitzt beim Verein Spiegelbild - Politische Bildung aus Wiesbaden, der Beratungsstelle für Antidiskriminierung. Bei ihrem Arbeitgeber wurde sie von einer anderen Mitarbeiterin immer wieder übel beleidigt, "von solchen" wie Alina bräuchten sie nicht noch mehr. Das Unternehmen müsste "bereinigt" werden, sie sei wertlos, zu nichts zu gebrauchen.
Das ging über Monate. Der Arbeitgeber bot keine Unterstützung an, sondern versetzte Alina gegen ihren Willen in einen anderen Bereich.
Die Gehälter von Frauen waren auch im vergangenen Jahr in Deutschland deutlich niedriger als die von ihren männlichen Kollegen. Frank Bethmann mit einer Einschätzung.
16.12.2025 | 0:55 minKrank durch ständige Diskriminierung
Solche Erfahrungen können krank machen, seelisch und körperlich. Alina kann seit langer Zeit selbst mit Schlafmitteln nicht mehr zur Ruhe kommen, sie war so verzweifelt, dass sie an Suizid dachte. "Ich fühle mich jetzt wirklich als Mensch dritter Klasse. Ich habe das quasi so angenommen jetzt.
Dadurch, dass sie das so oft sagt, fühle ich mich wirklich so wertlos.
Alina (Name von der Redaktion geändert), Betroffene
Diskriminierung kann fast jeden treffen
Diskriminierung findet in allen Lebensbereichen statt, jeden Tag, überall. Sie bedeutet, dass eine Person etwa wegen ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion, Alter, Behinderung oder sexueller Identität benachteiligt wird. Diskriminierung kann somit fast jeden treffen.
Wohnungsdiskriminierung ist weit verbreitet (diese Zahlen stammen nicht aus der hier genannten Studie).
Quelle: ZDFFrauen, die den Job nicht bekommen, weil sie wegen einer Schwangerschaft ausfallen könnten. Der Mann mit Behinderung, dem man die Aufgabe nicht zutraut. Die Frau mit dem ausländischen Namen, die nicht zur Wohnungsbesichtigung eingeladen wird.
Eine Deutsche mit pakistanischen Wurzeln bekam wegen ihres ausländisch klingenden Namens keinen Besichtigungstermin. Sie klagte vor dem Bundesgerichtshof wegen Diskriminierung – mit Erfolg.
29.01.2026 | 1:44 minWo Diskriminierung besonders häufig stattfindet
Wie verbreitet Diskriminierung in Deutschland ist, zeigt eine aktuelle Auswertung im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die Daten stammen aus dem Sozio-ökonomischen Panel, einer repräsentativen Langzeitstudie, für die jedes Jahr rund 30.000 Menschen zu ihren Lebensbedingungen befragt werden.
Die Ergebnisse zeigen, dass 13,1 Prozent der Befragten in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung mindestens einmal Diskriminierung erlebt haben. Besonders häufig geschieht das beim Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, im Arbeitsleben und im öffentlichen Raum. Mehr als jeder Vierte hat aber auch im Kontakt mit Ämtern, Behörden, der Schule und der Polizei diskriminierende Erfahrungen gemacht.
Viele Azubi-Stellen bleiben unbesetzt – doch nicht nur wegen fehlender Qualifikation. Eine Studie zeigt: Wer einen ausländischen Namen trägt, wird häufiger benachteiligt.
29.07.2025 | 1:30 minMenschen mit Migrationshintergrund häufiger betroffen
Nicht überraschend: Menschen mit Migrationshintergrund sind viel häufiger von Diskriminierung betroffen als Menschen ohne Migrationshintergrund. Auch wenn Diskriminierung ein subjektives Empfinden der Befragten und die Erfassung somit nicht ganz unproblematisch ist, so sind die Zahlen aus Sicht der Unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung erschreckend hoch.
Diskriminierung ist keine Randerscheinung, sondern ein Kernproblem.
Ferda Ataman, Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung
Ferda Ataman sieht darin eine Belastungsprobe für das Land. "Eine Gesellschaft, in der sich Millionen Menschen als Bürger*innen zweiter Klasse fühlen, ist instabil und anfällig." So bräuchten Betroffene viel mehr Unterstützung und Beratung.
Beleidigungen, Anfeindungen, Drohungen: Egal ob online oder offline, immer mehr Menschen in Deutschland sind von Mobbing betroffen. Das Bündnis gegen Cybermobbing warnt.
07.11.2025 | 1:55 minMehrheit der Betroffenen unternimmt nichts gegen Diskriminierung
Denn tatsächlich zeigt die Studie, dass mit 56 Prozent eine Mehrheit der Menschen nichts gegen die erlebte Diskriminierung unternimmt. Sie machen die Sache offenbar mit sich allein aus.
Alina hat erst nach Monaten für sich erkannt, dass sie Hilfe braucht. Hier in der Beratungsstelle hat man ihr zugehört, Verständnis und Lösungen gezeigt. Und Alina hat gemerkt, dass sie nicht allein ist. "Ich möchte einfach, dass es aufhört. Ich möchte ohne Angst zur Arbeit gehen."
Sie hat jetzt wieder mehr Hoffnung als zuvor, fühlt sich ein bisschen stärker, sagt sie. Aber wie ihr Fall letztendlich ausgeht, das weiß sie noch nicht.
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