AKW-Drosselungen in Frankreich:Wie anfällig sind Kernkraftwerke im Hitzestress?
von Mark Hugo
Wie gut stecken Kernkraftwerke Hitze weg? In Frankreich gingen zuletzt Reaktoren vom Netz, weil das Wasser in den Flüssen zu warm war. Eine Energiekrise drohte dort nicht.
Europa hat Ende Juni extreme Hitze erlebt: Frankreich verzeichnet einen historischen Hitzetag.
24.06.2026 | 2:30 minIn Frankreich wurde vergangene Woche gleich mehrfach der Temperatur-Rekord gebrochen: Schließlich meldete der französische Wetterdienst Météo-France, dass in Pissos 44,3 Grad gemessen wurden.
Die europaweite Hitzewelle hatte zur Folge, dass sich das Wasser in Flüssen so sehr erwärmte, dass Kernkraftwerke in Frankreich und der Schweiz gedrosselt oder ganz heruntergefahren werden mussten. Denn diese nutzen das Wasser zur Kühlung.
In Frankreich ist in der vorigen Woche den zweiten Tag in Folge der Rekord für den heißesten Tag gebrochen worden. Die landesweit höchste Temperatur verzeichneten zwei Gemeinden im Westen.
25.06.2026 | 0:21 minAnderes Szenario in Frankreich als im Sommer 2022
Das erinnert an den Sommer 2022, als Frankreich mit Engpässen zu kämpfen hatte und massiv Strom unter anderem aus Deutschland zukaufen musste. Ein ähnliches Szenario drohte diesmal allerdings nicht.
Die Voraussetzungen waren damals anders, sagt Energieexperte Leonhad Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. Im Sommer 2022 sei es aufgrund von Rissen im Notkühlsystem und von Verzögerungen bei der Wartung zeitweise zum Ausfall von mehr als der Hälfte der französischen Kernkraftwerke gekommen. Die Hitze kam nur noch dazu und führte zu erheblichen Problemen auf dem europäischen Strommarkt.
Insgesamt ist Frankreich heute deutlich besser aufgestellt als während der Ausnahmesituation im Sommer 2022.
Leonhad Gandhi, Fraunhofer ISE
Der in Frankreich produzierte Strom ist nach Daten des Think Tanks Ember Energy 2025 zu 69 Prozent aus Kernkraftwerken und zu 13 Prozent aus Wind- und Solaranlagen gekommen. Der Anteil liegt damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 30 Prozent. Allerdings baut nun auch Frankreich die Erneuerbaren aus. 2016 lag der Anteil von Wind und Solar bei nur 5,4 Prozent und hat sich damit seitdem mehr als verdoppelt. Der Anteil an Kernenergie ist tendenziell rückläufig. 2016 lag er noch bei mehr als 72 Prozent.
Gaskraftwerke mussten für Kernkraftwerke einspringen
Die aktuellen Leistungsdrosselungen seien dagegen ein "bekanntes und grundsätzlich erwartbares Phänomen", so Gandhi. Der französische Betreiber gab bekannt, dass er die Leistung zeitweise um 4,1 Gigawatt reduzieren musste. Dies entspreche sieben Prozent der gesamten Stromnachfrage. Dadurch mussten teure Gaskraftwerke einspringen, was die Preise steigen ließ, aber nicht zu Engpässen führte.
Hitzewellen mit solchen Hitzerekorden "hat es bisher nicht gegeben", sagt ZDF-Meteorologe Özden Terli. Durch das CO2 in der Atmosphäre werden die Temperaturen "immer weiter steigen".
28.06.2026 | 2:05 minAbwärme verschärft Hitzeproblem in Flüssen
Dass Kernkraftwerke bei zu viel Hitze grundsätzlich aber Probleme haben, hat keine technischen Gründe, sondern vielmehr damit zu tun, dass die Flüsse nicht zusätzlich aufgeheizt werden dürfen.
Ein Kernkraftwerk wandelt nur etwa 30 bis 35 Prozent der im Reaktor erzeugten Wärme in Strom um. Der Rest ist Abwärme, die abgeführt werden muss - vor allem über Kühlwasser, das aus dem Meer oder aus Flüssen entnommen und dann wieder dahin zurückgeleitet wird.
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24.04.2026 | 10:47 minFür die Lebewesen in den Flüssen ist zu viel Hitze ein Problem. Tiere brauchen dann mehr Sauerstoff. Gleichzeitig kann warmes Wasser weniger Sauerstoff lösen. Das führt zu Atemproblemen, im Extremfall zum Fischsterben.
Zusätzlich kann es zu schnellem und übermäßigem Algen- und Bakterienwachstum kommen oder dazu führen, dass kälteliebende Arten verschwinden und sich wärmeliebende dort ausbreiten.
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20.10.2024 | 28:44 minIn Frankreich gelten Wärme-Grenzwerte für Flüsse
Es geht also darum, das ökologische Gleichgewicht ganzer Flüsse zu schützen. Deshalb gibt es in Frankreich Auflagen. "Der Grenzwert für die Flusstemperatur liegt an vielen Standorten bei etwa 25 Grad Celsius, wobei je nach Kraftwerk und Genehmigung auch Ausnahmeregelungen möglich sind", erläutert Energieexperte Leonhad Gandhi.
Der 25-Grad-Grenzwert gilt etwa für die Rhône, an der gleich mehrere Kraftwerke stromabwärts hintereinander liegen, darunter Bugey, Saint Alban, Cruas und Tricastin. Ohne Begrenzung würde sich der Effekt aufsummieren.
Dass sich Nachbarländer wie Frankreich und Deutschland gegenseitig immer wieder mit Strom beliefern, liege am europäischen Strommarkt. Der sei so organisiert, dass Strom "grenzüberschreitend dort erzeugt wird, wo dies gerade am günstigsten ist", erklärt Energieexperte Leonhard Gandhi. Es hänge also an Marktbedingungen und nicht an Abhängigkeiten. "Deutschland verfügt grundsätzlich über ausreichende Erzeugungskapazitäten und könnte sich jederzeit selbst versorgen."
Hitzebedingte Einschränkungen könnten zunehmen
Hat die Kernenergie also grundsätzlich ein Hitzeproblem? "Die hitzebedingten Einschränkungen dürften mit zunehmenden Hitzewellen künftig häufiger auftreten", erklärt Gandhi.
Kraftwerke mit Kühltürmen seien zwar grundsätzlich weniger betroffen, sagt Gandhi, da das Wasser darin verdunstet und in geringeren Mengen zurückgeleitet wird. Ein Problem kann dann aber Niedrigwasser werden, da Kühltürme viel Wasser aus den Flüssen brauchen.
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26.04.2026 | 1:25 minWas nicht nur in Frankreich Abhilfe schaffen könnte
"Abhilfe schaffen aufwendige Nachrüstungen der Kühltechnik an den Altanlagen oder ergänzende Speicher", sagt Gandhi. Für den Experten stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht langfristig wirtschaftlicher wäre, Strom-Speicher in Kombination mit Solaranlagen zu bauen als Kernkraftwerke weiterzubetreiben.
Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion
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