Deepfakes und digitale Gewalt:Darum gilt Spanien als Vorreiter beim Schutz von Frauen
von Cintia Gigato, Madrid
Bereits seit 2004 verfügt Spanien über wegweisende Gesetze gegen "geschlechtsspezifische Gewalt". Wie das Land Frauen nun vor Deepfakes schützen will.
Das spanische Recht sieht z.B. Online-Belästigung und Stalking bereits als sexuelle Gewalt. Nun will die Regierung auch die Nutzung von Deepfakes ohne Zustimmung per Gesetz strenger verfolgen.
30.03.2026 | 2:35 minDas Verbreiten oder Veröffentlichen intimer Bilder, die Androhung sexueller Gewalt oder der Identitätsdiebstahl - nur einige Vergehen, die in Spanien als digitale Gewalt gelten.
Die Gesetze des Landes ermöglichen es, eine ganze Reihe solcher Handlungen strafrechtlich zu verfolgen, die Behörden in Spanien gelten dabei europaweit als Vorreiter. Aber auch auf der iberischen Halbinsel sind neuere Gewaltphänomene wie sexuelle Deepfakes bislang kein eigener Straftatbestand.
Hohe Sensibilisierung für Gewalt gegen Frauen
Spaniens "Gesetz gegen geschlechtsspezifische Gewalt" wurde bereits im Jahr 2004 verabschiedet. Ana Alguacil, Strafverteidigerin in Madrid, erklärt, dass "geschlechtsspezifische Gewalt im digitalen Raum dann vorliegt, wenn sie von einem Mann gegen eine Frau im digitalen Umfeld ausgeübt wurde".
Neben spezialisierten Gerichten für Gewalt an Frauen, einem Staatsanwalt für geschlechtsspezifische Gewalt und speziell ausgebildeten Richter*innen gibt es in Spanien seither entsprechende Schulungen für Anwält*innen, Polizist*innen und Lehrkräfte.
Collien Fernandes geht gegen Deepfake-Pornos von sich vor. Sie hat in Spanien Strafanzeige gestellt und geht mit schweren Vorwürfen an die Öffentlichkeit.
20.03.2026 | 1:56 minVerschärfung des Gesetzes: "Nur Ja heißt Ja"
Im Jahr 2022 wurde die Gesetzgebung verschärft - das "Gesetz zur umfassenden Garantie der sexuellen Freiheit" regelt auch den Umgang mit digitaler Gewalt. Wer etwa Bilder, die die Intimsphäre einer Person beeinträchtigen, verbreitet, offenlegt oder an Dritte weitergibt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe rechnen.
Wer solche Bilder erhält und weiterverbreitet, kann ebenfalls mit einer Geldstrafe belegt werden. Besonders hart fallen die Strafen aus, wenn eine solche Tat vom (Ex-)Partner begangen wird. Die Gesetzesnovelle bezieht sich jedoch nicht explizit auf den Umgang mit Nacktbildern, die mit KI generiert werden. Hier soll nun nachgebessert werden. Ausschlaggebend dafür waren die Ereignisse in einer ländlichen Kleinstadt.
Durch künstliche Intelligenz werden aus harmlosen Fotos pornografische Inhalte entwickelt. Gegen die sogenannten "Deepfake-Pornos" gibt es noch keine direkte gesetzliche Handhabe.
22.11.2025 | 1:38 min"Skandal von Almendralejo" weckt Bewusstsein für Deepfakes
Zu Beginn des Schuljahres 2023 kursierten in Almendralejo, einer Ortschaft in der Extremadura-Region, Bilder von nackten Schülerinnen im Teenageralter. Digitale Fälschungen, die man heute als Deepfakes bezeichnet.
Eine Gruppe minderjähriger Jugendlicher nutzte KI, um die Gesichter der Mädchen auf Bilder nackter Körper zu montieren. Die Deepfakes wurden anschließend unter anderem über WhatsApp oder soziale Medien geteilt.
"Es setzte einen Präzedenzfall: Das darf so nicht passieren", sagt Miriam Al Adib, Mutter eines der betroffenen Mädchen.
Es rüttelte die Gesellschaft wach. Es passierte zwar auf der ganzen Welt, aber man wusste nicht einmal, was ein Deepfake ist.
Miriam Al Adib, Mutter von Betroffenen
Obwohl das Gesetz von 2022 einen rechtlichen Rahmen zur Verfolgung von Straftaten geschlechtsspezifischer Gewalt im digitalen Raum bot, zeigte der Fall, dass sich Technologie schneller entwickelt als die Rechtsprechung.
Die Bundesregierung wolle jetzt einen Straftatbestand gegen digitale Gewalt, so ZDF-Redakteurin Greipl. Wichtig sei aber auch, dass Fakes nicht mehr über Suchmaschinen gefunden werden können.
20.03.2026 | 8:07 minGesetzesentwurf gegen Deepfakes
Eine Folge des Skandals von Almendralejo: Seit Januar liegt ein neuer Gesetzesentwurf auf dem Tisch des Justizministeriums. Demnach solle in Zukunft "die Verwendung der Stimme oder des Bildes einer Person unter Einsatz von künstlicher Intelligenz als unrechtmäßig" gelten, erklärte im Januar 2026 Justizminister Félix Bolaños.
Die Erstellung von Deepfakes mit sexuellem oder erniedrigendem Inhalt soll mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. Wird das Material über Social Media verbreitet, beträgt die Mindeststrafe ein Jahr und sechs Monate, unabhängig davon, ob das Opfer minderjährig oder erwachsen ist.
Der Fall Collien Fernandes zeigt, wie verbreitet sexualisierte digitale Gewalt ist. Bundesjustizministerin Hubig will das Gesetz verschärfen. Kann digitale Gewalt so eingedämmt werden?
26.03.2026 | 33:12 minÜberlastung der Gerichte
Auch wenn Spanien als Vorreiter im Kampf gegen "geschlechtsspezifische Gewalt" gilt, ist das System nicht ohne Herausforderungen:
Die Spezialisierung hat zum Kollaps geführt.
Ana Alguacil, Strafverteidigerin und ehemalige Strafrichterin
"Die Gerichte für geschlechtsspezifische Gewalt haben eine sehr hohe durchschnittliche Verfahrensdauer bei der Bearbeitung ihrer Fälle. Daher ist der Schaden für das Opfer bereits eingetreten, wenn diese Bilder sich schon unter Tausenden von Menschen verbreitet haben, viral gegangen sind und weit verbreitet wurden - selbst wenn einstweilige Maßnahmen ergriffen werden, die eine weitere Verbreitung oder Nutzung dieser Bilder untersagen", erläutert Strafverteidigerin und ehemalige Strafrichterin Ana Alguacil.
Auch wenn die Gesetze der Realität hinterherhinken und sich Straftaten im digitalen Raum immer schneller entwickeln, bleibt Spanien bemüht, mit den rasanten Veränderungen Schritt zu halten. Für das Gesetz gegen Deepfakes fehlt der spanischen Regierung allerdings derzeit die erforderliche Mehrheit im Parlament.
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