Betroffene über sexualisierte Deepfakes:"Ich habe mich geschämt, ich habe mich geekelt"
von Alesia Harrer und Ulrich Hansen
"So etwas kann man nur tun, wenn man Frauen in dem Moment nicht mehr als Menschen, als fühlende Wesen sieht", sagt Theresia. Sie war betroffen von pornografischen Deepfakes.
Pornografie, Vergewaltigung, Fetisch: Deepfakes nennen sich die gefälschten Bilder im Internet, mit denen Frauen öffentlich gedemütigt werden, oft ohne rechtliche Konsequenzen.
09.08.2026 | 27:13 minDie 23-jährige Theresia erhielt 2023 viele Instagram-Nachrichten von Männern, die sie nicht kannte. "Oft mit einer sexuellen Konnotation, einem Unterton", erzählt sie. "Das fand ich komisch."
Dann schickte ihr jemand einen Link zu einem öffentlichen Profil von ihr: "Mit meinem Gesicht, meinen Bildern, meinem Namen." Ein Profil, das sie nicht kannte, das ein Fremder angelegt hatte.
Der Fall Collien Fernandes zeigt, wie verbreitet sexualisierte digitale Gewalt ist. Bundesjustizministerin Hubig will das Gesetz verschärfen. Kann digitale Gewalt so eingedämmt werden?
26.03.2026 | 33:12 minViele Bilder auch mit Gewaltszenen
Sie fand dutzende Deepfakes, gefälschte Bilder: "Explizit pornografische Situationen, wo auch Penetration gezeigt wurde", berichtete sie. "Einige haben meiner Meinung nach Vergewaltigung oder sexualisierte Gewalt gezeigt."
Ich habe mich geschämt, ich habe mich geekelt und dann habe ich mir selbst die Schuld gegeben dafür, dass ich ein öffentliches Instagram-Profil habe.
Theresia, von Deepfakes Betroffene
So beschreibt Theresia ihre Gefühle. "Ich wusste, dass ich mich selbst für immer ein bisschen anders betrachten werde. Und dass, wenn Leute mich einmal so gesehen haben - degradiert, gedemütigt, nackt -, dass vielleicht auch sie mich für immer so sehen werden."
Lebensechte KI‑Fälschungen lassen sich heute leicht erstellen - auch im pornografischen Kontext. Betroffene finden sich plötzlich in Videos im Netz. Eine junge Frau erzählt ihre Geschichte.
03.02.2026 | 2:54 minErmittlungen der Polizei bald eingestellt
Auch für die 32-Jährige Atessa hat sich das Leben nach Deepfakes verändert. Besonders getroffen hat sie die Reaktion der Ermittlungsbehörden.
Für mich ein Schlag ins Gesicht war, dass sehr schnell diese Bescheide von der Polizei über die Einstellung der Ermittlungen kamen.
Atessa
Atessa ist Ähnliches passiert wie Theresia: Ein Unbekannter veröffentlichte falsche Profile von ihr, nutzte ihre Bilder, chattete unter ihrem Namen in Sex-Foren.
Immer wieder finden Frauen pornografische Deepfakes von sich im Internet, die Täter stammen oft aus dem Umfeld. So war es auch bei Atessa.
Quelle: ZDF"Das netteste Forum war noch 'Matratzen-Sport'", erzählt Atessa. Unter ihren eigenen Urlaubsfotos fand die 32-Jährige zahlreiche Kommentare: "So Nettigkeiten: 'Umdrehen, vorbeugen, in den Arsch ficken lassen'. Das ist so ein exemplarischer Kommentar. Unter manchen Bildern gab es 120 Kommentare."
Josephine Ballon von der Organisation HateAid spricht bei ZDFheute live über die einfache Nutzung von KI-Anwendungen, die missbräuchliche sexualisierte Deepfakes produzieren können.
07.05.2026 | 7:52 minRecherche auf eigene Faust
Weil die Ermittlungen immer wieder eingestellt wurden, beschloss Atessa, selbst zu recherchieren. Ihr Profil ist privat, der Täter musste also einer der 300 Follower sein. Sie teilte sie daher in Gruppen ein, postete ihnen individuelle Bilder.
So gelang es ihr, die Verdächtigen auf 20 zu reduzieren. "Einerseits wusste ich, es tut mir mental nicht gut, da immer wieder reinzugucken", erzählt Atessa.
Aber gleichzeitig war mir klar, wenn ich das nicht selbst in die Hand nehme, kümmert sich keiner drum.
Atessa
Beim Joggen gefilmt, ohne dass es strafbar ist - Yanni Gentsch setzt sich mit einer Petition dafür ein, dass heimliche Aufnahmen künftig bestraft werden.
25.08.2025 | 1:49 minJunger Uni-Mitarbeiter als Täter entlarvt
Drei Wochen nachdem Theresia, nicht ohne Schwierigkeiten, Anzeige erstatten konnte, bekam sie Post von einem Kriminalkommissar. Er hatte jemanden ausfindig gemacht.
"Ich war schockiert, dass es jemand in meinem Alter war. Jemand, der an der Uni arbeitet. Sich demokratisch in einer Partei einbringt." Sein Motiv: "Offiziell hat wohl die Person gegenüber der Staatsanwaltschaft gesagt, dass ihm die Deepfakes geholfen hätten, als es ihm mental nicht gut ging, damit klarzukommen und im Rollenspiel sich besser zu fühlen."
Theresia, die auch politisch aktiv ist, glaubt ihm nicht.
Ich bin der Meinung, die Intention des Täters war, durch die Demütigung und Erniedrigung von jungen Frauen, die sich politisch engagieren, ein Machtgefühl zu bekommen.
Theresia
Auch in Atessas Fall wurde der Täter gefunden. "Sitzen Sie gerade, wollen Sie wirklich den Namen wissen?", fragt der Polizist. "Dann sagte er mir den Namen", erzählt Atessa,
Ich habe angefangen zu heulen, denn das war ein sehr guter Freund zu Schulzeiten, zu Abi-Zeiten, wir haben unheimlich viel Zeit miteinander verbracht.
Atessa
Nach dem Skandal um sexualisierte KI-Bilder von Elon Musks Chatbot Grok hat die EU-Kommission ein Verfahren gegen X eingeleitet. Es droht eine Millionenstrafe. Ein Urteil ist noch nicht gefallen.
27.01.2026 | 2:03 min
Keine Entschädigung für Demütigung
Atessa bekam 2.000 Euro wegen Verletzung des Copyrights. Eine Entschädigung für die öffentliche Demütigung bekam sie nicht. Auch Theresia erhielt keine Entschädigung. Immerhin: Der Täter wurde mit 100 Tagessätzen bestraft, wegen Verleumdung, Nachstellung und einem Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz.
Beide Frauen haben lange gebraucht, die Vorgänge zu verarbeiten. Atessa hat ihren Kraftsport intensiviert. Theresia studiert Jura - und engagiert sich für schärfere Gesetze gegen die Täter.
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